Vier gute Gründe gibt es….

…sich das neue Reason 4 von Propellerhead anzuschaffen: Die kinderleichte Bedienung, der fette Sound, ein attraktiver Preis und eine Reihe interessanter Neuheiten, die die Software noch ausgereifter macht.

Von Georg Berger

Die vom schwedischen Software-Unternehmen Propellerhead entwickelte Synthesizer-Workstation Reason feiert schon lange Erfolge als Rundum-Komplettlösung zur Produktion elektronischer Musik. Insbesondere in Studios für Dancefloor und Techno-Produktionen hat sich die Software als Standard-Anwendung etabliert. Die Plus-Punkte sprechen für sich: Reason offeriert ein flexibles Konzept in Form eines virtuellen 19-Zoll-Racks, das bei gleichzeitig leichter Bedienung opulente Möglichkeiten zur kreativen Gestaltung von Klängen und Musik ermöglicht (siehe Kasten auf Seite 18). Außerdem überzeugt Reason durch das für diese Musikstile besonders prädestinierte Klang-Repertoire. Gleichwohl finden sich daneben noch weitere Klänge, zumeist Samples, mit denen sich auch alle anderen Spielarten von Musik produzieren lassen. Ein ähnlich vergleichbares Konzept bietet ansonsten nur noch Arturia mit ihrer Studio-Software Storm. Bei dem zum Test anstehenden Major-Update von Reason auf die Version 4 hat der Hersteller ordentlich aufgeräumt: Bisher zähneknirschend akzeptierte Nachteile sind beseitigt und neue Funktionen hinzugekommen, an die man im Leben nicht gedacht hat. Zentrale Neuheit im knapp 450 Euro teuren Reason 4 ist der von Grund auf neu programmierter Sequenzer. Er hebe Einschränkungen aus der Vorversion auf, das Produzieren von Musik auf Reason-Ebene soll deutlich komfortabler werden. Doch für ein Major-Update hat das wohl bei Propellerhead noch nicht gereicht. Darüber hinaus finden sich neben unzähligen kleineren Verbesserungen drei weitere bemerkenswerte Neuheiten, die die Ausstattung von Reason erheblich erweitert.

 

