Der Club-Standard

Wer sich einen vollamtlichen DJ-Platz auf Höhe der Zeit vorstellt, denkt mit Sicherheit an zwei CDJ-2000 Nexus NXS2 und ein DJM-900 NXS2. Kein Wunder, sind doch die beiden Flaggschiffmodelle aus Pioneers DJ-Serie der Bühnenstandard schlechthin in Clubs und auf Festivals.

Von Johannes Dicke

Als ich zum ersten Mal in einer richtigen Disco auflegte, war das dortige Mischpult – Sie ahnen es schon – eines Marke Pioneer. Genauergesagt war es ein DJM500, damals eingerahmt von zwei Technics 1210 MK2-Turntables, zuzüglich Denon Doppel-CD-Laufwerk. Das war 2002. Seitdem hat sich einiges getan bei den Japanern, die knapp 15 Jahre später mittlerweile zum Marktführer avanciert sind. Der Grund ist neben den bereits damals erfolgreichen DJM-Mixern nicht zuletzt die beliebte CDJ-CD-Player-Reihe. Schon 2001 hatten Pioneer mit der ersten CDJ-1000-Version und dem darin erstmals enthaltenen Vinyl-Mode eine Revolution angezettelt. Mit ihm ließ sich erstmalig auch mit CDs scratchen, back cue-en und überhaupt arbeiten, wie mit echtem Vinyl. Das Hauptaugenmerk der aktuellen Flaggschiffe liegt jedoch mittlerweile nicht nur beim CDJ-2000 NXS2, sondern auch bei dessen Mixer-Bruder DJM-900 NXS2 auf den Themen Audio Files und USB. Einerseits eröffnen die Fähigkeiten der neusten CDJ-Generation als File-Player viele tolle Kreativmöglichkeiten, die seitens der Audio-Dateien durch die begleitende, kostenfreie Editier- und Organisations-Software Rekordbox unterstützt werden. Der Clou: Mit ihr lässt sich nicht nur die Musik für´s Auflegen an den 2000ern perfekt vorbereiten. Eine von insgesamt vier kostenpflichtigen Erweiterungen, in diesem Fall RekordboxDJ, lässt das Zusatzprogramm kurzerhand zur kompletten Auflegelösung á la Rane Serato DJ oder Native Instruments Traktor werden. Befindet sich nämlich noch die notwendige Treiber-Software auf dem Laptop zum Betrieb, wird das Ganze in Kombination mit dem aktuellen DJM-900 nochmals interessanter. In Verbindung mit den beiden CDJs mutiert das Setup gar zur Mega-Deluxe-DJ-Station mit fantastischer Flexibilität. Werden alle vier Geräte, also die zwei CD-Player, das DJM sowie der Computer mittels Cat-Kabeln via  hauseigenem Übertragungsstandard Pro-DJ-Link verbunden, lassen sich die internen Software-Player in RekordboxDJ nicht nur mittels 2000er in gewohnter Haptik fernbedienen.

Auch werden die Audio-Signale der verschiedenen Player der Software nach vorangegangener Treiber-Einrichtung direkt in die gewünschten Kanäle des DJM-900 geschickt. Der Vorteil: Es muss nicht zwingend in ein extra Audio Interface investiert werden und bereits nur mit der Kombi aus Mixer und RekordboxDJ lässt sich auflegen. Doch dem nicht genug. Neben der Konnektivität via Ethernet-Kabel besteht auch die Möglichkeit den Laptop per USB anzuschließen. So klappt´s am DJM außer mit RekordboxDJ ebenso mit Traktor und Serato DJ in Club Kit-Ausführung. Wer dagegen konventionell mit CD, USB-Stick & Co. arbeitet, hat mit Rekordbox-bearbeiteten Tracks noch zwei Extravorteile, und zwar im Cat-Verbund von zwei bis zu vier CDJs. Diese lassen sich nicht nur untereinander Tempo-syncen, sondern es braucht nur noch ein einziger USB-Stick an einen der Player angeschlossen zu werden, auf den von jedem Gerät im Netzwerk aus zugegriffen werden kann. Last, but not least ist via USB sogar die MIDI-Fernbedienung von Software per DJM-Pult möglich. Unter anderem gepaart mit zwei Effekteinheiten, digitaler Signalverarbeitung bei bis zu 96 kHz/64 Bit sowie  Anschlussmöglichkeiten von Chinch bis XLR, präsentiert sich das DJM-900 NXS2 als vielseitiges Herzstück in einem flexibel zusammenstellbaren DJ-Setup. Umrahmt von zwei CDJ-2000 NXS2 hat das Ganze allerdings bei aller Fülle an Kreativmöglichkeiten und der vom Marktführer gewohnt professionellen Ausführung auch einen nicht ganz unerheblichen Kaufpreis. Stolze 2218,- Euro UVP werden pro Stück für einen brandneuen CDJ-2000 NXS2 fällig, wobei für einen dazugehörigen DJM-900 NXS2-Mixer nochmals ebenso satte 2212,- Euro UVP hinzukommen. Macht in Summe für ein Komplett-Set sage und schreibe 6656,- Euro – wow! Ein gefragter Bühnenstandard ist eben ein gewisses Sümmchen wert, zumal alle Star-DJs des Planeten auf das kampferprobte Arbeitsgerät vom Marktführer schwören.

