Kleiner Geheimtipp

Professional audio hat das bislang günstigste Video-Mikrofon von Hersteller RØDE getestet und ist davon überzeugt, dass das neue Kamerabegleiter zum Geheimtipp (nicht nur) in der privaten Videofilmer- und Bloggerszene werden könnte. Aber lesen Sie selbst!

Von Sylvie Frei

Der australische Mikrofonhersteller RØDE ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, wenn es um den Bau von Kamera-Mikrofonen für Videofilmer geht. Seine Produkte zählen nicht nur für Hobbyfilmer zu den beliebtesten Video-Zuberhörteilen – auch im Advanced- und Pro-Bereich sieht man sie häufig. Das hat seinen Grund, denn die Video-Mikrofone des Herstellers sind bekannt für ihre gute Qualität zu überschaubaren Preisen. Das hat sich auch in unseren Professional audio-Tests bislang bestätigt. RØDEs Videomic, Videomic Pro, Stereo Videomic Pro und Stereo VideoMic X haben sich überwiegend mit guten Gesamtnoten und sehr guten Preisleistungsnoten in der Oberklasse positioniert. Mit dem im Vergleich zu den bisher getesteten Modellen deutlich anders konzipierten VideoMicro hat der Hersteller erneut die Hobbyfilmer im Visier und möchte mit einem noch verlockenderen Preis von nur 76 Euro (UVP) das untere Preissegment gehörig aufmischen. Zum Vergleich: Die bisher getesteten Modelle sind für Preise zwischen 109 und 250 Euro (UVP) zu haben.

Das VideoMicro richtet sich vor allem an Hobbyfilmer, Videoblogger und sonstige Videografen, die bei der mittlerweile fast geräteübergreifend sehr guten Bildqualität auch mit entsprechend gehobenen Ton aufzeichnen wollen – seien es nun Sprache, Atmo-Ton, Musik oder andere Umgebungsgeräusche. Beim VideoMicro handelt es sich um ein Mono-Kondensatormikrofon, genau genommen ein Kleinmembranmikrofon, das via Plug-in-Power über den Akku der DSLR-Kamera, des Camcorders oder des Mobilgerätes versorgt wird. Ein elastischer Blitzschuh- und Kamera-Stativ-Adapter und ein aufwändig gestalteter Fellwindschutz sind im Lieferumfang enthalten. Erwähnenswert: Nutzer, die ihr VideoMicro registrieren, erhalten eine zehnjährige uneingeschränkte Garantie auf das Produkt.

Solide konstruiert

Optisch und haptisch macht das VideoMicro schon einmal einen absolut wertigen und robusten Eindruck. Das Gehäuse besteht aus Aluminium und ist mit einer schwarzen, kratzfesten Keramikummantelung versehen. Mit Maßen von nur 2 x 8 cm und einem Gewicht von nur 42 Gramm ist das stabile Mikro dennoch kompakt und leicht und bringt kein übermäßiges Zusatzgewicht auf die Waage, das beim Filmen aus der Hand lästig werden könnte.
Ansonsten ist das VideoMicro wie ein zu kurz geratenes Richtrohrmikrofon konstruiert, an dessen Ende sich die 13 mm-Klein-Membran befindet. Des Weiteren ist mit einem einzelnen 3,5 mm-Miniklinkenanschluss versehen. Auf weitere Features wie etwa Hochpassfilter, Höhen-Boost oder Vordämpfung hat der Hersteller bei dieser Preisklasse verständlicherweise verzichtet.

Einfaches Setup, wertiges Zubehör

Das Setup
Anders als typische Richtrohre besitzt das VideoMicro keine Keulen-, sondern eine Nieren-Charakteristik, die zwar noch immer ein relativ intimes Klangbild ohne viel Raumeindruck, aber keinen allzu stark gerichtetes Klangeindruck liefert. Dennoch sollte das Mikrofon möglichst direkt in die Richtung ausgerichtet werden, aus der die Hauptklangquelle kommt, sei es beispielsweise ein Sprecher vor der Kamera. Soll aus der Nähe gefilmt werden, sprich mit weniger als oder maximal 2 m Abstand zur Klangquelle, lässt sich das Mikrofon einfach auf der im Lieferumfang enthaltenen elastischen Halterung auf dem Blitzschuh der Kamera montieren. Die auf den geschützten Namen Rycote-Lyre getaufte Halterung aus Kunststoff ist nur wenige Gramm schwer und besteht aus einer mit dem Blitzschuh fest verschraubbaren Adapter und einem elastischen Doppelbogen, in dem sich ein bedingt flexibler, innen gummierter Ring befindet, der oben geöffnet ist. In diesen Ring lässt sich mit einiger Fingerkraft das VideoMicro hineindrücken und wird von da an absolut sicher und rutschfest in Position gehalten. Der leicht wippende elastische Doppelbogen dient der Entkopplung des Mikrofons von Kamera- und Trittschallgeräuschen. Trotz Kunststoff-Konstruktion macht auch die Rycote-Lyre-Halterung einen durchaus wertigen Eindruck. Bruchgefahr besteht zu keiner Zeit, selbst beim Einsetzen des Mikrofons, bei dem wie erwähnt etwas mehr Krafteinwirkung nötig ist.

