Die Violetten kommen!

Lila, der letzte Versuch? Nicht, wenn es um Mikrofone der Marke Violet Design geht. Die beiden neuen Großmembran-Mikrofone The Atomic und The Maestro haben sogar Ambitionen erste Wahl zu sein, wenn es um klangvolle Studio-Aufnahmen geht.

Von Sylvie Frei

Die Farbe Violett spaltet bekanntlich die Geschmäcker in mindestens zwei Lager. So weiß der Sofaverkäufer Paul Winkelmann in Loriots Ödipussi: „Violett ist nicht ungefährlich. […] Frauen bringen sich in violetten Sitzgruppen um… alleinstehende Frauen.“ Andererseits war Purpur lange eines der teuersten und edelsten Farbpigmente der Welt (es wurde aus der Drüse der Pupurschnecke gewonnen) und ist bis heute eine wichtige Symbolfarbe im kirchlichen Umfeld. Nicht zuletzt hat die Farbe auch eine Verbindung zum Rock’n’Roll (siehe Deep Purple), womit wir die Abzweigung zur Musik gerade noch so erwischt haben …

Denn in diesem Test geht es um Mikrofone der Marke Violet Design. Dass die lettische Manufaktur mit Firmensitz in Estland Mikrofone bauen kann und damit der umstrittenen Farbe zu neuem Ruhm verhilft, hat Violet Design bereits mit den Modellen Famingo Standard (Test in Heft 12/2007), The Wedge (Test in Heft 2/2009), The Garnet (Test in Heft 1/2011) sowie Amethyst Standard und Vintage (Test in Heft 2/2012) eindrucksvoll unter Beweis stellen können. Sämtliche getestete Modelle landeten mit sehr guten Noten in unserer Spitzenklasse-Kategorie, sind aber auch mit unverbindlichen Richtpreisen zwischen 661 und 4.840 Euro in Sachen Investition alles andere als ein Pappenstil. Umso erfreulicher ist es da, dass Violet Design mit zwei seiner neuesten Modelle, The Atomic und The Maestro, preislich merklich tiefer ansetzt. Denn das Atomic ist für eine UVP von nur 295 Euro, das etwas aufwändiger konstruierten Maestro für noch immer überschaubare 529 Euro zu haben.

Die beiden neuen Violet-Modelle verstehen sich in erster Linie als Gesangsmikrofone, sind aber auch klassische Studio-Allrounder, die sowohl zur Aufnahme von akustischen Instrumenten jeglicher Art als auch zur Amp-Mikrofonierung genutzt werden können. Ob die beiden Violet-Schallwandler mit den höherpreisigen Schwestermodellen in Studio und Messlabor mithalten können, haben wir für Sie herausgefunden. Beide Mikrofone sind für Stereoaufnahmen übrigens auch als „matched pair“ erhältlich.

Äußerlichkeiten

Während sich das vergleichsweise kleine Atomic in einem edel anmutenden, dunkelvioletten röhrenförmigen Gehäuse verbirgt, das direkt in den gleichermaßen geformten feinporigen, schwarzen Drahtgeflecht-Korb mündet, folgt die Designlinie des deutlich größeren, geschmackvoll dunkel glitzernden Maestro dem klassischen Design der Neumann-Flasche. Die oberhalb des Gehäuses thronende Kapsel des Maestro ist sogar von zwei schwarzen Drahtgeflecht-Körben umgeben, einem inneren feinmaschigen und einem äußeren grobmaschigen. In beiden Mikrofonen sind die Kapseln aufrecht stehend verbaut, die Einsprechrichtung ist demnach wie bei den meisten Großmembran-Mikrofonen seitlich. Sie wird bei den beiden unidirektionalen Mikrofonen mit Nierencharakteristik von den goldenen Violet Design-Logos markiert. Atomic wie Maestro machen einen sauber verarbeiteten Eindruck. Die Kapsel des Maestro wird im Übrigen von drei Sicherheitsschrauben am Korb während des Transports gehalten. Vor dem Betrieb sollten diese aber laut Hersteller unbedingt entfernt werden (siehe Hinweis-Schild am Mikrofonkorb), was von Hand schnell und unkompliziert gelingt. Anders als das Atomic, das ohne spezielle Aufbewahrungslösung auskommt, hat das Maestro eine rote Holzschatulle zur Aufbewahrung im Lieferumfang. Beiden Mikrofonen liegt indes eine einfache, ungefederte Schraub-Stativhalterung bei, die sowohl das 320 Gramm leichte Atomic, als auch das deutlich größere und 450 Gramm schwere Maestro – ein entsprechend gutes Mikrofonstativ vorausgesetzt – stabil in Position hält.
Verantwortlich für die Entwicklung sämtlicher Violet Design Mikrofone zeichnet im Übrigen Chefentwickler und Gründer Juris Zarins, der auch hinter den Mikrofonen unter dem Label JZ steht.

