Ohne Netz und doppelten Boden …

… aber auch ohne Originalkarton und Bedienungsanleitung schneit der 1272 der Firma Brent Averill Enterprises in die Redaktion von Professional Audio Magazin. Unterkühlt ist der lässige Vorverstärker aus dem sonnigen Kalifornien dennoch nicht.

Von Michael Nötges 

Es liegt mit Sicherheit nicht an dem desolaten Finanzhaushalts des amerikanischen Sonnenstaates Kalifornien und auch nicht an den ökologischen Bemühungen des Gouvernators, dass sich die Firma Brent Averil Enterpises unorthodox auf das Wesentliche ihres Outboard-Equipments konzentriert. Es sei denn Kartonverpackungen und Bedienungsanleitungen sind im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat aus Gründen des Klimaschutzes mittlerweile gesetzlich verboten. Unprätentiös und konsequent baut die Audiomanufaktur in Shrerman Oaks nördlich von Los Angeles analoge Klassiker von Neve, Urei oder API nach. Zum Produktportfolio gehört der BAE 1272, dessen Bezeichnung keinen Hehl aus den konstruktionsbedingten Wurzeln des legendären Neve 1272-Moduls macht. Nicht direkt ersichtlich ist die Tatsache, dass für die Konzeption des Vorverstärkers zusätzlich auch der Class A-Mikrofonvorverstärker Neve 1073 herangezogen wurde. Frech und unverblümt trotzen die Entwickler gewohnten Normen, was das Aussehen herkömmlicher 19-Zoll-Geräte angeht und präsentieren mit dem BAE 1272 einen Vorverstärker – in ein- oder zweikanaliger Ausführung auf einer Höheneinheit – der spartanisch ausgestattet  durch einen zweiten Eingang auch als DI-Box verwendet werden kann. Er kostet rund 1.250 Euro und weiß nicht nur aufgrund seines lockeren Outfits zu überraschen.

Im Studio-Rack eingebaut, fällt der BAE 1272 mit seiner blau-grünen Frontlatte zunächst überhaupt nicht auf. Ein mit griffigen Rillen versehener Drehregler aus eloxiertem Metall, der mit Hilfe einer kleinen Imbusschraube am Poti arretiert ist, ermöglicht das Einstellen des Eingangspegels in Schritten von fünf Dezibel. Jede Veränderung der Gain-Stufe wird mit einem satten Klicken quittiert und der schwarze, in das Metall gefräste Justierungsstrich deutet exakt auf die jeweilige Position, der mit Punkten markierten Skala von -20 bis -70 Dezibel. Der deutlich kleinere, dafür aber nicht minder solide wirkende Regler für die Ausgangsstufe kompensiert in fließender Manier den Pegel am Ausgang um fünf Dezibel: ein professionelles Duo zum Anfassen. Der Hi-Z Direct-Input ist mit einer Mutter sicher an die Frontplatte geschraubt und bietet einen möglichst sichere Klinken-Verbindung für Instrumentenkabel mit 6,35 mm-Steckern.

