Das Modulations-Monster

Virtuelle Synthesizer gibt es am Markt schon sehr viele. Warum also noch einen? Warum nicht, hat sich Native Instruments vielleicht gefragt und mit Massive einen Klangerzeuger entwickelt, der ganz eigene Akzente setzt und damit dokumentiert, dass zum Thema subtraktive Synthese noch viel zu sagen ist. Professional audio Magazin stellt das Instrument vor.

Von Georg Berger

 Es hat den Anschein, als ob das Berliner Software Unternehmen Native Instruments im positiven Sinne am Arbeitswahn leidet. Nicht anders ist diese Groß-Offensive an Neuerscheinungen aus Berlin in diesem Herbst zu umschreiben. Nicht nur, dass eine Reihe bereits existierender Produkte in neuen Versionen erscheint wie beispielsweise Absynth 4, Battery 3, FM8 oder Komplete 4.

Offensichtlich haben die Berliner auch noch die Zeit gehabt, zwei völlig neue Produkte zu entwickeln. Mit Audio Kontrol 1, Test auf Seite 80, betreten die Berliner sogar erstmalig Neuland in Sachen Audio-Interfaces und mit Massive, der im Zentrum dieses Tests steht, haben sie auch ihrer Domäne in der Entwicklung virtueller Instrumente mal wieder gefrönt. Für knapp 300 Euro ist ein virtueller Synthesizer auf Basis der subtraktiven Synthese herausgekommen, der im Zentrum der Klangerzeugung mit drei Oszillatoren aufwartet, die ihre Spektren ausschließlich mit Hilfe der Wavetable-Synthese erzeugen. Zwei Filter mit unterschiedlich wählbaren Filter-Charakteristiken nehmen die Klänge entgegen und leiten sie anschließend in eine Verstärkersektion, die ihrerseits mit einer schon als Standard zu umschreibenden Effektsektion ausgerüstet ist. All das klingt zunächst einmal wenig spannend, verfügen die Mitbewerber sowohl aus eigenem Hause als auch von der Konkurrenz über gleiche, ähnliche oder vielleicht sogar noch umfangreichere Klanggestaltungsmöglichkeiten. Doch weit gefehlt.

Das Salz in der Suppe und mithin Charakteristische an Massive ist eine opulent ausgestattete und fast schon übermächtige Modulationssektion, die mit vier Hüllkurven und vier weiteren Modulatoren aufwartet, die wahlweise entweder einen LFO, einen Step-Sequencer oder einen so genannten Performer Sequencer – eine Variation des Step Sequencers – enthalten und auf fast jeden Parameter geroutet werden können. Doch damit nicht genug: Mehrere Modulatoren können auf ein und dasselbe Ziel in unterschiedlicher Stärke – beispielsweise auf die Filtereckfrequenz – gleichzeitig einwirken und ein Modulator lässt sich dafür einsetzen um weitere Modulatoren zu beeinflussen. Zusätzlich erlaubt Massive zahlreiche Eingriffe in den Signalfluss, der den resultierenden Klang erheblich mitprägt. Die Verschaltungs-Möglichkeiten reichen schon bis hinauf in den Bereich modularer Systeme. Als wenn das nicht schon genug wäre, warten die Oszillatoren, LFOs und Hüllkurven mit einigen pfiffigen Features auf, die den Klangerzeuger profilieren und in seiner Gesamtheit zu einem markanten Instrument mit enormer klanglicher Bandbreite machen. Um dem Wust an Parametern in Sachen Bedienung zu begegnen gibt es obendrein noch acht so genannte Makro-Regler zur schnellen Editierung von einem bis zu mehreren Parametern gleichzeitig, die quasi als erste Kommunikations-Schnittstelle zwischen Klangerzeugung und Host-Automation beziehungsweise Keyboard/MIDI-Controller fungieren.

