Beim Barte des Propheten

Zwei Welten prallen im Prophet V aufeinander, die nicht unterschiedlicher sein können:  warme analoge Klänge mischen sich mit kühlen metallischen Sounds.

Von Georg Berger

Die Entwicklungen der amerikanischen Firma Sequential Circuits waren schon vor zwanzig Jahren legendär. Begonnen hat alles mit dem Prophet 5, der als einer der ersten speicher- und polyphon spielbaren analogen Synthesizer für Aufsehen sorgte. Ein paar Jahre später wurde mit dem Prophet VS die völlig neue Vector-Synthese vorgestellt, die es erlaubte, bis dato noch nie gehörte Klangteppiche zu erzeugen. Beide Hardware-Synthesizer waren damals rein preislich  im Oberhaus beheimatet. Mit dem virtuellen Instrument Prophet V, sprich Vau, verschafft die französische Softwareschmiede Arturia Liebhabern dieser Legenden ein ungleich billigeres Vergnügen. Für knapp 200 Euro enthält die Software sowohl die Emulation dieser beiden Ausnahme-Synthesizer, als auch zusätzlich die Möglichkeit durch eine Hybrid-Form beide Klangerzeuger miteinander kombinieren zu können.  
Die Franzosen haben auch in dieser Software-Simulation ihre TAE-Technologie (True Analog Emulation) verwendet, die ein digitales Rauschen im Höhenbereich, als Aliasing bekannt, von vorne herein ausschließen soll. Darüber hinaus zeigte sich im Test, dass die Emulationen nicht bloß eins zu eins nachgebildet, sondern auch um die eine und andere Erweiterung bereichert wurden, ohne sich komplett von den Originalen zu entfernen. Prophet V enthält außer den originalen Werksklängen der beiden Vorlagen noch einige hundert weitere Sounds, erstellt von Musikern und Sound-Designern, die das Potenzial dieser Instrumente ungleich vielgestaltiger erscheinen lassen. Eine reichhaltige Sammlung an Flächenklängen, Bass-, Solo-, Effekt- und Bläser-Sounds sind vertreten, die typisch sind für die Gattung der analogen Synthesizer. Einzig Streicherklänge, die gerade in der analogen Klangerzeugung einen wichtigen Grundpfeiler darstellen, sind ein wenig unterrepräsentiert und verteilen sich etwas unlogisch über mehrere Kategorien. Klangprogramme können für alle drei Instrumente bequem im- und exportiert werden.
Als wenn das nicht schon reicht, hat diese Software auf der diesjährigen Musikmesse auch eine Auszeichnung erhalten: Den m.i.p.a. (Musikmesse International Press Award) als bestes Software-Instrument des Jahres.

Die Bedienoberfläche zeigt ein naturgetreues Abbild der Hardware-Instrumente. Über diesen Darstellungen befindet sich eine Leiste mit Knöpfen zur Auswahl der Sounds, zum Laden, Speichern, Import und Export von Klängen und zur Auswahl des Klangerzeugers. Weiterhin lassen sich dort der MIDI-Kanal und die Polyphonie bis maximal 32 Stimmen einstellen. Schließlich ist allen drei Instrumenten noch ein Chorus und Stereo-Echo Effekt – tempo-synchronisierbar – zugeordnet, der zumindest bei den Originalen nicht vorhanden war und ein zusätzliches Plus an Klangmöglichkeiten liefert. Über simple Klicks auf die entsprechenden Knöpfe in der Menüleiste wird die Effektsektion aufgerufen, editiert und aktiviert.
Ein Druck auf einen der drei Auswahlknöpfe startet eine nett anzuschauende Animation: Seitenteile klappen sich auf, ähnlich dem Öffnen eines Klavierdeckels, und je nach Auswahl wird bis auf das Keyboard die gesamte Programmieroberfläche ausgetauscht beziehungsweise erweitert.  Am Ende dieser Verwandlung schließen sich die Seitenteile und neue Funktionalitäten und Regelmöglichkeiten sind zu sehen. Dieses doch recht langsam ablaufende Feature kann schnell für Ärger bei denjenigen sorgen, die öfters zwischen den einzelnen Klangerzeugern und Sounds wechseln wollen. Dankenswerter Weise lässt sich die Animation auch abschalten, was dem Arbeitsfluss eindeutig entgegen kommt.

