Vinyl Sound aus der DAW

In Kooperation mit den legendären Abbey Road Studios serviert uns Waves mit Abbey Road Vinyl ein umfangreiches Plug-in für echten Schallplatten-Klang, das über das simple Addieren von Rauschen, Knistern und Knacken hinausgeht.

Von Stefan Feuerhake

 

Die Schallplatte hat wie kaum ein anderes Medium die Musikindustrie der letzten 100 Jahren geprägt. Bereits in den 1920er Jahren verdrängte sie die Livemusik aus dem Radio, und dominierte, auch durch die immer größer werdende Rolle des DJs in den nächsten Jahrzehnten, den kompletten Musikmarkt. Erst Anfang der 1980er Jahre verlor die Schallplatte mit der Erfindung der Compact Disc (CD) ihre Führungsposition, wenngleich sie bis heute einfach nicht totzukriegen ist. Denn grade in den letzten Jahren steigen die Verkaufszahlen des schwarzen Goldes – in Großbritannien etwa sind die Schallplattenverkäufe auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren.

Durch die zunehmende Digitalisierung der Musik mit Streamingportalen wie Spotify, Apple Music oder YouTube als Marktführer sehnen sich viele Konsumenten wieder nach dem rituellen Charakter physischer Tonträger. Die persönliche Bindung, die man zu einer Schallplatte entwickeln kann, vom aufwendig designten Cover über das Ritual des Auflegens, gibt ein gestreamtes oder heruntergeladenes Stück schlicht nicht her. Ein weiterer Grund der Beliebtheit ist aber auf jeden Fall der spezielle Sound der Vinylplatte. Schallplatten unterliegen einem rein analogen Produktions- und Wiedergabeprozess und besitzen einen standardisierten Frequenzgang mit einer ganz eigenen Dynamik. So ergibt sich ein Hörerlebnis, dass einfach anders ist als alles Digitale.

Das Waves Abbey Road Vinyl Plug-In soll dabei helfen, diesen ganz eigenen Sound in der DAW zu reproduzieren und auf digitalen Produktionen anzuwenden. Dazu hat sich Waves mit den Abbey Road Studios  in London zusammengetan, die viel Erfahrung in der Schallplattenherstellung mitbringen. Herausgekommen ist ein Plug-in für einen UVP von 249 Dollar, das alle wichtigen Details des typischen Klangs einer Schallplatte reproduzieren kann. Schauen wir doch mal, ob hier echter Vinylsound aufkommt.

 

Was macht den Klang von Vinyl aus?

Eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst die Klangqualität einer Schallplatte. Zuerst ist sicherlich das Mastering wichtig. Dazu tragen natürlich die Herstellungsart und das verwendete Material zum Klangbild bei. Auf der Wiedergabeseite entscheiden der Plattenspieler mit Tonabnehmer und Nadel über den Klang.

Wie würde man den Soundcharakter einer Platte überhaupt beschreiben? Gerade im Bassbereich klingen Platten meist besonders warm und druckvoll. Das liegt daran, dass Monokompatibilität bei Vinyl extrem wichtig ist, und Basssounds in Stereo sich gar nicht auf Platten pressen lassen. So ist bei Vinyl, von Haus aus, bei Mix und Masterring besondere Vorsicht geboten. Auf der anderen Seite können Schallplatten im Bassbereich die ganz tiefen Frequenzen nicht abbilden, wie bei einer CD. Ebenso haben Schallplatten gewissermaßen ein natürliches Tiefpassfilter, und so werden auch die ganz hohen Frequenzen etwas abgemindert. Gerade Low- und High End sind aber oft die schwierigen Frequenzen, die den Sound eines Musikstückes negativ beeinflussen können. Der Klang einer Platte wird durch alle diese Faktoren meist als kompakter und wärmer wahrgenommen.