Nach der Installation und Registrierung der Software zeigt sich beim Erststart eine opulente Such- und Sortierfunktion mit angeschlossener Datenbank, die bereits schon in Kore, Test in Ausgabe 7/2006, eingeführt wurde und ab sofort in jeder Software von Native Instruments installiert ist. Über diverse Attribute kann der Nutzer schnell und unkompliziert aus den 420 Presets – bereits im Kore-Soundformat gespeichert – den für seine Zwecke besten Klang finden. Die erwähnten Makro-Regler finden sich schon in diesem Dialog und laden zum Herumschrauben an den Klängen ein. Ein Druck auf den Synth-Button wechselt die Bedienoberfläche auf das Herz des Instruments: Die Programmieroberfläche. Der Großteil der dort integrierten Klangbausteine ist permanent sichtbar. Darunter fallen die drei Oszillatoren, die zwei Filter, ein Rauschgenerator, ein separater Modulations-Oszillator, der auf die drei klingenden Oszillatoren einwirkt und auch die Frequenzmodulation der Filter erlaubt, sowie zwei Effekt-Blöcke für Insert-Effekte und eine Master-Effekt-Sektion. Die Verstärker-Sektion, ein Feedback-Dialog und die bereits erwähnten acht Makro-Regler runden den Reigen der ständig sichtbaren Bedienelemente ab.

Unterhalb der Filter- und Verstärkersektion findet sich schließlich das einzige Feld, in dem sich Inhalte durch Klick auf einen der Reiter, die in zwei Reihen darüber angeordnet sind, ändern. Die obere Reihe von Reitern ruft globale Funktionen auf, beispielsweise zur Einstellung der maximal 64-stimmigen Polyphonie, des Unisono-Modus, von Vibrato, Pitchbend, Glide und Phasenlage der Oszillatoren. Es lässt sich das Verhalten der Filter und Oszillatoren in Abhängigkeit zum Spiel auf der Keyboard-Tastatur einstellen, eine Zufalls-Funktion erlaubt die Generierung neuartiger Klangspektren und mit dem Routing-Dialog lässt sich in den Signalfluss eingreifen. Die Reihe von Reitern darunter gestattet den Aufruf der insgesamt acht Modulationsquellen zwecks weiterer Editierung. Alten Hasen in Sachen Synthesizer-Programmierung dürften die meisten Bedienelemente vertraut vorkommen. Auffällig sind kleine schwarze Quadrate, die zum Teil mit unterschiedlich farbigen Zahlen versehen sind und fast jedem Parameter von Massive zugeordnet sind. Dahinter verbirgt sich ein effektives Konzept zur Verdrahtung der Modulationsquellen mit den Reglern der Klangbausteine. Das Prinzip ist denkbar einfach. Überall dort, wo sich ein Kreuz aus zwei Pfeilen befindet, verbirgt sich eine Modulationsquelle. Ein Klick auf dieses Kreuz und der Mauszeiger ändert sich in eine farbige Zahl. Diese Zahl wiederum lässt sich nun in eines der Quadrate ablegen und im Handumdrehen ist eine Modulationsverknüpfung erstellt. Die Codierung aus Farben und Ziffern gibt dabei Auskunft, welcher Modulator gerade am Werk ist. Blaue Ziffern von eins bis vier verzeichnen die Hüllkurven, grüne Ziffern von fünf bis acht verweisen auf die frei wählbaren Modulatoren und hinter gelb-orangen Ziffern von eins bis acht verbergen sich die Makro-Regler. Gelbe Buchstaben beziehen sich auf Tastatur-Controller wie Anschlagsdynamik und Aftertouch. Einige Quadrate, die mitunter in Zweier- oder Dreier-Blöcken angeordnet sind, tragen die Buchstaben SC, was für Sidechain steht. Wird in eines dieser Quadrate ein Modulator eingefügt, so steuert er die Wirkung eines anderen Modulators, ähnlich wie ein Dry/Wet-Regler bei einem Effektgerät, der den Anteil zwischen Original- und Effekt-Signal regelt.