Zur Abwechslung ist die Farbe des äußeren Kunststoffzylinders, der bei aktiviertet Phantomspannung beleuchtet wird, orange und nicht rot. Der Leuchtdrucktaster trägt die Aufschrift 48 V und ist auch im Dunkeln wie eine Baustellenlampe hervorragend zu erkennen. Der Blick über den Blendenrand sorgt für leichte Irritation Die Aussicht ist unkonventionell und eigenwillig, birgt aber einen gewissen Charme in sich, dem man sich nicht entziehen kann. Die Hardware befindet sich in einem elf mal 20 Zentimeter großen Kasten direkt hinter den Drehreglern. Damit ist bei weitem nicht wie gewöhnlich die gesamte Breite eines 19-Zoll-Gerätes ausgenutzt. Zur Stabilisierung dient eine Querverstrebung aus Aluminium, die Frontplatte und Hardwaregehäuse verbindet. Der Schalter für die Phantomspannung ragt mit seinen Anschlüssen ungeschützt in das nicht  
vorhandene Gehäuseinnere, so dass die sauber verlöteten Kabel freiliegen. Mit Hilfe von Kabelbindern werden diese an zwei Punkten fixiert seitlich der Hardware-Box entlang geführt und münden in einem unübersichtlichen Strang von Verbindungsdrähten. Hier Laufen alle Kupfer-Fäden zusammen, sowohl die des symmetrischen XLR Ein- und Ausgangs als auch die des fünfpoligen Stromversorgungskabels, das zu dem externen Netzteil führt. An einer Steckschiene verlötet und mit isolierenden Kunststoffmuffen überzogen wird die Verbindung zur Platine hergestellt. Im Falle des Mikrofoneingangs Eine sehr freizügige Angelegenheit, bei der Vorsicht geboten ist, damit die Verbindungen beim Montieren in ein Rack oder bei möglichen späteren Umbauten nicht beschädigt werden. Meistens verschwindet der empfindliche Teil aber direkt hinter der Blende im Rack und dann ist für lange Zeit Ruhe. Außerdem ist von Vorteil, dass falls eine Lötstelle einmal gebrochen sein sollte, die Fehlersuche und das Beheben des Problems ohne Aufschrauben des Gerätes möglich ist. Das Backsteingroße und etwa ebenso schwere Netzteil bietet mit zwei Anschlussbuchsen die Möglichkeit zwei BAE 1272 anzuschließen – bei der zweikanaligen Variante, können damit insgesamt vier Kanäle mit Strom versorgt werden. Das Schaltnetzteil [[g]] verfügt zwar über eine rote Power-LED, jedoch über keinen Schalter zum Ein- und Ausschalten. Hintergrund: In vielen professionellen Studios wird morgens der Strom komplett ein- und abends wieder ausgeschaltet, um das lästige Betätigen aller Powerschalter zu vermeiden. Das Ziel ist schnelles Effektives Arbeiten. Wird die Stromzufuhr hergestellt, ist ein leises, aufsteigende Pfeifen zu hören, das sich in nicht hörbaren Frequenzbereichen verliert.

Diese Eigenschaft des Schaltnetzteils kann im Zusammenhang mit Audiogeräten und gerade Vorverstärkern problematisch sein, da sich diese Frequenzen unter bestimmten Betriebsbedingungen im Signalweg wieder finden können. Außerdem sind sie durch die höhere Komplexität der Schaltung und die damit Verbundene größere Anzahl an Bauelementen statistisch einer höheren Ausfallwahrscheinlichkeit ausgesetzt.

Die Messwerte des BAE 1272 sind ausgezeichnet. Der Frequenzgang ist linear bis weit über 30 Kilohertz und über die minimalen Abweichungen unterhalb von 20 Hertz sind zu vernachlässigen. Der Klirrfaktor steigt bei tiefen Frequenzen auf 0,06 Prozent an, was immer noch ein sehr guter Wert ist. Im relevanten Bereich zwischen ein und zwei Kilohertz bleibt er unter hervorragenden 0,005 Prozent. Bemerkenswert ist die frappierende Ähnlichkeit mit dem Neve 1073 DPD (siehe Test S. 88) sowohl in Bezug auf den Frequenzgange, als auch auf die Klirrfaktorwerte.

Da haben sich die Entwickler wohl sehr genau an die Blaupausen der Originale gehalten. Im ersten Moment überraschen die Werte der Fremdspannungen, da die Messungen für den Line-Eingang – Geräuschspannungsabstand 87,1 dBu und Fremdspannung 86, 9 dBu –schlechtere Werte als die der Mikrofoneingänge ergeben. Hier liegt der Geräuschspannungsabstand bei überragenden 92,7 dBu und der Fremdspannungsabstand bei 89,5 dBu. Die Erklärung ist aber ganz einfach: es handelt sich um einen unsymmetrischen und noch dazu hochohmigen Line-Eingang, der damit konstruktionsbedingt niedrigere Fremdspannungen erreicht. Dafür ist der Wert aber immer noch sensationell gut.