Ein komplett neu programmierter Sequenzer

Das Thor-Modul ist ein semimodular aufgebauter Synthesizer, mit, im Vergleich zum Malström- und Subtraktor-Instrument, deutlich erweiterten Klangformungsmöglichkeiten. Der monophone Arpeggiator RPG-8 hilft bei der Erzeugung typischer Kleinst-Sequenzen und wartet mit pfiffigen Eingriffsmöglichkeiten auf. Der Regroove-Mixer als dritte wichtige Neuheit ist dem Sequenzer angegliedert und ermöglicht es, Aufnahmen zu rhythmischer Lebendigkeit zu verhelfen. Die gesamte Software ist nunmehr auf einer DVD untergebracht, was das lästige Tauschen bei Installation der Factory- und Orkester-Sound-Library erübrigt. Sehr schön: Reason kann bei Erstinstallation jetzt in verschiedenen Sprachen installiert werden. Wir wählen natürlich die deutsche Version aus. Besitzer der Vorversion werden jedoch beim Erst-Start im Sprachen-Eintrag des Preferences-Menüs nachträglich Hand anlegen müssen, was aber verschmerzbar ist. Neben dem üblichen Hauptfenster – jetzt komplett in deutsch gehalten – findet sich als zusätzliche Neuheit eine vom Hauptfenster abgelöste, frei schwebende Werkzeugleiste. Drei Reiter enthält sie, die ein bequemes Auswählen und Integrieren der Module gestattet, sowie die wichtigsten Funktionen zum Bearbeiten von Notenereignissen und Grooves bereithält. Die bei Bedarf natürlich entfernbare Werkzeugleiste dürfte jedoch alsbald schon zu einem unverzichtbaren Werkzeug während der Arbeit mit Reason avancieren. Das Rack etwa ist mit ihrer Hilfe in Windeseile gefüllt. Beim Erstellen von Routings auf der Rückseite des Racks haben die Entwickler ebenfalls eine komfortable Neuheit eingeführt, die gerade bei schon existierenden umfangreichen Verkabelungen den Workflow beschleunigen. Durch Rechtsklick auf eine Buchse öffnet sich ein Ausklapp-Menü und zeigt automatisch die noch zur Verfügung stehenden leeren Buchsen. Das Programm erkennt automatisch, ob es sich um einen Ein- oder Ausgang oder um ein Audio- oder Steuersignal handelt. Doch das sind eigentlich eher Nebensächlichkeiten. Weitaus bedeutender ist der neu konzipierte Sequenzer: Wer jetzt denkt, dass die Bedienung des frisch renovierten Sequenzers ein gerüttelt Maß an Einarbeitungszeit erfordert, der irrt. Der grundsätzliche Workflow bei der Arbeit mit Reason ist gleich geblieben. Alte Reason-Hasen werden sich schnell eingewöhnt haben. Sehr schön: Beim Einfügen eines Instruments erscheint automatisch eine dazu korrespondierende Spur im Sequenzer. Ein simpler Klick auf eine gewünschte Spur routet den MIDI-Port, der bei der Installation für das Masterkeyboard reserviert wurde, automatisch auf das damit verbundene Instrument und gestattet es, direkt mit der Aufnahme loszulegen. Propellerhead verfolgt jetzt bei der Spuren-Organisation einem All-in-one-Konzept: Pro Instrument oder Instrumenten-Instanz gibt es nur noch eine Spur, was die Darstellung des Gesamt-Arrangements deutlich übersichtlicher gestaltet. Die Spuren selbst stellen dabei so etwas wie einen Behälter dar. Denn in einer Spur lassen sich jetzt unzählig viele Unterspuren – sogenannte Lanes – aufnehmen. Zwei Modi stehen zur Verfügung, die in der Transportleiste aktivierbar sind: Alternativ/Neu und Overdub. Klickt man auf Alternativ wird beim Erzeugen der neuen Lane, die zuvor aufgenommene Lane stumm geschaltet. Der Modus bietet sich an, wenn das eingespielte Ergebnis, etwa eine Improvisation, nicht gefällt und man es noch einmal besser machen möchte, um am Schluss die beste Aufnahme auswählen zu können. Beim Erstellen neuer Lanes im Overdub-Modus werden die vorherigen Lanes nicht stumm geschaltet, so dass mühelos mit ein und demselben Instrument opulente Klanggebilde über mehrere Unterspuren hinweg produzierbar sind. Zusätzlicher Vorteil: Wer in diesem Modus etwa ein Streicher-Arrangement mit vier Lanes erstellt hat, besitzt flexible Möglichkeiten bei der Nachbearbeitung der Noten im Edit-Modus. Sämtliche Automationen und sogenannte Performance-Controller, wie etwa die Velocity-Werte der Noten oder die Bewegungen von Pitchbend- oder Modulationsrad, sind ebenfalls darin eingefasst. Je nach Situation vergrößert sich der Umfang einer Spur recht schnell. Um die Übersicht im Arrangement zu bewahren, können sie jedoch minimiert werden. Jede Aufnahme, egal ob es sich um Noten, Automationen oder Pattern für das Redrum- oder das Matrix-Modul handelt, sind jetzt in Form einzelner Segmente – Clips genannt – eingefasst, die sich innerhalb einer Lane verschieben lassen. Weiterer Sinn und Zweck: Reason verfügt jetzt über Werkzeuge, die schon längst zum Standard-Repertoire eines jeden hauptamtlichen Sequenzers gehören und die sich entweder über Buttons im Sequenzer oder durch Betätigen einer Buchstaben-Taste aktiveren lassen. Clips können nun mit einer Rasierklinge zerteilt oder mit einem Radiergummi gelöscht werden. Das Pfeil-Werkzeug dient zur Auswahl und zum Verschieben von Clips, der Bleistift erlaubt das Ändern von Noten und Controllerwerten und mit der Lupe ist ein bequemes Zoomen in die und aus der Spur möglich.