Zur alternativen Positionierung des Mikrofons – falls man den Ton über Kopf angeln muss/möchte oder die Kamera keinen Blitzschuh besitzt, ist die Halterung außerdem mit einem Stativgewinde für Standard-Kamerastative ausgestattet. Damit lässt sich das Mikrofon auch auf einer Tonangel oder einem Stativ positionieren. Je nach Setup erfordert dies allerdings ein Verlängerungskabel, denn das im Lieferumfang enthaltene Spiral-Miniklinkenkabel, welches das VideoMicro mit der Kamera verbindet, kann die wenigen Zentimeter vom Blitzschuhadapter zum Mikrofoneingang der Kamera zwar problemlos überbrücken, doch bei mehr als etwa 25 Zentimetern ist eben Schluss.

Ohne Batterien
Nachdem wir bei vergangen Tests manchmal Probleme mit den Batterie-Fächern der RØDE-Kamera-Mics hatten – sie waren mitunter schwer zu öffnen oder zu schließen – kommt das VideoMicro ganz ohne Batterien aus, was auch der Umwelt zu Liebe sehr erfreulich ist. Es genügt das Mikrofon mit dem Miniklinkenkabel mit dem Mikrofoneingang der Kamera, des Camcorders oder des Mobilgeräts zu verbinden. Das kleine Mic wird nämlich über Plug-in-Power (3 bis 8 Volt) versorgt. Dies bedeutet jedoch auch, dass der Akku der Kamera womöglich etwas früher in die Knie geht, als wenn ohne Mikrofon gefilmt wird. Voraussetzung für den Einsatz ist des VideoMicro ist selbstverständlich in diesem Fall, dass die Filmkamera über einen Mikrofoneingang verfügt, der Plug-in-Power im angegebenen Voltbereich zur Verfügung stellt.

Mission Puschel-TV
Für den Einsatz im Freien, bei dem natürlich mit Wind- und Wettereinwirkungen zu rechnen ist, hat RØDE dem VideoMicro einen gut verarbeiteten Fellwindschutz verpasst. Anders als viele Fiffis dieser Art handelt es sich bei diesem possierlichen Exemplar um eines, das einen großporigen Schaumstoffkern besitzt, der anschließend mit Kunstfellstoff überzogen wurde. Der Windschutz behält so selbst dann seine fellkugelige Form, wenn er gerade nicht aufs Mikrofon gesteckt ist und ist quasi ein doppelter Schutz, der Schaumstoffkappe und Fellüberzug vereint. Die Öffnung, die stets kreisrund und offen bleibt und damit das Aufstecken aufs Mikrofon unkompliziert und einfach gestaltet, ist außerdem mit einem Gummiring versehen, der den Fellwindschutz (ver)rutschfest in Position hält. Wir sind schon gespannt, ob dieser mit deutlich mehr Aufwand als vergleichbares Zubehör gestaltete Puschel in der Praxis sein Versprechen hält und zuverlässig vor Windeinwirkungen schützt, ohne das Signal zu leise oder zu dumpf zu machen.