Verschiedene Kapselkonzepte

Beide Mikrofone sind wie bereits erwähnt mit Großmembrankapseln in Nierencharakteristik ausgestattet, dennoch sind die Kapseln deutlich unterschiedlich aufgebaut. So besitzt das Atomic eine einzelne, wenige Micrometer dünne VD21 Folien-Membran mit einem Durchmesser von 21 Millimetern, die auf unregelmäßige Weise im Sputterverfahren mit einer speziell von Violet Design entwickelten Goldlegierung beschichtet wurde. Das Maestro verfügt indes über eine übergroße 27 Millimeter VD27-Doppelmembrankapsel aus gleich beschaffenem und behandeltem Material. Anders als bei Mikrofonen mit umschaltbarer Richtcharakteristik, bei denen beide Membranen unter Spannung stehen können, ist beim Maestro, das ausschließlich Nierencharakteristik anbietet, lediglich die Membran in Einsprechrichtung polarisiert. Bei der zweiten Membran handelt es sich also um eine Passivmembran, die als schalldurchlässiges akustisches Laufzeitglied fungiert und die polarisierte Membran nach hinten abschirmt. Welche klanglichen Auswirkungen dies hat, haben wir selbstverständlich nachgehört (siehe weiter unten). Ebenfalls interessant: Die Kapsel des Maestro ist bereits intern elastisch gelagert, um sie vor problematischen Außengeräuschen wie Trittschall möglichst effektiv zu schützen. Ansonsten kommen beide Mikrofone sehr puristisch daher – ohne Vordämpfung, ohne Trittschallfilter, ohne Schnickschnack.

Sowohl das Atomic als auch das Maestro besitzen indes eine diskrete, übertragerlose Class-A-Vorverstärkerschaltung und vergoldete XLR-Pins, die eine rauscharme Klangqualität und eine saubere Übertragung gewährleisten sollen.

Beachtliche Laborwerte

The Maestro
Mit einer Empfindlichkeit von 22,2 mV/Pa ist das Maestro ein vergleichsweise lautes Mikrofon. Es benötigt also nicht übermäßig viel Verstärkung – der Preamp kann im Optimal-Bereich betrieben werden. Eventuell vorhandenes, leichtes bis moderates Vorverstärkerrauschen bleibt auf diese Weise eher im Hintergrund. Mit einem sehr guten Geräuschpegelabstand von 83,2 Dezibel ist auch Rauschen von Seiten des Mikrofons kein Thema.
Der Frequenzgang des Maestros verläuft über weite Strecken vergleichsweise linear. Eine ganz leichte Senke um -2 Dezibel findet sich auf einer Höhe von etwa 170 Hertz, leichte Anhebungen um maximal +4 Dezibel finden sich zwischen 5 und 6 Kilohertz sowie um 12 Kilohertz.

The Atomic
Die Messwerte des Atomic müssen wir aus technischen Gründen im kommenden Heft nachreichen. Wir bitten Sie dies zu entschuldigen. Allerdings sprechen unsere Aufnahmeeindrücke mit dem Atomic für ähnlich gute Ergebnisse, wie sie auch das Maestro geliefert hat.

Ansprechende Klangeindrücke

Für unseren Praxistest haben wir mit dem Atomic und dem Maestro Aufnahmen von unterschiedlichstem musikalischem Material mit Gesangsstimme, Sprache, einer Nylongitarre, einer Tinwhistle und einer Sopran-Blockflöte angefertigt. Als Preamp für die Violet-mikrofone kam der Lakepeople Mic-Amp F355 zum Einsatz, als AD-Wandler der Mytek Digital 8x192ADDA.

The Atomic
Das Atomic verfügt über einen samtig-weichen, warmen und tragenden Grundklang. Die unteren Mitten erscheinen etwas betont, was unserer hellen Frauenstimme etwas Fundament verleiht und den vollen körperhaften Klang der Nylongitarre betont. Auch die beiden Flöten kommen gut zur Geltung, ohne im musikalischen Kontext zu schrill oder zu hintergründig zu erscheinen.
Die Signale werden vom Atomic von einer sanften Kontur umrahmt, das Impulsverhalten ist ordentlich, sodass auch schnelle Seitenanschläge oder andere kurze perkussive Töne pointiert rüberkommen. Stimme und Vibrato werden angenehm und natürlich aufgezeichnet, ohne überzeichnet oder verwaschen zu klingen. Eine gute Sprachverständlichkeit ist trotz eher unauffälligem Präsenzbereich gegeben. Die Stimme trägt und behält ihren natürlichen Charakter.
Der Nahbesprechungseffekt ist beim Atomic durchschnittlich stark ausgeprägt und lässt sich von Sängern und Sprechern dezent, aber wirkungsvoll zur Klanggestaltung einsetzen.
Für ein Mikrofon mit Nierencharakteristik zeichnet das Atomic vergleichsweise viel Raumanteil unseres an sich sehr gut gedämmten Studioraums mit auf. Dadurch haben die Signale einen etwas getragenen, voluminösen, dafür weniger intimen Klangcharakter. Dies kann jedoch – je nach Anwendung – genau das sein, was gewünscht ist. Denn nicht für alle Einsatzzwecke eignet sich ein übermäßig intimer, steriler und unmittelbarer Klang.