Die Länge eines Clips kann an ihren Außengrenzen verändert werden und gestattet ein nachträgliches Trimmen von Aufnahmen, ähnlich wie in Pro Tools. Dabei wird eher eine Art Maskierungsfunktion ausgeführt. Denn die dadurch verborgenen Teile sind nicht unwiderruflich gelöscht. So ist es kinderleicht möglich, etwa einen Strophenteil soweit zu verkleinern, dass er als Auftakt oder Bridge zu einem anderen Songteil verwendet werden kann. Natürlich können auch mehrere Teil-Clips zum besseren Handling durch eine Klebe-Funktion zu einem einzigen Clip verschmolzen werden. Unverständlich ist allerdings, dass dies nur innerhalb des Bearbeiten-Hauptmenüs ausführbar ist. Wir hätten uns dafür ebenfalls ein eigenes Werkzeug im Sequenzer-Dialog gewünscht. Selbstverständlich sind auch die Standard-Bearbeitungen wie Kopieren, Ausschneiden und Einfügen an Clips möglich.   Einfache Quantisierungen sind jetzt bequem über die Werkzeugleiste und Aufruf des Werkzeuge-Reiters einstell- und einsetzbar. Über den Regroove-Mixer ist jedoch noch mehr machbar. Dazu später mehr. Der Reiter offeriert darüber hinaus noch weitere, bequem ausführbare Funktionen zum Bearbeiten von MIDI-Events, wie etwa die Transponierung der Tonhöhe, die Änderung der Anschlagsdynamik oder des Legatos. Eine weitere wichtige Neuerung ist die Möglichkeit, in der permanent existenten Tempospur, Automationen für die Abspielgeschwindigkeit und die Taktart erstellen zu können. Sämtliche Automationen sind, wie gehabt, durch erneute Aufnahme der Spur in Echtzeit realisierbar. Durch Klick in die daraufhin erstellte Automationsspur – ein Aufruf des Edit-Modus ist nicht nötig – lässt sich das Ergebnis nachträglich mit Hilfe des Bleistift-Werkzeugs editieren oder sogar komplett neu erstellen. Reason bietet hier eine vektor-orientierte Lösung mit Anfasspunkten an. Pattern-Automationen sind in ähnlicher Weise im Arrangier-Fenster unkompliziert erstellt. Beim Klicken in die Spur wird grundsätzlich ein neuer leerer Clip erzeugt. Bei Pattern reicht jetzt lediglich das Öffnen eines Ausklapp-Menüs, aus dem sich das gewünschte Pattern auswählen lässt. Ein permanenter Wechsel zwischen Arrangier- und Edit-Modus reduziert sich dadurch gerade während der Komposition erheblich. Der Sequenzer verfügt noch über weitaus mehr Neuheiten, so etwa die Möglichkeit, zur besseren Übersichtlichkeit Lanes unterschiedlich einzufärben. Sie aber alle aufzuzählen würde den Rahmen des Artikels sprengen.  

Eine ganz wichtige Neuheit, die noch zum Sequenzer gehört, aber als eigenständiger Dialog existiert, darf jedoch nicht vergessen werden: Der Regroove-Mixer. Er erlaubt es, beispielsweise Drum-Rhythmen, Bass- und Melodie-Linien durch bewusst eingesetzte rhythmische Ungenauigkeiten zu mehr Leben zu verhelfen, was im Volksmund unter dem Begriff Groove subsumiert wird. Propellerhead hat sich im Vergleich zu den Groove-Quantisierungsmöglichkeiten anderer Sequenzer etwas völlig Neuartiges einfallen lassen, was oberflächlich betrachtet vielleicht banal gelöst erscheint, aber im Detail schlichtweg genial ist. Denn dort, wo es meistens nur möglich ist, Grooves ausschließlich und direkt auf MIDI-Events einzurechnen, bieten die Schweden eine non-destruktive Lösung an. Das Handling geschieht denkbar einfach. Durch Druck auf den Regroove-Mixer-Button schiebt sich unterhalb des Sequenzers ein virtueller Mixer mit acht Kanalfadern und jeweils zwei Drehreglern auf die Bedienoberfläche. In jeden Kanalzug kann eine der im Lieferumfang enthaltenen Groove-Dateien, die je ein spezielles Rhythmus-Muster enthält, geladen werden. Mit den Fadern wird der Gesamteinfluss der Groove-Dateien auf die Lane justiert. Die Shuffle-Regler erlauben, zusätzlichen Einfluss auf die Sechzehntel-Noten zu nehmen, um in Extrempositionen aus einem geraden einen triolischen Rhyhtmus zu erstellen. Die Slide-Regler sorgen für einen zeitlichen Versatz sämtlicher Noten, unabhängig vom verwendeten Groove. Insgesamt können 32 unterschiedliche Grooves – die Regroove-Channelstrips sind dazu auf vier Bänke verteilt – auf ein Arrangement einwirken. Um einen Groove auf eine Lane anwenden zu können, muss das Ausklapp-Menü in der jeweiligen Unterspur/Lane neben dem Aufnahme-Button bemüht werden: Einfach die Bank mit dem entsprechenden Kanal anwählen in dem der gewünschte Groove geladen ist und schon ist alles erledigt. Unschlagbarer Vorteil: Fällt während der Produktion auf, dass ein bislang verwendeter Groove unpassend ist, braucht lediglich an den Reglern gedreht, oder die Einstellmöglichkeiten im Groove-Reiter der Werkzeugleiste bemüht, oder einfach eine neue Groove-Datei geladen zu werden. Ein umständliches Umquantisieren Spur für Spur entfällt. Über den Werkzeugleisten-Groove-Dialog ist es auch möglich, eigene Grooves abzuspeichern. Reason gebührt da ein Sonderlob für diese pfiffige und einfache Lösung. Wer bislang den Reason-Sequenzer für eine nette Notizzettel-Lösung gehalten und vielleicht deswegen auf den Kauf der Software verzichtet hat, sollte sich zumindest einmal die Demo-Version installieren und die neuen Funktionen ausprobieren. Denn in der vierten Version von Reason ist aus dem hässlichen Entlein ein schöner Schwan geworden, der jetzt mit ausgereiften, professionellen und sogar völlig eigenständigen Features aufwartet. Im Test begeistert der Sequenzer durch ein schnelles und effektives Arbeiten, eine rasche und problemlose Eingewöhnungsphase und, nicht zuletzt durch den Regroove-Mixer, durch intuitive, spielerische Bedienbarkeit. Wer ausschließlich mit den an Bord befindlichen Instrumenten von Reason Musik produzieren möchte, kann jetzt die meiste Zeit auf die Verwendung eines weiteren (Haupt-)Sequenzers verzichten. 