Klickt man nun auf eine Ziffer und zieht die Maus nach oben oder unten, erscheint ein dazu korrespondierender farbiger Balken oder Kreis je nach Bedienelement, der den Wirkungsbereich des Modulators auf das Bedienelement definiert. Im Großen und Ganzen ist dieses Bedienkonzept schnell erlernt. Ein Rechts-Klick auf die Ziffer oder einen Makro-Regler erlaubt schließlich unter anderem die Zuweisung von MIDI-Controllern. Massive sieht dafür lediglich den automatisierten MIDI-Learn-Modus vor. Wir hätten uns zusätzlich noch eine Ausklapp-Liste oder einen Dialog für die direkte Anwahl von Controller-Nummern gewünscht.
Alles in allem bietet die Vielfalt – es lässt sich wirklich fast jeder Parameter modulieren – und vor allem die Mehrfachbelegung von Modulatoren auf einen Parameter eine schier unüberschaubare Anzahl an Verknüpfungsmöglichkeiten, die Massive zu einem virtuosen Instrument in Sachen Modulation machen.

Doch Modulation ist nichts ohne klingendes Material. An vorderster Stelle stehen die drei Oszillatoren, die ihren Klangvorrat aus jeweils 82 unterschiedlichen Wavetables beziehen. Diese Wellentabellen enthalten eine unterschiedlich große Anzahl von Teilspektren, die mit dem Positions-Regler gezielt angefahren oder moduliert werden können. Der Intensitäts-Regler erlaubt noch einmal die Formung der Wellentabelle. Fünf Intensitäts-Modi sorgen dafür, dass das Spektrum in seinem Obertongehalt oder seinen Formanten beschnitten wird, oder ob das Spektrum gestreckt oder gestaucht werden soll. Von den eher als weich und angenehm zu bezeichnenden Spektren für die die alten analogen Synthesizer so geschätzt sind, bis hin zu metallischen und sogar geräuschhaften, kreischenden, schneidend scharfen und spitz klingenden Spektren, die eher einem Sampler entstammen könnten reicht das Potenzial dieser Oszillatoren. Damit besitzt Massive eine farbenprächtige Auswahl, die sich beim Erklingen aller drei Oszillatoren noch einmal potenziert. Bei Bedarf lässt sich noch ein Rauschgenerator, der ebenfalls über unterschiedliche Variationen von Rauschen verfügt noch hinzumischen. Ein vierter Oszillator, der zwar im hörbaren Bereich eine Sinuswelle erzeugt, aber nicht erklingt, erlaubt die erste Modulation der Oszillatoren und sogar die Frequenzmodulation eines der beiden Filter. Außer [G] Ringmodulation, ist eine Phasenmodulation, und eine neuartige Positionsmodulation, beide ähnlich wie die Frequenzmodulation zu sehen, möglich, die die Wellentabellen zusätzlich beeinflussen und die Spektren mitunter verzerren und ihnen einen raueren und gröberen Klang verleihen. Über Fader lässt sich das Ausgangssignal der drei Oszillatoren und des Rauschgenerators anteilig an die beiden Filter-Sektionen weiterleiten.

