Tool Time

Das Ende der Sampler, die lediglich Klänge abspielen scheint gekommen zu sein. Mit Independence wird dieser Gattung ein gehöriger Schub in Sachen Programmierung und Performance verpasst.     

Von Geoerg Berger

Es soll Leute geben, die immer noch nichts von der Firma Yellow Tools gehört haben. Aber spätestens wenn Firmen und Produkte wie Apple, Native Instruments und Hartmann Neuron genannt werden, haben sie doch schon einmal etwas von ihr gehört. Denn für diese Firmen besorgte Yellow Tools das Sound-Design. Mit Independence hat das Karlsruher Unternehmen für knapp 450 Euro eine Sampler-Workstation auf den Markt gebracht, mit der das Abspielen und Editieren von Samples auf eine neue Ebene gehoben wird.
Zum Lieferumfang gehört außer dem Plug-in eine 18 Gigabyte große Sound-Library, die sowohl Klänge der MVI-Instrumente Candy und Culture, sowie einige Orchesterklänge der Kirk Hunter Symphonic Orchestra Library enthält. Der klangliche Schwerpunkt liegt sowohl auf authentischen Orchesterklängen (Streicher, Blech- und Holzbläser), als auch auf Schlagzeug-Samples. Synthetische Klänge sind eindeutig in der Unterzahl. Aber Independence ist noch ein sehr junges Produkt. Eine Erweiterung der Sample-Library ist schon angekündigt und sogar Samples von Drittanbietern lassen sich in die Abspielsoftware importieren. Aber das bloße Organisieren und Abspielen von umfangreichen Multisamples ist bei Independence erst der Anfang. Geladene Klänge können wie ein virtueller Synthesizer programmiert werden. Ein integrierter Mixer erlaubt flexible Signal-Routings von Sounds und Effekten. Weiterhin enthält Independence komfortable Einstellmöglichkeiten für das Abspielen von Samples. Mit Hilfe des Mapping- und Performance-Editors erhalten die Sounds Lebendigkeit und Authentizität. Der Clou an allen diesen Möglichkeiten: Es gibt keine Beschränkungen, da das Konzept modular aufgebaut ist. Der Name Independence ist für diese Software damit voll gerechtfertigt. Aber Independence bedeutet auch Unendlichkeit. Denn unendlich ist unter anderem die Anzahl der Polyphonie, der ladbaren Samples und der Kanäle des integrierten Mixers. Vermeintlich banale Features wie das Löschen nicht benötigter Samples aus dem RAM und das intelligente Streaming der Sounds von der Festplatte bedeuten ein zusätzliches Performance-Plus. Viel zu umfangreich sind die sich bietenden Möglichkeiten von Independence. Die wichtigsten wollen wir nicht vorenthalten.

Die Bedienoberfläche des Plug-ins besteht aus einem einzigen Fenster. Im rechten Drittel des Fensters, das sich nicht ändert, lassen sich globale Parameter einstellen wie Transponierungen, Lautstärke, MIDI-Einstellungen und das Laden von Klängen, die in der Independence-Diktion Layer genannt werden. In den restlichen zwei Dritteln des Hauptfensters lassen sich fünf Untermenüs aufrufen, die tief greifende Einstellungen in den geladenen Klang gestatten. Die Oberfläche selbst erhält zwar nicht den ersten Preis für zeitgemäßes Design. Dafür war das Arbeiten mit Independence nach kürzester Zeit ein Kinderspiel, da alle Elemente und Parameter übersichtlich angeordnet und vor allem intuitiv zu bedienen waren.

Das Modul-Menü gestattet Eingriffe in die klangliche Gestaltung der Samples. Hüllkurven, LFOs, Filter, Effekte und MIDI-Controller können dort eingestellt und auf den Layer angewendet werden. Bemerkenswert ist die so genannte Free Envelope-Hüllkurve. Ausschnitte lassen sich beliebig vergrößern und verkleinern. Jenseits der üblichen Phasen (Attack, Decay, Sustain, Release) können dort unterschiedliche Verläufe durch Einfügen von Punkten erstellt werden. Aber nicht nur ein paar Punkte lassen sich einfügen, nein, unendlich viele lassen sich einfügen. Ein Plus an Flexibilität, das niemals ausgeschöpft werden kann und ungeahnte Möglichkeiten offeriert. Durch Auswahl von Modulatoren und Zuweisung eines Modulationsziels wird um das Sample quasi die Bedienungsmöglichkeit eines ganzen Synthesizers herum gebaut.

Das nächste Menü ist der Mapping-Dialog. Der Hauptteil dieses Unterfensters zeigt über der virtuellen Tastatur die Anordnung der Einzel-Samples des geladenen Layers als quadratische Flächen. Schlicht genial ist die Bedienung: Mit der Maus lassen sich diese Einzelsamples – von Yellow Tools Zone genannt – anwählen, bewegen, kopieren, ausschneiden und beispielsweise in andere Layer einfügen. Durch Ziehen mit dem Mauszeiger an den Rändern der Fläche kann sie in ihrer Höhe und Breite nach Belieben verändert werden. Die horizontale Ausdehnung der Zone bestimmt dabei den Spielbereich auf der Tastatur und die vertikale den Anschlagsdynamik-Bereich in dem das Sample angesteuert wird. Mehrere Zonen können sich auch überlappen und gestatten vielfältige Kombinationen aus simultan erklingenden und ineinander geblendeten Samples. Ein Doppelklick lässt im darüber liegenden Editor die Wellenform erscheinen. Besonderes Feature dieses Editors ist eine intelligente Slice-Funktion, die beispielsweise einen Schlagzeug-Loop analysiert und in einzelne Untersamples aufteilt.