Eine weitere Entscheidungshilfe für den Kauf von Reason 4 dürfte auch der neue semimodular aufgebaute Thor-Synthesizer sein, der das Zeug haben dürfte, dem bisherigen Flaggschiff Malström den Rang als wichtigster Synthesizer abzulaufen. Eine erste Anmutung findet sich im Attribut Polysonic, mit dem die Schweden dieses Instrument versehen haben. Hintergrund: Thor besitzt nicht nur die üblichen Oszillatoren subtraktiver Machart, sondern wartet auch mit Frequenz- und Phasenmodulations-Varianten, einem Wavetable- und einem sogenannten Multi-Oszillator auf, der die Palette an Basis-Material vielfarbig gestaltet. Dazu gesellen sich vier verschiedene Filtertypen, von denen der Formantfilter mit seinen vokalähnlichen Frequenzverschiebungen am profiliertesten erklingt. Eine umfangreiche Modulations-Matrix und ein integrierter Step-Sequenzer sorgen für zusätzliche Lebendigkeit bei der Klangerzeugung, die so bei den anderen Synthesizern nicht vorhanden ist. Bei Aufruf von Thor zeigt sich zunächst eine Frontplatte, die lediglich globale Parameter enthält, wie unter anderem etwa das Pitchbend- und Modulationsrad, einen Portamento- und Gesamtlautstärkeregler, sowie zwei Potis zum schnellen Eingriff in zwei wählbare Parameter. Erst durch Druck auf den Programmer-Button zeigt sich die ganze Pracht von Thor, die imposant den Großteil des Racks für sich in Anspruch nimmt. Das Layout der Programmier-Ebene erscheint zunächst verwirrend und unübersichtlich. Doch bereits nach kurzer Zeit finden wir uns auch ohne Studium der Haupt-Dokumentation zurecht, die, im Gegensatz zum deutschen Einführungshandbuch, nur in englisch vorliegt.   Die Architektur folgt der klassischen subtraktiven Synthese. Drei Slots stehen zur Aufnahme der verschiedenen Oszillator-Modelle bereit. Das gesamte Konzept ähnelt stark dem Absynth 4 von Native Instruments (Test in Heft 1/2007). Der erste Oszillator kann dabei vom zweiten amplitudenmoduliert werden, was für zusätzliche Schärfe im Klang sorgt. Oszillatoren zwei und drei lassen sich auf Oszillator eins synchronisieren. Die Stärke der Synchronisation ist dabei anteilig einstellbar. Außer einem Rauschgenerator und einem herkömmlichen Modul mit emulierten analogen Wellenformen, das im Klang eindeutig ihren Vorbildern nacheifert, finden sich noch vier weitere bemerkenswerte Module. Das FM-Modul sorgt mit einer einfachen Frequenzmodulation von zwei Oszillatoren für scharfe und bissige, bisweilen auch dünn und hohl klingende Klangspektren. Das Phasen-Modul bedient sich der Phasenmodulation[G], die ähnlich wie die Frequenzmodulation aufgebaut ist und sich an der sogenannten Phase Distortion-Synthese der Casio CZ-Serie orientiert. Ihr Klangspektrum ist ähnlich der Frequenzmodulation, jedoch ein wenig feiner und subtiler. Der Wavetable-Oszillator erlaubt den Aufruf unterschiedlicher Wellenspektren, die sich mit Hilfe eines Reglers dynamisch abspielen lassen und so für lebendigen Klang sorgen. Spektren mit teilweise ungeradzahligen Teiltonverhältnissen, typisch für glockenartige oder verzerrte Klänge, aber auch sinusartige harmonische Spektren sind dort zu hören. Allerdings enttäuscht das