Die Filter selbst sind ebenfalls über Fader noch einmal sowohl im Ein- als auch im Ausgang dynamisch miteinander kombinierbar. So können die Oszillator-Signale in Extrempositionen auf eine seriell oder parallel verschaltete Filtersektion geleitet werden. Die beiden Filter selbst verfügen über jeweils elf unterschiedliche Filtertypen zur Auswahl, die außer den altbekannten Arten wie Hoch-, Tief-, Bandpass- und -sperre, noch über einige bemerkenswerte Filtertypen verfügen. So sorgt das Allpassfilter für eher subtile Änderungen, die den Frequenzbereich in der Phase beeinflusst, aber nicht beschneidet. Das Scream-Filter enthält eine Verstärkersektion, mit der sich das Filter erheblich verzerren lässt und die Oszillator-Signale ähnlich einem Gitarrenverstärker ordentlich verzerren kann. Der Daft-Filter sorgt für eher formantartige Beschneidungen des Frequenzspektrums, der in Kombination mit der Frequenzmodulation erst richtig zur Geltung kommt. Ein Kammfilter und eine Bandsperre runden die Palette ab. So lassen sich Klänge in einer Bandbreite von eher subtil bis hin zu kraftvoll und aggressiv-verzerrt verbiegen. Die Ergebnisse beider Filter lassen sich anschließend wieder über einen Fader nahtlos überblenden und in die Verstärkersektion leiten. Dieser Mix-Fader ist in Kombination mit dem Routing-Fader am Eingang ein weiteres flexibles Instrument und erlaubt vielfältigste Signalverschaltungen, die sich, man muss es immer wieder betonen, selbstverständlich modulieren lassen. So können in einem parallelen Filter-Routing beispielsweise die ersten beiden Oszillatoren nur vom ersten und der dritte Oszillator nur über den zweiten Filter verändert werden, währenddessen der Rauschgenerator zu gleichen Teilen in beide Filterschaltkreise geleitet wird. Der Mix-Fader am Ende erlaubt jetzt das Ein- und Ausblenden der unterschiedlich gefilterten Oszillatoren. Ein serielles Routing der beiden Filter sorgt beim Routing der Oszillatoren auf den ersten Filter für eine noch größere Flankensteilheit und somit dramatischere Änderung im Klang, der noch farbenprächtiger wird durch die entsprechende Auswahl der Filter-Art. Beiden Filtern selbst ist ähnlich den Oszillatoren wiederum ein eigener Fader zugeordnet, der separat die Lautstärke noch einmal beeinflusst, was gerade beim Scream-Filter in Extrempositionen nützlich ist, um auftretendes Clipping zu vermeiden.

Auch beim Thema Modulatoren haben die Entwickler von Massive noch ganz eigene Akzente gesetzt, die eher sattsam bekannten Funktionsbausteinen ein eigenständiges Profil verleihen. Die LFO-Sektion besteht dabei aus zwei gleichzeitig schwingenden Oszillatoren, die sich nahtlos ineinander überblenden lassen und außer den üblichen Wellenformen wie Sinus, Sägezahn oder Rechteck noch 31 weitere Wellenformen besitzen. Die Phasenlage, also ab welchem Punkt innerhalb der Amplitude der LFO beim Ansteuern starten soll, erlaubt zusätzliche Freiheit in Sachen Modulation. Eine interne Attack-Decay-Hüllkurve erlaubt die Modulation der LFO-Parameter für die Amplitude, die Schwingungsgeschwindigkeit und die Überblendung zwischen beiden Teil-LFOs. Wir hätten es durchaus noch reizvoll gefunden, die Phasenlage jedes Teil-LFOs separat bestimmen zu können. Momentan lässt sich dieses Feature nur für beide LFOs gemeinsam einstellen. Dies wäre vielleicht als Anregung für ein kommendes Update ein durchaus reizvolles neues Feature.

Auch bei den Hüllkurven haben sich die Berliner Software-Ingenieure etwas kreatives einfallen lassen. Der Aufbau folgt dem normalen ADSR-Schema, bei der sich Attack und Decay sowohl in der Zeit, als auch in der Lautstärke editieren lassen. Die Sustain-Phase wartet jedoch mit einem mächtigen Feature auf, das dieser eigentlich eher statischen Haltephase eine ungemeine Lebendigkeit verleiht. Die Phase selbst lässt sich wie bei einem Loop mehrfach vorwärts und zurück durchfahren. Der Verlauf kann dabei durch Auswahl aus 22 Wellenformen dramatische Änderungen erfahren, was wie die Hüllkurve in einer Hüllkurve anmutet. Der Clou an dieser Funktion ist, dass sich, genau wie beim LFO, zwei dieser Wellenformen einsetzen und interpolieren lassen. Solch eine Funktion ist uns bis dato noch unbekannt und bei keinem anderen Synthesizer aufgefallen. Bekannt, aber ebenfalls nicht allzu häufig anzutreffen ist der Step-Sequencer, der in maximal 16 Schritten als weiterer Modulator den Klang anreichert. Mit diesem Modul lassen sich etwa Arpeggiator-ähnliche Klangverläufe erzielen. Jeder Schritt ist in der Amplitude und seiner Modulation, sowie in seinem Übergang steuerbar. Je nach Verknüpfung steuern die Schritte also beispielsweise die Tonhöhe, den Filterverlauf oder das Durchfahren einer Wellentabelle. Eine Variation des Step-Sequencers findet sich im so genannten Performer-Sequencer. Anstelle von Balken zur Einstellung der Amplitude, finden sich stattdessen Wellenformen, die einen ungleich detaillierteren Verlauf ermöglichen und ebenfalls in der Amplitude einstellbar sind. Massive zeigt sich also nicht nur in Sachen Modulationsverknüpfung sehr flexibel, sondern auch noch in seinen Modulatoren.