Sämtliche Instrumente sind über die vorhandenen Knöpfe und Drehregler mit Hilfe der Maus bedienbar. Sehr komfortabel ist dabei das Ausklappen von Tooltipps beim Anklicken der Regler, in denen sich die eingestellten Werte präzise ablesen lassen. Im Prophet VS gibt es zusätzlich Drop-down-Menüs, die eine Auswahl beispielsweise von Wellenformen in der Modulations- oder eines Filtertyps in der Filter-Sektion ermöglichen. Hüllkurven werden im VS graphisch dargestellt und auch dort editiert. MIDI-Controller lassen sich einfach und unkompliziert den Reglern und Schaltern zuweisen: Bei gedrückter STRG-/CTRL-Taste wird ein Bedienelement angeklickt und ein Popup-Fenster erscheint, über das sich entweder per Drop-down-Menü oder Learn-Funktion diesem Bedienelement eine Controller-Nummer zuweisen lässt. Im krassen Widerspruch zu dieser vorbildlichen Bedienbarkeit steht dazu das an wichtigen Stellen dürftige Handbuch. Es beschreibt nicht sämtliche Regelmöglichkeiten und lässt den Nutzer in einigen Teilen im Unklaren. So wird beim Prophet 5 die Funktion des Sync-Schalters in der Modulationssektion nicht erläutert. Dafür gibt es vom Professional audio Magazin nur ein ausreichend.
 
Die Bedienoberfläche des Prophet 5 zeigt eine fast originalgetreue Abbildung des Hardware-Instruments. Das Layout des Programmierbereichs zeigt genau wie in der Vorlage die Drehregler und Taster erwartungsgemäß an den richtigen Stellen. Zusätzlich gibt es in dieser Emulation einige Erweiterungen. So existiert im Arturia-Prophet in der Filtersektion anstelle eines Tasters jetzt ein Drehregler für das Keyboard-Tracking. Dieser wurde schon damals von den Hardware-Nutzern schmerzlich vermisst. Arturia hat sich diese Kritik zu Herzen genommen und erfolgreich integriert. Ebenso verhält es sich mit dem Portamento. Anstelle des Cassetten-Interfaces finden sich im digitalen Prophet 5 ein Taster und Drehregler für den unisono-Modus (alle Oszillatoren spielen den gleichen Ton) und für das Verstimmen der einzelnen Oszillatoren in dieser Betriebsart. Ebenso neu ist ein Sync-Schalter in der Modulationssektion, der den Niederfrequenzoszillator von frei schwingend auf periodisch umschaltet. Die hinzugekommenen Bedienelemente verleihen dieser Emulation ein deutliches Plus in der Bedienung. Inwiefern sich der Klang analog dazu genauso vorbildlich zeigte wurde von uns im Hörtest ermittelt. Dafür wurde der Prophet V über einen drei Gigahertz-Rechner mit zwei Gigabyte Arbeitsspeicher und über eine RME Hammerfall Soundkarte angespielt. Abgehört wurden die Klänge einerseits mit den Adam S3A Studio-Monitoren und auch über den DT 990 Kopfhörer von Beyerdynamic. Die Ergebnisse sind äußerst positiv. Denn der Klang entspricht den Erwartungshaltungen, die vom Original definiert wurde: Er ist wunderbar analog mit allen seinen Vorzügen. Das heißt, warme und druckvolle Sounds erklingen. Das schon damals von allen Musikern hochgeschätzte Filter verleiht auch im Prophet V den Klängen ihre Charakteristik. Dank der Polymod-Sektion ist der Prophet 5 aber auch in der Lage richtig krachig und auch fast wie ein Frequenzmodulations-Synthesizer vom Schlage eines Yamaha DX7 zu klingen.
Der Klang des Prophet 5 ist als durchweg authentisch zu beurteilen. Die Programmierung geschieht aufgrund der übersichtlichen Oberfläche selbst Einsteigern leicht und komfortabel. Mit wenigen Eingriffen ist ein bestehender Klang in wesentlichen Teilen je nach Umfang sogar bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Das Herumschrauben an den einzelnen Reglern – gerade mit Hilfe einer Controller-Box – ist eine wahre Freude.