Repertoire der vorhandenen Wellensätze. Sie besitzen im Kern alle den gleichen Grundklang und unterscheiden sich beim Durchfahren der Wellenformen lediglich in unterschiedlich farbigen Obertongemischen. Da ist sicherlich noch Spielraum für künftige Erweiterungen vorhanden. Der Multi-Oszillator bedient sich ebenfalls herkömmlicher analoger Wellenformen. Besonderheit dort: Sie können mit einem zweiten Satz an Wellenformen anteilig über einen Drehregler nachhaltig verstimmt werden. Das Modul ist in der Lage, äußerst fette Klänge zu erzeugen. In Extrempositionen überrascht es durch völlig kaputte Spektren jenseits von Wohlklang und zeigt sich damit als wandlungsreichster Klangerzeuger. Alleine durch die Kombination dieser Oszillator-Varianten eröffnen sich dem Anwender schier grenzenlose Klanggestaltungsmöglichkeiten. Weiße Pfeile auf der Programmieroberfläche verdeutlichen den Signalfluss der Oszillatoren durch die übrigen Module bis hin zum Ausgang. Die Signale sämtlicher Klangerzeuger gehen anschließend durch einen Mixer zum Ausbalancieren der Lautstärke. Anschließend kann jeder einzelne Oszillator – per Tastendruck aktivierbar – durch zwei Filter-Sektionen geleitet werden. Thor bietet hier vier Typen an, von denen der Low Pass Ladder Filter durch seinen fetten und wohlig angenehmen Klang eindeutig in Richtung analoger Synthesizer schielt. Der Kammfilter zeigt sich da als eindeutig schrille und bissige Variante, die es schafft, Klänge nachhaltig anzurauen und zu verzerren. Der State Variable Filter ist dem Ladder Filter ähnlich, erlaubt aber ein dynamisches Überblenden zwischen Hoch- und Tiefpass-Charakteristik. Ein Highlight ist jedoch der Formantfilter, der vokalähnliche Klangspektren erzeugt. Der Kreis innerhalb des grauen Quadrats lädt zum beherzten Schrauben ein, bei dem zwei Parameter gleichzeitig auf den Filterklang Einfluss nehmen, die jedoch nicht mit Cutoff und Resonanz vergleichbar sind. Das Preset „I am Thor“ verdeutlicht im Verbund mit dem integrierten Step-Sequenzer auf eindrucksvolle Weise, was damit möglich ist: Die Steps steuern den Filter und bei Druck auf eine Taste hört man eine Vocoder-ähnliche Stimme, die den Namen des Presets vernehmbar aufsagt. Mit dem bloßen Filtern ist es jedoch nicht getan. Thor bietet nämlich noch einige Optionen an, mit denen die gefilterten Signale durch verschiedene Routings noch einmal verfeinert werden können. Am Ausgang des ersten Filters findet sich überdies noch ein aktivierbarer Waveshaper, der den Klang je nach Einstellung mit harmonisch angenehmen bis hin zu bissig-scharfen Verzerrungen versieht. Zwei Pfeilbuttons erlauben nun, das so bearbeitete Signal einmal in den zweiten Filter oder direkt in den Verstärker zu leiten. Ein weiterer Button leitet schließlich bei Bedarf das Signal des zweiten Filters an den Verstärker. Von dort aus geht es in die Mastersektion, die mit einem einfach aufgebauten Chorus und Delay aufwartet und den Klang noch einmal andickt. Schließlich geht es von dort in eine dritte, ebenfalls frei belegbare Filtersektion. Eine Hüllkurve und ein weiterer LFO wirken schließlich auf frei wählbare Ziele zusätzlich ein.  