Wer glaubt, dass sich die Klanggestaltungsmöglichkeiten damit erschöpft haben, oder wem bis zu dieser Stelle schon ganz schwindelig ist von der Flut einstellbarer Parameter, wird noch weiterhin überrascht. Denn Massive geht in Sachen Klangformung noch lange nicht die Luft aus. Der Aufruf des Routing-Dialogs zeigt ein Signalfluss-Schema des Instruments, dass nicht nur zur Zierde dort integriert ist. Auffällig sind mehrere Kästen mit unterschiedlicher Beschriftung, die sich per Mausklick aktivieren lassen und so Einfluss auf den Signalweg nehmen. Die mit FB für Feedback bezeichneten Felder erlauben eine Abzweigung aus dem Signalfluss und Rückführung des dort abgegriffenen Signals zurück in die Filtersektion. Ein Fader erlaubt zusätzlich das dynamische Routing des Feedback-Signals auf die beiden Filter-Sektionen. Mit dem Feedback-Regler wird die Lautstärke des zurückgeführten Signals geregelt. Mögliche Abgriffpunkte sind hinter den beiden Filtern, sowie vor und nach der Verstärkersektion, aber noch vor den Master-Effekten. Weiterhin aAiterhin Abgriffpunkte sind hinter den beiden Filtern, sowie vor und nach der Verstärkersektion, aber noch vor den Master-Effektuffällig sind mehrere Kästen – beschriftet mit Ins1 und Ins2 –, die einen Einsatzpunkt der zwei Insert-Effekte markieren. Ein Klick auf einen Kasten fügt den jeweiligen Insert-Effekt an die bezeichnete Stelle im Signalfluss ein. Es lassen sich jedoch keine mehrfachen Instanzen der beiden Insert-Effekte einfügen. Je nach Einsatzpunkt beeinflussen die Effekte auf unterschiedliche Art den Signalfluss. So lassen sie sich vor und nach der Filter-Sektion einfügen, sowie vor die Verstärker-Sektion und sogar in den Feedback-Weg. Eine zusätzliche Möglichkeit der Anreicherung mit Insert-Effekten besteht in der Aktivierung des Feedbacks nach dem ersten Filter. Zusätzlich zum Feedback-Signalweg zweigt sich eine weitere Verbindung durch mögliche Insert-Effekte ab, die direkt auf die zweite Filtersektion geroutet wird. Doch damit nicht genug. Die mit einem B bezeichneten Quadrate erlauben die Herausnahme der Oszillatoren und des Rauschgenerators aus dem Signalweg und das direkte Routing auf einen der drei Master-Effekte. Über einen Fader auf der Programmieroberfläche lässt sich das rohe Oszillator-Signal in der Lautstärke dem Restklang hinzumischen. Selbstverständlich ist auch dort wiederum eine Modulation möglich. Wer möchte leitet beispielsweise den Rauschgenerator auf direktem Wege zum Ausgang und fügt dem Klang eine rohe und rauchige Note hinzu. Oder ein so unbearbeiteter Oszillator mit einer Sinuswelle sorgt an dieser Stelle für die Bereitstellung einer Suboktave im Klangspektrum.