 

Pionierarbeit: CDJ-2000 Nexus NXS2

Damit auch wir uns an jenem Setup zurechtzufinden, das vor praktisch jeder Tanzfläche steht, liegt unser Fokus als erstes auf dem CDJ-2000 NXS2, dessen Potential im Betrieb mit Audio Files am größten ist. Dabei leistet die erst durch die Analyse mittels Rekordbox betriebsbereite Sync-Funktion zuallererst ungeahnt wertvolle Dienste. Von vielen DJ-Kollegen zunächst als reine „Knöpfchendrückerei“ degradiert, hilft diese gerade auch alten Hasen sich in den meisten Situationen tatsächlich nicht mehr auf´s Tempoangleichen konzentrieren zu müssen. Das schafft umso mehr Zeit für eine ausgefeilte Musikauswahl, ganz zu schweigen von Mix- und Effekt-Routinen. Gerade, wenn es hoch her geht im Club und es einmal nicht so einfach sein sollte das Publikum bei Laune zu halten, hilft die Sync-Automatik so den Fokus des DJ-Gehirns auf dem Wesentlichen zu halten: Der Musik. Um nun die Beats des linken mit denen des rechten Decks zu synchronisieren, aktivieren wir am gerade laufenden Player zuerst den Master- und dann den Sync-Button. Am anderen, per Kabel verbundenen CDJ drücken wir nun ebenfalls den Sync-Knopf, sodass dessen Track-Tempo an das des Master-Players angepasst wird – fertig.

Bei aller Euphorie über dieses praktische Feature ist jedoch nach wie vor auch oftmals händisches Beat Matching per Ohr, Kopfhörer sowie Zuhilfenahme der BPM-Angaben auf den Player-Displays gefragt. Angenommen, wir müssen bei unserem Club-Auftritt zwischen Dance/House und Hip Hop/Black, also schnellen und langsamen Tempi hin- und herwechseln. Um lückenlos von einem schnellen Dance Track auf ungemein langsamere Hip Hop Beats hinüberzumixen, kann neben speziellen Transition-Remixen inklusive eingebautem Tempowechsel dieser auch mithilfe eines einfachen Mix-Tricks vollzogen werden. Zuerst navigieren wir mithilfe des Touchscreens zur idealerweise per Hot Cue markierten Einstiegstelle am Anfang des Hip Hop-Titels. Dort setzen wir einen Loop, der eine Viertelnote dauert. Dazu drücken wir den Loop-In-Knopf am betreffenden CDJ-Player, starten die Wiedergabe und betätigen auf den nächsten Viertelschlag die Loop-Out-Taste. Nun haben wir den Umfang der gewünschten Viertelnoten-Schleife festgelegt, die übrigens dank Rekordbox-analysiertem Beat-Grid automatisch passgenau und Beat-genau rundläuft. Um die langsamen, sagen wir einmal 100 BPM des Hip Hop-Titels auf Dance-typische, beispielsweise 128 BPM hochbringen zu können, müssen wir dann den Pitch-Bereich am betreffenden CDJ erweitern. Da selbst der mit +/-16% drittgrößte der per Tempo-Button oberhalb des Pitch-Faders schaltbaren Regelbereiche dazu immer noch nicht ganz ausreicht, schalten wir an derselben Stelle noch eine Stufe höher in den Wide-Modus. Dieser eröffnet, wie der Name bereits erahnen lässt, einen ultraweiten Pitch-Bereich, welcher auch extremste Geschwindigkeitsveränderungen ermöglicht. Nun schieben wir so lange am Pitch Fader, bis der BPM-Wert im Touch-Display das gewünschte Tempo anzeigt und legen dann per Kopfhörer und Cue-Funktion den Hip Hop Loop über den Dance Beat, sodass beide vollständig synchron laufen. Dann geht’s ans ´Rübermixen, für das sich das Mix-Outro des Dance-Tracks anbietet. Nach vollzogenem Übergang reduzieren wir nun das künstlich auf 128 BPM hochgehaltene Tempo der Hip Hop-Nummer auf die Originalgeschwindigkeit von 100 BPM. Damit hört unser Publikum, dass es nun in eine andere Richtung geht. Zum Abschluß verlassen wir mittels Reloop/Exit-Button die Loop-Wiedergabe und starten somit ganz elegant in die nächste Black-Runde.