Zur Modulation von Filtern und Oszillatoren stehen ein LFO, eine Filter- und Verstärkerhüllkurve bereit. Die Modulationshüllkurve kann für verschiedene Zwecke herangezogen werden. Doch das ist ja erst der Anfang. Eine Modulationsmatrix sorgt für zusätzlichen Schub an Lebendigkeit. Insgesamt 13 Verknüpfungen sind möglich, zur Auswahl von Quellen und Zielen stehen jeweils 52 Parameter zur Verfügung. Die Matrix bietet drei unterschiedliche Arten von Modulationsverknüpfungen an: So können sieben einfache Verknüpfungen realisiert werden, bei der eine Adresse von einer Quelle moduliert wird und die Stärke von einem Controller, etwa dem Modulationsrad gesteuert wird. Vier Verknüpfungen erlauben die Modulation einer Adresse durch zwei Quellen und die Steuerung mit einem Controller. Schließlich erlauben die letzten beiden Verknüpfungen eine einfache Modulation, die jetzt von zwei Controllern gleichzeitig gesteuert wird. Damit verfügt der virtuelle nordische Donnergott über ein vielgestaltiges Hilfsmittel, um sehr lebendige Klangverläufe herzustellen. Die zusätzlichen Verknüpfungsvarianten bereichern das Instrument und erhöhen das klangliche Potenzial deutlich. Der integrierte maximal 16-stufige Step-Sequenzer erlaubt das Erzeugen von Melodie-Linien. Doch mit dem bloßen Abspielen unterschiedlicher Tonhöhen, die über die üblichen Parameter wie Abspielrichtung und Oktavbereich einstellbar sind, ist er eindeutig unterfordert. Er offeriert zusätzlich weitere Parameter, die ein präzises Formen der Abspielnoten erlauben. Über den Editier-Drehknopf ist es möglich, die Step-Reihe zum Programmieren der Anschlagsdynamik, der Notendauer und der Schrittlänge jedes Steps zu nutzen. Darüber hinaus sind mit dem Curve- 1- und Curve-2-Parameter noch zwei weitere Reihen programmierbar, die auf unterschiedliche Ziele einwirken können. Denn die hier genannten Parameter finden sich ebenfalls in der oben erwähnten Modulations-Matrix.  Die im Lieferumfang enthaltenen Thor-Presets zeigen ein breites Spektrum unterschiedlicher Klangfarben, die von eher klassisch analogen Sounds bis hin zu schrillen, verzerrten und metallisch klingenden Klangspektren reichen. Vom Potenzial her kann sich Thor da durchaus mit Native Instruments Absynth 4 oder Massive, aber auch mit Terratecs Komplexer messen. Der Grundklang von Thor ist bei aller Lebendigkeit als sehr fein, höhenreich und ausgewogen zu umschreiben. Wuchtige Bässe, wie etwa beim Massive oder Komplexer kann er nicht ganz so mächtig erzeugen. Er klingt aber deutlich voller und plastischer als der Albino 3 von Rob Papen/Linplug (Test in Heft 11/2006).     Die vierte wichtige Neuheit, das monophone Arpeggiator-Modul RPG-8 ist, laut Aussage von Propellerhead, auf Kundenwunsch hin entstanden. Ähnlich wie ein Insert-Effekt wird es an einen Klangerzeuger gebunden und übernimmt anschließend das Anspielen der Noten ausgehend von den gegriffenen Akkorden am Keyboard. Beim Ankoppeln an ein Instrument erscheint im Sequenzer eine eigene RPG-8-Spur, die quasi als Frontend vor dem eigentlichen Klangerzeuger steht. Ein Blick auf die Rückseite des Racks zeigt CV/Gate-Verbindungen zum Triggern von Klängen zwischen RPG-8 und dem Klangerzeuger. Zusätzlich existiert auch eine Steuerverbindung zum Modulations- und Pitchbend-Rad, so dass bei Einsatz des Arpeggiators nach wie vor mit beiden Spielhilfen in den Klang eingegriffen werden kann. Konsequenterweise