Die insgesamt 25 Effekt-Algorithmen verteilen sich zu unterschiedlichen Anteilen auf die Insert- und Master-Effektsektion und dienen unterschiedlichen Zwecken. Jeweils sieben Algorithmen sorgen in erster Linie für Verzerrungen des Klangspektrums. Mit dem Bit-Crusher (Reduktion der Bittiefe), dem Sample & Hold, sowie dem Sine und Parabolic Shaper wird das Obertonspektrum entsprechend angeraut und Klangspektren erhalten je nach Einstellung subtile Unsauberkeiten, die so charakteristisch sind für Digitalsynthesizer aus der Anfangszeit dieser Ära, bis hin zu Verzerrungen ähnlich eines Gitarrenverstärkers. Mit dem Sample & Hold-Effekt lassen sich so etwa Frequenzanteile realisieren, die an Frequenzmodulation erinnern. Die restlichen Algorithmen finden sich in der Master-Effektsektion – aufgeteilt in zwei Effektslots und einem nachgeschalteten Dreiband-Equalizer – und dienen zur Veredelung von Klängen. Es finden sich die üblichen Brot- und Buttereffekte wie Delay, Chorus, Phaser und Flanger, sowie zwei Hall-Algorithmen. Letztere klingen für eine Komponente, die eher eine Nebenrolle im Konzert der Klangformung erfüllt, sogar richtig hochwertig und brillant, ohne den Klang zu verfärben. Im Gegensatz zum zweiten Effekt-Slot, besitzt der erste zusätzlich noch drei Röhrensimulations-Algorithmen, die bei Bedarf den Klang noch einmal anfetten und mit subtilen harmonischen Verzerrungen aufwarten. Doch an dieser Stelle müssen wir den Finger in die Wunde legen: Sämtliche Drehregler in Massive besitzen keine nummerierte Skala oder erlauben eine präzise Einstellung mit Hilfe etwa eines Tooltips, der die Änderung der Werte anzeigt. Für die Regler der Synthesizer-Sektion mag das noch tolerierbar sein. Bei Effekten wie etwa dem Delay, dem Hall oder dem Frequency-Shifter wäre gerade dort ein solches Feature sinnvoll, wenn etwa innerhalb eines Projektes ein taktsynchrones Delay oder ein homogener Hallraum erstellt werden soll. Momentan bleibt nichts anderes übrig als auf seine Ohren zu vertrauen.

Schaut man sich nur das Leistungsspektrum von Massive an, so müssten mit diesem Synthesizer Klangfarben realisierbar sein, die eine breite Palette vielgestaltiger Klangtexturen ermöglichen. In der Tat enttäuschen die über 420 Presets in keiner Weise. Native Instruments gibt mit ihnen eine exzellente Visitenkarte dieser mächtigen Modulationsfabrik ab. Übliche Standardklänge wie Streicher, Bläser oder Orgeln sind in der Minderzahl. Damit würde sich Massive auch weit unter Wert verkaufen. Seine Domäne besteht in der Herstellung bewegter Klangtexturen, die eher an das simultane Zusammenspiel mehrerer Synthesizer erinnert. Diese bewegte Vielfalt, obwohl anders realisiert, erinnert vordergründig an Klassiker wie den Prophet VS oder die Korg Wavestation. So hört man etwa im Preset Alien Sea einen hohen Sinuston unter dem ein waberndes mittiges Klangspektrum gleichzeitig erklingt. Das Preset Chime again wartet sogar mit drei unterschiedlich klingenden Teilspektren auf bei denen über einem Grundton, zwei unterschiedlich modulierende Frequenzspektren für eine polyrhythmische Textur sorgen. Massive ist in der Lage subtile und hauchfeine Flächen zu erzeugen bis hin zu bösartig verzerrten Klangtexturen, die eher für Techno, EBM oder Industrial gedacht sind. Das Potenzial der Oszillatoren, der Filter – hier insbesondere das Scream-Filter – und der Insert-Effekte lassen Massive wie einen Wolf im Schafspelz erscheinen.  Doch Massive ist nicht nur ein Meister in der Realisierung beeindruckender Flächensounds. Mit Hilfe von Step- und Performer-Sequencer erklingen sogar waschechte Dancefloor-Loops mit elektronischem Schlagzeug und etwa einer Bass-Figur oder einer Akkordbegleitung. So klingt beispielsweise das Preset Deep and Dirty Hip Hop verdächtig nach einer Sequenz aus einem Stück von Aphex Twin, der als Mozart des Techno bekannt wurde. Eine weitere Domäne von Massive besteht in der Erzeugung wuchtiger Bass-Sounds, die in den Presets mehr als zahlreich vertreten sind.