The Maestro
Das Maestro ist im Vergleich zum Atomic deutlich anders abgestimmt. Es besitzt einen insgesamt sehr ausgewogenen Klang mit leicht dominierenden feinen, offenen Höhen, die den hohen Signalquellen (Gesangsstimme, Flöten) einen silbrig-hellen und frischen Anstrich verleihen, der an edle Vintage-Klassiker erinnert. Dies führt dazu, dass auch Artikulations- und Anblasgeräusche etwas betont, aber nicht überbetont werden. Vorsicht: Aufgrund der sehr großen, verhältnismäßig windanfälligen Membran, benötigt das Maestro einen guten Poppschutz, da sonst – besonders bei Nahmikrofonierung von Sängern und Sprechern – schnell ein Plosivlaut die Aufnahme ruinieren kann.
Insgesamt ist der Klangeindruck beim Maestro sehr viel intimer und unmittelbarer als beim Atomic. Denn die Passivmembran der Doppelmembrankapsel schirmt die Rückseite der polarisierten Membran wirkungsvoll ab – so gelangt deutlich weniger Rauminformation mit auf die Aufnahme. Auffällig beim Maestro: Das Mikrofon zeichnet alle Signalquellen äußerst filigran und präzise auf und besitzt trotz großer Membran ein sehr gutes Impulsverhalten.
Die Mezzosopran-Stimme klingt mit dem Maestro offen, klar, hell, frisch und trotz wenig Raumanteil tragend. Der silbrige Klanganstrich verleiht der Stimme etwas Edles und wirkt besonders bei klassisch intonierenden Stimmen mit ausgeprägtem Vibrato überaus ansprechend. Aber auch einer souligen, rockigen oder poppigen Performance kann der spezielle Klang des Maestro einen gefälligen Frischekick verleihen. Die Sprecherstimme wirkt stimmig, ebenmäßig und artikuliert. Der Nahbesprechungseffekt ist beim Maestro sehr deutlich ausgeprägt – hier ist beim Einsatz als Gestaltungsmittel etwas Fingerspitzengefühl gefragt.
Tinwhistle und Blockflöte klingen mit dem Maestro etwas geordneter und präziser als mit dem Atomic und werden wie die Gesangsstimme hell und tragend wiedergegeben. Die Nylongitarre kommt indes gleichermaßen körperhaft und durchdringend wie knackig und akzentuiert rüber. Im Gegensatz zum Atomic wird der untere Mittenbereich etwas weniger betont, die Anschlaggeräusche werden hingegen etwas deutlicher herausgearbeitet.

Einsatzempfehlung

The Atomic
Das Atomic empfiehlt sich für hohe und schrille Signalquellen, die etwas weniger penetrant klingen sollen. Etwas dünnen Gesangsstimmen kann das Mikrofon durch seine etwas dominierenden Tiefmitten mehr Fundament und Fülle verleihen. Vorsicht ist bei Tiefmitten-reichen Instrumenten geboten – diese können über das Atomic etwas zu voluminös und dominant in Erscheinung treten – dies muss der Nutzer allerdings von Signalquelle zu Signalquelle selbst beurteilen. Insgesamt empfehlen wir das Atomic als guten Allrounder für mittlere und hohe Gesangsstimmen, Alt- und Sopraninstrumente, aber auch mittlere bis hohe Sprecherstimmen, die nicht allzu intim klingen sollen. Für einen Preis von nur 295 Euro hat das Atomic einiges an guten Qualitäten zu bieten und lässt sich vielseitig einsetzen.

The Maestro
Mit seinem klassischen, edlen, Vintage-inspirierten Sound empfiehlt sich das Maestro für Gesangsstimmen, Sprecherstimmen, Instrumente und impulsschnelle Signale in allen Lagen gleichermaßen. Ganz besonders silbrig und frisch klingen klassisch ausgebildete Gesangsstimmen. Für diesen Einsatz zählt für uns das Maestro ab jetzt mit zur ersten Wahl.

Fazit

Mit dem Atomic und dem Maestro hat Violet Design zwei sehr unterschiedliche, sehr gut klingende Mikrofone zu sehr überschaubaren Preisen geschaffen. Das Maestro, das sich im Test (nicht nur) als echter Geheimtipp für klassische Gesangsstimmen entpuppt hat, schafft es spielend in unsere Spitzenklasse mit der Gesamtnote „sehr gut“. Das grundsolide Atomic, das bei schrillen Signalen für Balance sorgen kann, landet noch unter Vorbehalt in der Oberklasse. Die noch fehlenden Messwerte folgen im nächsten Heft und werden nachträglich mit in die Bewertung einfließen.

Erschienen in Ausgabe 7/2015

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 295
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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