besitzen jetzt auch alle anderen Klangerzeuger CV-Buchsen zum Weiterreichen der Steuerspannung für beide Spielhilfen. An Eingriffsmöglichkeiten bietet der Arpeggiator die üblichen Parameter. Die Abspielgeschwindigkeit ist einstellbar, eine Hold-Funktion spielt den einmal angeschlagenen Akkord endlos ab und der Single-Note-Modus erlaubt das Arpeggieren einzelner Noten. Akkordbrechungen sind bis maximal vier Oktaven möglich. Außer den üblichen Abspielrichtungen – vorwärts, rückwärts und alternierend – findet sich noch eine Zufallsgenerator und eine mit „Manual“ bezeichnete Variante. Der letztgenannte Abspielmodus spielt die Töne dabei analog zu der Reihenfolge ab, wie sie auf dem Keyboard gedrückt wurden. Doch das RPG-8-Modul wartet noch mit einigen zusätzlichen, nicht alltäglichen Features auf, die die kreativen Einsatzmöglichkeiten erweitern und dem Thema Arpeggio neue kreative Aspekte hinzufügt. So ist es in der Lage, als CV-Umwandler zu fungieren, indem ein fester Velocity-Wert, unabhängig von der Anschlagsdynamik der gespielten Noten, an den Klangerzeuger übertragen wird. Die Oktavlage des angeschlagenen Akkords ist ebenfalls transponierbar. Ebenfalls nicht selbstverständlich: Ein Gate-Regler, der die Dauer der gespielten Töne beeinflusst. Zusätzliche Abspielvariationen bieten die Insert-Buttons, die die voreingestellte Abspielrichtung der Noten variationsreich aufbrechen. So werden beispielsweise bei Aktivierung des „3-1“-Buttons zuerst drei Noten vorwärts abgespielt, danach eine Note zurück und dann wieder drei Noten vorwärts, was in der Abspielfolge 1-2-3-2-3-4-5-4-5-6-7 und so weiter resultiert. Das Highlight des RPG-8 ist jedoch der 16-stufige Pattern-Editor, mit dem sich rhythmische Variationen in eine ansonsten eher statisch ablaufende Spielweise einfügen lassen. Das Handling geschieht denkbar einfach: Durch Abwahl eines Buttons fügt der Editor eine Pause – hier im Sechzehntel-Raster – in die Sequenz ein. Es werden dabei keine Noten ausgelassen. Nachfolgende Noten werden also nach Ende der Pause sukzessive weiter abgespielt. Durch Rechtsklick im Modul oder Aufruf des Bearbeiten-Menüs finden sich eine Reihe spezifischer Funktionen, die Einfluss auf den Ablauf des Patterns nehmen. So kann die Abspielrichtung invertiert, um einen Schritt nach links oder rechts verschoben oder durch eine Zufallssteuerung geändert werden. Aufgrund der schier grenzenlosen Kombinationsmöglichkeiten beim Erstellen von Pattern, erfolgt eine präzise offline-Automation der Pattern im Sequenzer etwas umständlicher. Eine Art Snapshot-Funktion muss dazu ausgeführt werden, bei der der Sequenzer an der Stelle gestoppt wird, an der ein neues Pattern einsetzen soll. Mit den zuvor in den Automations-Modus versetzten Pattern-Buttons – eine eigene Automationsspur erscheint daraufhin – kann jetzt bis auf den letzten zu editierenden Button ein neues Muster erstellt werden. Am Besten startet man dann den Sequenzer einen Takt vor Einsatz der neuen Patterns. Wichtig: Bei Einsatz des neuen Patterns muss zeitgleich der letzte gewünschte Button gedrückt werden, der schließlich das neue Rhythmus-Muster in der Automationsspur abspeichert. Anfangs geschieht das schon etwas holprig und langwierig. Aber schon nach kurzer Zeit ist dieser Arbeitsablauf verinnerlicht. In Gesamtheit klopft das RPG-8-Modul mit seinen Möglichkeiten schon an die Tür waschechter Step-Sequenzer an. 