Der Hörtest von Professional-Audio Magazin läuft diesmal zweigeteilt ab. Zunächst stöpseln wir einfach einen Bass in den Direct-Eingang ein und begutachten die tieffrequenten Qualitäten. Im zweiten Schritt ziehen wir zum direkten Vergleich den neutralen Lake People F355 (siehe Test, Heft 08/06) und den 1073 DPD von AMS Neve heran – allein aufgrund der ähnlichen Messwerte von Frequenzgang und Klirrfaktor interessiert uns, ob  die beiden Vorverstärker auch ähnliche Klangeigenschaften haben. Über alle drei führen wir eine Stereoaufnahme der Lakewood D-8 mit einem Pärchen DPA 4090 (siehe Test, Heft 12/06) durch. Aufgenommen wird auf den CR500 von Fostex (siehe Heft, 10/06) bei 24 Bit und einer Samplingfrequenz von 96 Kilohertz. Der zweite Schritt verzögert sich. Grund: der Klang des Basses ist so animierend, dass diverse Licks und Grooves intuitiv entstehen und gerne gespielt werden. Dabei ist das Spielgefühl sehr gut. In den tiefen Lagen kommt der satte Klang des BAE 1272 voll zum Zuge.

Obwohl kein Kompressor hilft, ist der Sound äußerst druckvoll und rund. Die Subharmonischen Verzerrungen, die der Hersteller verspricht zeigen ihre Wirkung und führen zu dichten und sehr angenehmen Bässen, ohne den Attack oder die impulstreue Genauigkeit einzubüßen. Geslappte, und damit sehr dynamische Passagen sind kein Problem und liefern – trotz heftigem Malträtieren des Instrumentes – ein angenehmes Klangbild. Ist dies einmal nicht der Fall liegt es nicht am Vorverstärker. Auch ohne Eingangspegelanzeige lässt sich der BAE 1272 problemlos einstellen. Ein musikalisches Gerät, das sich voll auf den Klang konzentriert und der ist nach den ersten Erkenntnissen ausgezeichnet. Die Gitarrenaufnahme kann dies nur bestätigen. Neutral ist die Aufnahme im Vergleich zum F355 nicht. Deutlich zeigen sich hier die seidigen Höhen beim Spielen in hohen Lagen und besonders – was sehr angenehm ist – bei den Anschlagsgeräuschen des Plektrums oder der Fingernägel wird die Aufnahme ein wenig veredelt und abgerundet. Die unteren Mitten klingen angenehme betont und etwas bauchiger, als wir es von dem Instrument gewohnt sind. Für Klangpuristen ein Manko, für den Liebhaber veredelter Vintage-Sounds ein voller Genuss. Im direkten Vergleich hören wir deutlich, dass der BAE 1272 und der AMS Neve 1073 DPD verwandt sind. Klanglich liegen sie sehr nahe bei einander auch wenn die kalifornische Lockerheit eher den extrovertierten Klangcharakter repräsentiert und sich der 1073 DPD in englischer Zurückhaltung übt.

Fazit

Der BAE 1272 ist ein sehr gut klingender Mikrofonvorverstärker, über den aufgrund seines Direct-Eingangs auch Instrumente und Line-Level-Signale verstärkt werden können. Seine unorthodoxe Konstruktion und die spartanische Ausstattung ändern nichts an der Tatsache, dass mit den wenigen Mitteln, die er anbietet professionelle Ergebnisse erzeugt werden. In der einkanaligen Version kostet er rund 1250 Euro. Er konzentriert sich souverän auf seinen Vintage-Charakter in alter Neve Manier und  für diese Übung braucht er kein Netz und auch keinen doppelten Boden.

Erschienen in Ausgabe 13/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1249 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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