Auffällig ist, dass der Großteil der Presets sich nur monofon spielen lässt und vom Klanggehalt her für den Einsatz als Lead-Synthesizer gedacht sind. Wer es gerne polyfon haben möchte, ruft nur den Voicing-Reiter auf und korrigiert dies. Allerdings sollte das mit Bedacht geschehen. Denn Massive ist je nach Preset äußerst performancehungrig und beansprucht viel Rechenleistung. Vertraut man auf die mit den Presets gespeicherten Attribute, so empfiehlt sich Massive in erster Linie für alle Arten von Dancefloor, aber auch für eher harmonisch süßliche elektronische Musik, sowie als Effekt-Klang Lieferant für alle Spielarten avantgardistisch anmutender Musik. Filmmusik-Komponisten werden Massive als Alternative zu etwa Absynth aus eigenem Hause alsbald nicht mehr missen wollen. Denn nicht zuletzt besticht Massive durch einen nur als hochwertig und exzellent klingenden Grund-Sound. Selbst über eine Consumer-Soundkarte gespielt, klingen die Presets, als ob sie einer Hochglanz-Musikprodukmissen wollen.fekt-Klantion entstammen. Obwohl Massive auch richtig schmutzig, rau, metallisch und digital verzerrt klingen kann, so wohnt auch diesen Sounds eine ganz eigentümliche Brillanz und Luftigkeit mit einer gleichzeitig wohlig-angenehmen Prominenz im Bass-Spektrum inne. Diese selbst bei eher hauchzarten Presets anhaftende und einschmeichelnde Vordergründigkeit wird zusätzlich durch den bereits erwähnten hochwertigen Hall-Effekt noch unterstützt. Im Vergleich zu etwa Albino 3 von Rob Papen, Test in Ausgabe 11/2006, klingt Massive – Nomen est Omen – ungleich voluminöser, gewaltiger und eben massiver. In Sachen Lebendigkeit braucht er sich ebenfalls nicht vor halbmodularen Mitstreitern wie dem ARP 2600 V, der in Arturias Analog Factory, ebenfalls in Ausgabe 11/2006 getestet, für viel Aufsehen in Sachen Lebendigkeit sorgt. Die Klangsynthese in Massive ist relativ schnell erfasst. Dennoch ist das Instrument aufgrund seiner schier unüberschaubaren Verschaltungsmöglichkeiten recht komplex. Das wahre Potenzial tritt erst durch intensive Beschäftigung mit diesem außergewöhnlichen Instrument hervor. Die exzellenten Presets können da nur ein Anfang sein.   ren , klingt Massive – Nomen  dem eine rophet VS oder die Korg Wavestation.ren, die ehDas Ausprobieren der Presetesamtsamt über 420ren ermöglicht. müssten mit diesem Synthesizer Klangfarben realisierbar sein, die et Massive n undlung lebendiger Klangtexture

Fazit

Mit dem virtuellen Synthesizer Massive hat es Native Instruments mal wieder geschafft ein profiliertes und eigenständiges Instrument zu entwickeln. Mehr noch, haben sie sich mit Massive eine hausgemachte Konkurrenz zu dem ebenfalls sehr vielfältig klingenden Absynth geschaffen. Wer die Modulationsmöglichkeiten bisheriger Synthesizer als nicht ausreichend empfindet, oder auf der Suche nach einem vielgestaltig und hochwertig klingendem Instrument ist, sollte sich Massive unbedingt einmal anhören. 

 

 

Erschienen in Ausgabe 12/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 299 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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