 

Look & Feel

Abbey Road Vinyl erscheint nach der Installation in insgesamt vier Versionen in unserem Plug-in-Ordner. Es gibt jeweils zwei Mono- und zwei Stereo-Versionen – eine Vollversion und eine Light-Version mit reduziertem Funktionsumfang. Bei der Light-Version handelt es sich um eine abgespeckte Ausführung, die nur für die typischen Vinyl Sounds wie Knistern und Knacken und den Slow Down-Effekt verwendet werden kann. Eine gute Idee, schon allein wegen der Prozessorauslastung – bereits acht Instanzen der Vollversion trieben unsere CPU (2,7 GHz Intel Core i5) auf über 80 %. Allerdings fällt beim Testen auch gleich auf, dass die Light-Version fast ebenso hungrig ist, und es auch nur auf zwölf Instanzen bei gleicher Auslastung schafft. Hier empfiehlt sich bei hohem Bedarf das Bouncen, oder das Nutzen des Plug-ins über einen Send/Return.

Die Oberfläche von Abbey Road Vinyl ist sehr übersichtlich gestaltet und wir finden uns schnell zurecht. An dieser Stelle sei gleich ein Blick in das sehr gut und ausführlich geschriebene Handbuch empfohlen, dass auch einige interessante Infos zur Vinyl-Geschichte und Herstellung bietet. Das Plug-in ist in zwei Hälften unterteilt. In der oberen Hälfte findet sich ein geschmackvoll grafisch animierter Plattenspieler, umrahmt von einem Vinyl-Schnittgerät. Dies wurde natürlich optisch aus den Abbey Road Studios übernommen. Wahlweise kann diese Ansicht auch umgeschaltet werden und zeigt dann eine Plattenpresse.

Ebenso gibt es zwei verschiedene Plattenspieler und drei verschiedene Tonabnehmermodelle zur Auswahl. In der unteren Hälfte finden sich dann alle Bedienelemente. Es gibt also „nur“ ein Fenster, was die Bedienung sehr erleichtert. Der Vintage Look der GUI mit seinen zwei VU Metern in der Mitte unterstreicht das Retro-Gefühl und gefällt uns sehr gut. Insgesamt finden sich 32 Presets im Browser, die den Start beim Arbeiten mit dem Plug-in erleichtern

 

Sound

Im Prinzip bietet sich Abbey Road Vinyl für alle Signale an, zu denen ein analog klingender Vintage-Anstrich passt.  Neben akustischen Instrumenten und jeder Art von Synthesizern eignen sich auch ganze Sub-Gruppen zum Bearbeiten. Natürlich lässt sich das Plug-in auch beim Mastering verwenden, hier ist allerdings viel Sorgfalt und Feingefühl nötig, da bestimmte Einstellungen in Abbey Road Vinyl den Frequenzgang eines Songs stark verändern  können.

Beim speziellen Sound einer Schallplatte wird wohl fast jeder an das typische Knistern und Knacken beim Abspielen denken. Um diesen zu emulieren, stehen in Abbey Road Vinyl die drei Parameter Noise, Crackle und Clicks zur Verfügung, wobei Clicks noch einen zusätzlichen Density Parameter anbietet. Alle „Effekte“ klingen hervorragend realistisch, und besonders mit der Kombination aus Noise und Crackle lassen sich flache, digitale Signale aller Art ordentlich aufpeppen, was ihnen neues Leben  einhaucht und Substanz hinzufügt.  Das Plug-in geht aber noch um einiges weiter und man kann mit ihm fast alle Aspekte der Vinylproduktion nachahmen.