Natürlicher Klang

Für unseren Praxistest setzen wir das VideoMicro in der Rycote-Lyre-Halterung auf den Blitzschuhadapter unserer Nikon-DSLR-Kamera und verbinden es mit dem Mikrofoneingang derselben. Das Pegeln ist nun von Kamera zu Kamera verschieden. Manche Geräte lassen den Pegel dB-genau von Hand einstellen, die einen kennen drei oder mehr verschiedene Lautstärke-Level, andere warten mit einer Pegelautomatik auf und wieder andere bieten mehrere Optionen gleichzeitig an. Welcher Modus der praktischste ist, muss hier jeder Nutzer individuell herausfinden. Wir schwören, wenn möglich, auf das manuelle Pegeln, wobei auch die meisten Automatiken gute Dienste leisten. Das VideoMicro ist ein etwa durchschnittlich lautes Mikrofon, sodass wir den Pegel, auch für leisere Aufnahmen nicht übermäßig aufdrehen müssen. Anschließend experimentieren wir mit unterschiedlichen Klangquellen vom Sprecher, über Atmogeräusche bis zu Gesang. Für unsere Outdoor-Experimente kommt der putzige Fellwindschutz zum Einsatz.
Das VideoMicro macht bei sämtlichen Einsätzen eine überaus gute Figur. Die Sprecher- und Gesangsstimmen klingen sehr natürlich und gut verständlich, ohne dass es eine überdeutliche Anhebung der Höhen und eine damit verbundene Verfärbung des Stimmcharakters gäbe. Tatsächlich klingt es wie „Natur pur“. Bei sehr naher Mikrofonierung (kleiner/gleich 50 cm) ist indes eine leichte (bauartbedingt) Anhebung der Höhen zu bemerken, die allerdings nicht stört und lediglich der Sprachverständlichkeit zu Gute kommt und gewollt ist, gerade, da sich die Höhen bei etwas weiterem Abstand zur Klangquelle sonst gerne verabschieden. Das Impulsverhalten ist gut, die Auflösung für die Preisklasse absolut in Ordnung.
Die Umgebungsgeräusche und der Raumhall treten in gemäßigter Form mit auf die Aufnahme. Das Ausblenden von Nebengeräuschen auf der Straße gelingt so nicht optimal – dafür wäre ein echtes Richtrohr mit Keulencharakteristik noch etwas besser geeignet. Für das Anfertigen von echten Atmoaufnahmen wäre ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik oder ein Stereomikrofon besser geeignet, aber eingeschränkt gelingt es auch mit dem VideoMicro, mit dem zwar die Räumlichkeit wenig zu Tage tritt, aber die Authentizität der Klänge und Geräusche gewährleistet ist. Auch bei der Aufnahme von Musik muss sich das kleine Mic überhaupt nicht verstecken. Mit einem guten Impulsverhalten und einem sehr natürlichen, verfärbungsfreien Klang zeichnet es unsere Gesangsstimme auch bei sehr dynamischen Performances solide und ausgewogen über das gesamte Frequenzspektrum auf. Der Aufnahme von Musik – sofern das in Mono sinnvoll ist – steht also bei entsprechend naher Mikrofonierung ebenfalls nichts im Wege. Selbst tiefe Frequenzen, wie etwa tiefe Bau- oder Straßengeräusche, kommen mit dem VideoMicro solide auf die Tonspur. Das Thema Rauschen – sei es von der Kamera oder vom Mikrofon selbst – spielt bei dem kleinen Mikrofon indessen kaum eine nennenswerte Rolle. Bei lauten Musikaufnahmen fällt es überhaupt nicht auf, bei leisen Sprachaufnahmen ist ein wenig unauffälliges und klanglich die Qualität nicht gefährdendes Rauschen hörbar, das jedoch im Vergleich zu vielen anderen Kameramikrofonen, die grundsätzlich einen gewissen Rauschpegel einfangen, nicht erwähnenswert ist.
Beim Outdoor-Einsatz zeigt sich der puschelige Helfer als wirksamer Schutz zumindest bei leichten Luftzügen. Weht der Wind jedoch stärker auf das Mikrofon, lässt sich das Geräusch nur abmildern, jedoch nicht mehr völlig eliminieren. Dämpfende- oder pegelreduzierende Eigenschaften können wir indes kaum feststellen – auch mit Fiffi klingt alles natürlich, klar und laut.

Einsatzempfehlung

Das VideoMicro sei allen Videofilmern wärmstens empfohlen, die natürliche Monosprach- oder mitunter auch Mono-Musikaufnahmen für ihre Filmprojekte in einer absolut sendefähigen Qualität benötigen – vorausgesetzt, sie besitzen eine Kamera mit einem Plug-in-Power-fähigen Miniklinken-Mikrofoneingang. Von der Interviewsituation, über das Filmen von (beispielsweise Instrumenten-)Workshops bis zum Mono-Livemitschnitt, bietet das kleine Kompaktmikrofon, klanglich und ausstattungstechnisch alles, was das budget- und dennoch qualitätsbewusste Filmerherz wirklich benötigt. Preisleistungstechnisch ist dieses Mikrofon samt seiner Zubehörteile schwer zu überbieten und könnte die Konkurrenz, die hier mitunter mit deutlich schlechterer Qualität, sowohl was das Rauschen als auch die Klangnatürlichkeit angeht, zu höheren Preisen aufwartet (siehe auch Bestenliste), ordentlich ins Schwitzen bringen.

Fazit

Hut ab: Was RØDE da mit dem VideoMicro ins Rennen schickt, überzeugt mit klarem, natürliche Klang muss sich nicht im Hobbybereich verstecken. Das Kamera-Mic kann sich auch getrost auf den Blitzschuh eines Semiprofis oder Profis setzen. Sendefähiger Ton? Absolut ja.

Erschienen in Ausgabe 03/2016

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 76
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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