Fazit 

Mit Reason 4 haben die Entwickler von Propellerhead es geschafft, ein ohnehin schon leicht zu bedienendes und gut klingendes Instrument in allen Punkten noch besser zu machen. Überdies wartet die neue Version mit einigen einzigartigen Features auf, die bei den Mitbewerbern nicht zu finden sind.  

Mehr wissen: Reason im Überblick

Reason, von seinen Schöpfern als virtuelles Instrumenten-Rack bezeichnet, verfolgt das Konzept der sogenannten Synthesizer-Workstation. Hauptwesenszug dieser Gerätekategorie: Die Integration der drei Komponenten Klangerzeugung, Effekte und Sequenzer in einem „Gerät“. Korg präsentierte in den achtziger Jahren als erstes Unternehmen dieses Konzept in Form der inzwischen zum Klassiker avancierten M1. Propellerhead hat dieses Konzept in Form eines virtuellen und modular aufgebauten 19-Zoll-Racks realisiert, in das sich verschiedene Instrumenten- und Effektmodule integrieren lassen (siehe Tabelle auf Seite 22). Vorteil: Die gelungene Nachahmung des Look- and-feel von Hardware auf virtueller Ebene macht den Ein- und Umstieg auf Reason für eingeschworene Hardware-Fanatiker besonders einfach. Bis auf den Sequenzer erfolgt das Handling der Module wie in der realen Welt. Wer möchte, kann ausschließlich mit Reason als Stand-alone-Anwendung seine Musik produzieren und anschließend in Form von wav- oder aiff-Dateien bis maximal 24 Bit und 96 Kilohertz exportieren. Die Kommunikation mit anderen Sequenzern, wie etwa Cubase oder Pro Tools, erfolgt über die Rewire-Schnittstelle, die Propellerhead zusammen mit Steinberg entwickelt hat. Als ständige Elemente finden sich im Rack das Hardware-Interface, das zur Kommunikation zwischen Audio- und MIDI-Hardware dient, sowie der Sequenzer. Als wichtigste Schaltzentrale für die Produktion fungiert ein 14-Kanal-Mischer – bei kleinen Projekten wahlweise auch eine Sechskanal-Variante –, der zwar nicht unbedingt erforderlich ist, etwa beim Erstellen eines ausschließlichen Klangerzeugers, aber bei der Arbeit im Verbund mit dem Sequenzer obligatorisch ist. Ganz zu schweigen von der Nachbildung einer realen Arbeitsumgebung.   Zur Auswahl stehen in der neuen Version drei virtuelle Synthesizer, zwei Sampler, ein samplebasierter Drumcomputer sowie ein spezieller Player zum Abspielen von REX-Loops, die sich frei ins Rack integrieren lassen. Eine knapp zwei Gigabyte große Sample-Library aus Loops und herkömmlichen Instrumenten-Sounds liefert das nötige Futter für die samplebasierten Instrumente. Der Content lässt sich mit sogenannten Refill-Libraries aus eigenem Hause oder von Drittanbietern jedoch weiter ausbauen. 16 Effektprozessoren erlauben eine Veredelung oder Verfremdung der Instrumentenklänge. Eine Reihe weiterer Module offerieren weitere Möglichkeiten zur Signalsteuerung und zur Modul-Organisation. Erwähnenswert ist dabei unter anderem das Combinator-Modul, das in der Lage ist, mehrere Instrumente und/oder Effekte aufzunehmen, die anschließend gemeinsam über dieses einzige Modul angesteuert werden. Mächtige Stacksounds oder opulente Multieffekte sind damit leicht realisier- und ansprechbar. Ein Pattern-Sequenzer, der zur alternativen Ansteuerung der Instrumente dient, offeriert überdies Programmiermöglichkeiten aus den Anfangstagen der Drumcomputer und Sequenzer.  Besonderer Clou: Die Instrumente werden beim Einfügen ins Rack automatisch der Reihe nach mit den Kanälen des Mischpults verbunden. Die Effekte sind wahlweise als Insert- ans Instrument oder als Send-Variante in den Mischer implementierbar. Dazu muss nur das gewünschte Instrument oder der Mischer zuvor angewählt werden. Der erwähnte Pattern Sequenzer wird ähnlich einem Insert-Effekt an ein Instrument gebunden. Sehr schön: Bei Druck auf die Tab-Taste wechselt die Rackansicht auf die Rückseite und zeigt eine Reihe von virtuellen Kabeln, die das Routing nachvollziehbar macht. Routings können auch manuell vorgenommen und geändert werden. Fast jedes Modul verfügt zusätzlich zu den Audio-Anschlüssen auch über CV/Gate-Buchsen [G], die zum Versand und Empfang von Steuerdaten dienen. So ist es möglich, etwa mit Komponenten eines Instruments – etwa einem LFO –, Komponenten eines anderen Instruments – einen Oszillator –, zu steuern. Reason bietet dort für Routiniers und Kenner eine reichhaltige, bisweilen komplexe Spielwiese, die das Rack mit Qualitäten eines klassischen modularen Synthesizer-Systems versieht.  Der Umgang mit dem integrierten Sequenzer erfolgt auf unkomplizierte Art und Weise. Bei Integration eines Instruments erscheint im Sequenzer automatisch die dazu korrespondierende Spur. Eine gesonderte Vergabe von MIDI-Eingangskanälen entfällt. Bei Installation von Reason wird einer der maximal vier MIDI-Ports für das Masterkeyboard definiert. Um nun Spuren einzuspielen reicht ein Klick auf die gewünschte Instrumentenspur, um das Keyboard darauf zu routen. Einfacher geht’s nimmer. Der Sequenzer verfügt über die üblichen Bedienelemente und Funktionen zur Aufnahme und Bearbeitung. Allerdings lassen sich darin nur MIDI-Daten aufzeichnen. Automationen sämtlicher Instrumentenparameter können selbstverständlich auch aufgezeichnet werden. Es reicht, die Spur noch einmal auf Aufnahme zu stellen, den Sequenzer zu starten und bei laufendem Arrangement nach Herzenslust an den Parametern zu schrauben. Reason zeichnet alles auf. Um Aufnahmen nachträglich bearbeiten zu können, muss per Button der Editier-Modus aufgerufen werden. Das Arrangement-Fenster wird daraufhin durch eine Piano Roll-Ansicht ausgetauscht, nebst sämtlicher Automationsspuren und weiterer Controller-Daten wie etwa die Velocity-Werte der eingespielten Noten. Sehr bequem: Bei Bedarf kann die Ansicht der Module verkleinert und die des Sequenzers anteilig im Rack vergrößert werden. Wem das nicht reicht, koppelt den Sequenzer aus dem Rack aus, der anschließend in Bildschirmgröße erscheint. Passt schließlich alles, braucht nur noch ein – über eine eigene Controller-Spur automatisierbarer – Mix der Spuren am Mischpult vorgenommen zu werden. Der Aufruf der Exportfunktion bildet schließlich den Abschluss der Produktion.

Erschienen in Ausgabe 11/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 449 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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