Das Performance-Unterfenster kümmert sich um die Natürlichkeit der Klänge. Mit dem Alternate-Mode können zwei Samples ausgewählt werden, die bei Tonwiederholungen sich abwechseln. Beispielsweise lassen sich dort zwei Violinen-Samples, eines mit einem Bogen-Aufstrich und das andere mit einem Abstrich, alternierend ansteuern und den Layer so ungleich natürlicher erklingen. Eine Zufallsfunktion sorgt für zusätzliche Lebendigkeit. Der Legato-Mode sorgt für die Natürlichkeit legato gespielter Töne. Durch Anwahl entsprechender Samples treten keinerlei klangliche Brüche auf, die  ansonsten eine Statik des Klanges vermittelt. Ähnlich wie in den beiden Editoren zuvor geschehen Einstellungen hoch komfortabel und intuitiv.

Ein besonderes Feature ist der integrierte Mixer, der pro Layer einen Kanalzug bereit hält und darüber hinaus noch weitere virtuelle Kanäle – je nach Bedarf unendlich viele – erzeugen kann, um den Klängen den nötigen Feinschliff zu geben, bevor sie erklingen. Über die Insert Buttons lassen sich Effekte einfügen. Unendlich viele Busses, oder besser gesagt Aux-Wege, erlauben zusätzliche Routings. Bequem und komfortabel können einzelne Kanalelemente ein- und ausgeblendet werden. Bei Bedarf lässt sich der Mixer als einziges Fenster über die gesamte Breite des Hauptfensters erweitern.

Independence hat noch einige weitere interessante Features zu bieten. So lassen sich Sample-Librarys von Drittanbietern über die Auto-Mapping-Import Funktion bequem importieren. Vorteil: Das Multisampling wird analysiert und automatisch korrekt übertragen.
Die integrierte Effektsektion wartet sogar mit einem Faltungshall auf. Der von den Karlsruhern entwickelte Origami LE Hall bedient sich dabei der INSP:IR Impulse Library der Firma Inspired Acoustics. Erwähnenswert sind auch die über 50 unterschiedlichen Temperierungen, die es Independence gestatten orientalische, chinesische, indische oder je nach eigenem Geschmack sogar vollkommen exotische Tonleitern zu spielen. Umfangreiche Möglichkeiten zur Ansteuerung der Layer über Anschlagsdynamik, Key-Switches und das freie Routing von MIDI-Controllern machen Independence zu einem mächtigen Klangwerkzeug.

Bei allen Features, die Independence mitbringt, muss der Klang der Instrumente atemberaubend sein. In der Tat wird der Hörer nicht enttäuscht. Am Besten zeigen sich die Vorzüge an den erstellten Klängen aus dem eigenen Hause. Die Saxofon- und Percussion-Klänge besitzen eine seidige Brillianz, die sehr vornehm und teuer klingt. Die eigens für Independence erstellten Gitarren- und Bassklänge sind sowohl im Klang, als auch in der Ansteuerung höchst lebendig und authentisch. Die Kombination aus Klang und Spielsteuerung gewährleistet hohes Spielvergnügen.  
Hervorzuheben sind auch die Kirchenorgel-Klänge aus der Shirokuma Library. Über Key-Switches klingt sie einmal vornehm zart, fast schüchtern und das andere Mal äußerst präsent und kraftvoll. Der Toccata in d-moll von Bach steht damit nichts im Wege. Kommt jetzt noch der erwähnte Origami-Hall hinzu ist die Illusion perfekt: die perfekte Simulation eines Orgelkonzertes in der Kirche.
Zu wünschen wäre, dass die erste Erweiterung der Independence-Library einen Schwerpunkt auf elektronische Klänge legt. Die wenigen elektronischen Samples – unter anderem ist der Mini-Moog vertreten – bieten nur einen kurzen Einblick und lassen die sich bietenden Möglichkeiten mit dieser Art von Klangmaterial nur erahnen. Denn über die mannigfaltigen Möglichkeiten des Modul-Fensters war es im Test möglich, die Wellenform bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen.
Die Orchester-Klänge der Kirk Hunter Library dürfen auch nicht vergessen werden. Brilliant, bisweilen aggressiv kommen die Blechbläser aus dem Lautsprecher. Etwas spitz empfanden wir die Streicherklänge. Dennoch bieten auch sie eine hohe Lebendigkeit in der Spielsteuerung. Enttäuschend war hingegen die Oboe. Den klanglichen Gesamteindruck schmälert dies jedoch nicht. Der Eindruck, den die Werksklänge von Independence hinterlassen ist äußerst positiv und zufriedenstellend. Auf die Erweiterung der Sample-Library kann man gespannt sein.

Fazit

Mit Independence bietet Yellow Tools ein äußerst flexibles und auch klanglich hervorragendes virtuelles Instrument. Die Gattung des Samplers hat damit einen weiteren Evolutionsschritt vollzogen.

Erschienen in Ausgabe 06/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 449 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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