In den Abbey Road Studios wird der auf Vinyl zu schneidende Track vorher in das TG 12410 Mastering Desk gespielt. Hier wird der Song mit EQs, Filtern und Limitern bearbeitet, um ihn optimal für den Schnitt vorzubereiten. Im Abbey Road Vinyl Plug-in steht dazu der modellierte Frequenzgang und die harmonische Verzerrung des TG zur Verfügung und kann an- oder ausgeschaltet werden. Das klingt sehr gut und verpasst dem Signal zusätzliche Fülle und Wärme. Allerdings sei hier auch gleich erwähnt, dass viele Parameter des Plug-ins eher subtile Änderungen vornehmen – man  muss schon ganz genau hinhören und eine gute Abhöre oder einen Kopfhörer nutzen. Unter Generations können Sie zwischen zwei Stadien im Vinylproduktionsprozess wählen, nämlich Lacquer und Print.

Lacquer imitiert den Klang der Masterfolie, während Print die Pressmatrize im Presswerk nachbildet. Beide unterscheiden sich in Abbey Road Vinyl nur ganz leicht im Frequenzgang.

Für das Abspielen von Schallplatten stehen zwei verschiede Plattenspieler zur Wahl. Der erste, „AR“ genannt, entspricht dem Modell aus den Abbey Road Studios, der mit „DJ“ bezeichnete zweite Plattenspieler ahmt einen typischen direkt angetriebenen Player à la Technics SL-1210 nach. Des Weiteren stehen drei verschiede Tonabnehmer zur Wahl: Ein klassisches Moving Magnet Modell (MM) aus den Abbey Road Studios mit 1980er Jahre-Charme, ein High End Moving Coil-Abnehmer (MC) und ein typischer DJ, Abnehmer. Dieser ist optisch und klanglich an ein Ortofon Bananen System angelehnt. In der MM-Einstellung klingt das Signal sehr warm, MC bringt sehr hochaufgelösten Klang mit seidigen Höhen. Das DJ-Modell ist dagegen eher mittenlastig und etwas dumpfer. Allerdings variiert der Sound leicht, je nach dem welcher Plattenspieler genutzt wird. Zusätzlich kann man im unteren Bereich des Plug-ins unter „Tone Arm“ die Position des Tonarms auf der Platte bestimmen. Je näher man dem Ende der Platte kommt, desto dumpfer wird der Klang, und abhängig von der Kombination von Tonabnehmer und Player kommt es gegen Ende der Platte auch zu leichten Verzerrungen, die uns zwar weniger gefallen, aber der Realität auf dem Plattenteller entsprechen.

 

Wow & Flutter

Mit Wow und Flutter lassen sich die typischen Gleichlaufschwankungen eines Plattenspielers emulieren, wobei Wow die Tonhöhe und Flutter die Lautstärke beeinflusst. Drehen Sie Flutter ganz wenig dazu, entsteht ein Effekt, den man bei einer Schallplatte als Leiern bezeichnen würde. Für stärkere Effekte bietet es sich an, die  beiden Parameter Rate und Depth in der DAW zu automatisieren. Damit lassen sich sehr interessante Pitcheffekte und sogar coole Vinyl-Scatchings erzeugen.

Flutter dagegen erzeugt Side Chain- oder Gate-artige Effekte, indem die Lautstärke des Signals moduliert wird. Je höher Rate und Depth eingestellt sind, desto mehr wird das Signal „zerhackt“. Bei Schallplatten ist dieses Verhalten durch ganz leichte Lautstärkenunterschiede beim Abspielen, besonders bei älteren Aufnahmen, bekannt.

 

Phase Distortion

Abbey Road Vinyl erstellt und steuert die Phase Distortion einer Schallplatte durch Duplizieren der Eingänge und sendet eine der Quellen über einen Modulator. Die andere Quelle bleibt unberührt. Wenn die beiden Signale wieder zusammengeführt werden, tritt eine Phasenverzerrung auf. Pegel, Form und Fokus des Phasenverzerrungseffekts lassen sich bestimmen, indem man die Bandbreite des modulierten Signals ändert. Die HP- / LP-Filter variieren das Spektrum des modulierten Signals. Eine Erhöhung des Wertes des HP-Filters führt zum Beispiel zu einem „dünneren“ Signal,  eine Verringerung der HP-Verzerrung umgekehrt zu einer niederfrequenten Phasenverzerrung. Hier sollten Sie auf jeden Fall beachten, dass die Werte von Setup zu Setup variieren. Mit diesem Effekt, subtil eingesetzt, lassen sich sehr gute Ergebnisse erzielen, um beispielsweise den Höhen, in unserem Fall einer Hi-Hat in einem fertig gemixten Song, mehr Druck und Präsenz zu verleihen.