Die Programmieroberfläche des Arturia-Prophet VS ist im Vergleich zur Vorlage  völlig anders ausgefallen, was als großer Vorteil zu werten ist. Denn die umständliche Programmierung des Originals über das kleine Display, einen Schieberegler und über Drucktaster wäre ein wenig zuviel Retro-Gefühl. Bis auf den charakteristischen Joystick zum manuellen Eingriff in das Mischungsverhältnis der vier gleichzeitig erklingenden Oszillatoren ist nichts vom Original übrig geblieben. Die Entwickler haben damit vorbildliche Arbeit in Bezug auf komfortable und intuitive Bedienung geleistet. In der linken Hälfte werden die gebräuchlichsten Parameter mit Drehknöpfen bedient. Das Hauptaugenmerk liegt bei dieser Emulation auf dem wechselnden Display in der rechten Seite. Dort können die drei Hüllkurven graphisch editiert werden, die bereits erwähnten Effekte finden hier Platz und auch die umfangreiche Modulationsmatrix, die als Gitternetz ausgeführt, vertikal die Modulationsquellen und horizontal die Empfänger verzeichnet. Über simple Klicks auf die Knotenpunkte werden sie miteinander verknüpft. Außer dieser neuartigen Bedienung enthält die Prophet VS-Simulation ebenfalls einige klangliche Neuerungen. So lassen sich insgesamt vier unterschiedliche Filtertypen auswählen und die Modulationsmatrix weist einige zusätzliche Verknüpfungspunkte auf, die im Original nicht möglich sind. Beispiel: Die Geschwindigkeit der Niederfrequenzoszillatoren lässt sich über die Anschlagsdynamik, die Filter- und die Lautstärkehüllkurve steuern. Dies bedeutet ein zusätzliches Plus in Sachen Spielbarkeit und Lebendigkeit des Klangs. Negativ fällt in dieser ansonsten authentischen und erweiterten Aufbereitung das Fehlen des Arpeggiators auf. Nutzer werden somit einer Funktionalität beraubt, die den Klängen zusätzliche Lebendigkeit verliehen hat. Dennoch weiß der Klang der Prophet VS Simulation zu überzeugen. Nicht nur warme und analoge Klänge mit Durchsetzungskraft und Charakter vermag er zu produzieren. Die Klangerzeugung greift durchweg auf gesamplete Wellenform-Ausschnitte zu, die anders als analoge Oszillatoren, ungleich brillanter und mitunter auch steriler, kälter und auch metallisch klingen. Mehr noch existieren im Repertoire Klangspektren die verzerrt und mit Störgeräuschanteilen durchsetzt sind, also schmutzig klingen. Mischformen, die gerade durch die Mixer-Hüllkurve für Lebendigkeit und überraschende Klangverläufe sorgen, lassen den Hörer aufhorchen. Der Prophet VS vermag alleine schon dadurch sowohl die warme analoge, als auch die steril-kühle Seite, für die digitale Synthesizer der achtziger Jahre bekannt sind, klanglich abzudecken. Auch diese Simulation ist aufs Beste gelungen. Die Erweiterung der Modulationsmatrix und der Filtertypen gehen sogar über die klanglichen Möglichkeiten des originalen VS hinaus. Aber es geht noch weiter.

Die Hybridform aus Prophet 5 und VS vereinigt schließlich beide Klangerzeuger und lässt dadurch ein völlig neues Instrument entstehen. Aber ein bloßes Übereinanderschichten der Klänge ist den Entwicklern von Arturia zu banal. Die Klangerzeugungen von VS und Prophet 5 integrierten sie gleichberechtigt nebeneinander, wobei die  Programmieroberfläche des VS federführend ist. Die Modulationsmatrix erhält zusätzliche Quellen und Adressen, die vom Prophet 5 stammen. So lässt sich beispielsweise die Filtereckfrequenz des Prophet 5 über die Modulations-Oszillatoren des Prophet VS steuern.

Haupt-Feature dieser Hybridform ist die Audio-Matrix, die in einem Blockschaltbild die Signale von VS und Prophet 5 auf unterschiedliche Weise miteinander verknüpfen kann. Wie im VS erklingen in diesem Synthesizer ebenfalls nur vier Oszillatoren gleichzeitig. Logischerweise lassen sich darin maximal nur die beiden Oszillatoren des Prophet 5 integrieren.  Über entsprechende Anwahl der Verbindungspunkte lassen sich wahlweise oder gemeinsam die Filter und Verstärker von Prophet 5 und VS in den Signalweg schalten. Diese Verschaltung lässt je nach Perspektive einen kompletten Prophet 5 in den Signalweg des VS einbinden oder umgekehrt. Sind die Gestaltungsmöglichkeiten der beiden einzelnen Instrumente schon gewaltig, so potenzieren sie sich in dieser Hybridform.  
Die Erweiterung des Funktionsumfangs schlägt sich auch im Klang nieder. Durch den Einsatz der Prophet 5 Klangerzeugung klingen die Sounds erheblich fetter. Die Wellenformen des VS sorgen für die nötige Brillanz oder je nach Auswahl für die entsprechende Schmutzigkeit.
So richtig deutlich wird es, wenn die Klangerzeugung des einen mit der Klangverarbeitung des anderen Instrumentes kombiniert wird. Mal eben die Oszillatoren des VS in das Filter des Prophet 5 schicken und zusätzlich über Polymodulation verbiegen stellt so kein Problem dar. Das klangliche Ergebnis ist mit keinem der beiden Originale zu vergleichen. Die Hybridform bietet eine weit reichende Modularität, mit der sich die einzelnen Klangbausteine völlig neuartig kombinieren lassen.

Fazit

Den Entwicklern des Prophet V ist höchster Respekt zu zollen. Nicht nur, dass sie es geschafft haben zwei Kult-Synthesizer authentisch zu emulieren, sie haben den  Bedienkomfort im Vergleich zum originalen Prophet VS erheblich verbessert und mit den modularen Möglichkeiten der Hybridform aus zwei Synthesizern einen völlig neuen Dritten gefertigt. Das ist nicht nur vom Preis her ein Schnäppchen, damit hat sich der Prophet V klanglich direkt und ohne Probleme in die Spitzenklasse katapultiert. Das an mehreren Stellen schlampige Handbuch und das Fehlen des Arpeggiators sind Nachlässigkeiten, die bei einem Update hoffentlich nachgebessert werden.

Erschienen in Ausgabe 07/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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