 

In / Out Monitor

In der Mitte der Einstellungen finden sich zwei VU-Meter, die je nach Einstellung Input- oder Output-Pegel anzeigen. Eingangs- und Ausgangssignal lassen sich dabei über Drehregler einstellen. Zusätzlich zum Input hat man dem Plug-in noch etwas Distortion für ein paar harmonische Verzerrungen spendiert, hier in Form einer kleinen Schraube, die mit „Drive“ bezeichnet ist. Diese Funktion hat uns nicht sehr begeistert, nimmt sie dem Signal doch schon bei niedriger Einstellung ziemlich viel Bass. Bei höherer Einstellung ist die Verzerrung wiederum zu stark hörbar und zerstört meist das komplette Signal.

Dazu gesellt sich ein Auswahlpoti für das Abhören. Sie können hier links oder rechts, bzw. Stereo oder Mono abhören.

 

Slow Down Effekt

Drückt man bei laufender Schallplatte die Stoptaste des Players, läuft die Platte langsam aus. Dabei entstehen sehr coole Sounds, die die „Slow Down“-Funktion von Abbey Road Vinyl emuliert. Dazu lässt sich die Auslaufdauer einstellen (00.001 bis 30 Sekunden). Zusätzlich kann das Format  von Time auf Beat umgestellt werden, so dass Abbey Road Vinyl mit dem Tempo der DAW synchronisiert wird.

Auch wenn diese Funktion in einigen anderen Plug-ins wie z.B. Looperator (Test in Ausgabe Februar 2015) ebenfalls enthalten ist, überzeugt Abbey Road Vinyl hier mit außergewöhnlich gutem Klang.

 

Vergleich mit iZotope Vinyl

In seiner Machart ist Abbey Road Vinyl recht einzigartig. Einziger Konkurrent am Markt ist das schon seit einigen Jahren als Freeware erhältliche Plug-in iZotope Vinyl, das allerdings einen etwas anderen Ansatz verfolgt. Hier wird sich auf das Addieren von verschiedenen Noises und Crackles beschränkt. Zusätzlich sind Wow- und Flutter-Effekte möglich. Es „fehlen“ also die Klang-Emulationen, die durch die verschiedenen Herstellungsverfahren, Plattenspieler und Tonabnehmer erzeugt werden. Und so haben wir die „Noise-Fraktion“ der beiden einem kleinen Vergleichstest unterzogen, und sie auf verschiedene Signale verglichen. Dabei wird recht schnell klar, wie gut das Waves Plug-in klingt – neben Abbey Road Vinyl wirkt der Konkurrent eher Lo-Fi und nicht so realistisch, was für bestimmte Anwendungsgebiete aber auch gewünscht sein kann.

 

Fazit

Mit Abbey Road Vinyl bringt Waves ein hervorragend klingendes Plug-in auf den Markt, mit dem sich alle verschiedenen Klangaspekte des typischen Vinyl Sounds in der DAW nachbilden lassen. Hier kommt wirklich „echtes Vinylgefühl“ auf. Allerdings hat guter Sound auch seinen Preis, der hier doch sehr hoch ausfällt. So bietet Vinyl sich hauptsächlich für User an, die genau nach diesem klassischen Soundbild suchen. Für reine Sättigungseffekte ist es zwar auch zu empfehlen, aber wohl doch etwas zu hochpreisig.

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