(Effekt-)Volle Tanzfläche: DJM-900 NXS2

Nach den wichtigsten Funktionen Sync, Loop und Hot Cue am neuen 2000er wenden wir uns nun dem DJM-900 NXS2 zu. Vor allem dessen umfangreiche Effekt-Features von Beat FX-Haupteffekteinheit sowie die auf den Einzelkanälen verfügbaren Sound Color-Effekte empfehlen sich als vielgestaltige Ausschmückungswerkzeuge. Beat FX bietet insgesamt 14 verschiedene Effekttypen, die auf jeden einzelnen der vier Mix-Kanäle, die Master-Summe oder die beiden Mikrofoneingänge gelegt werden können. Zudem lassen sich alle enthaltenen FX-Programme automatisch per Audio-Erkennung oder bei bestehender Datenverbindung mittels Quantize-Taste sowie manuell mittels Tap-Button zum vorherrschenden Tempo synchronisieren. Wird parallel noch weiterer Effekteinsatz gewünscht, ermöglichen dies zusätzlich die Sound Color FX auf jedem der vier Mix-Kanäle. An Bord sind sechs der meistgenutzten, nicht tempoabhängigen Effektarten, die sich bequem mit einem großen Dry/Wet-Drehregler oberhalb jedes Kanal-Faders zumischen lassen.

Wir starten in der Beat FX-Abteilung, mit der sich in wenigen Handgriffen beispielsweise die Enden von Tracks mithilfe von Hall oder Delay verlängern lassen. Um Spannung aufzubauen oder aber bei Kurzauftritten sein Set elegant zu beenden, sind Effekttechniken wie diese eine klasse Zutat. Angenommen, wir möchten den letzten Akkord eines Titels mittels des Hallprogramms namens Space länger ausklingen lassen, drehen wir zunächst so lange am Time-Endlosregler, bis das darüberliegende Display 100 Prozent anzeigt. Außerdem wählen wir den betreffenden Kanal per Wahlschalter an und drehen das Level/Depth-Poti erst einmal zu (Linksanschlag). Kurz vor Erreichen des Schlussakkordes aktivieren wir nun die Beat FX-Sektion per On/Off-Button. Pünktlich zum Track-Ende drehen wir nun den Level/Depth-Regler bis zur Mitte auf, wodurch dieses mittels unendlichem Hall in Form eines Dauertons verlängert wird. Das Ausklingen lässt sich somit nach Belieben per Level/Depth steuern. Genaugenommen ist dafür eigentlich der Time-Regler zuständig. Doch ist damit einmal die Nachhallzeit reduziert, gibt es im Notfall kein Zurück mehr, sodass eben jene individuelle Zumischung bei extrem langem Ausklingen die zunächst sicherste Variante ist.

Nachdem sich die Beat FX-Abteilung für  globale Effektierungen einsetzen lässt, erlaubt Sound Color FX die Effektbearbeitung auf den Einzelkanälen. Insbesondere der mitenthaltene Filter-Effekt eröffnet äußerst hilfreiche Zusatzoptionen zu den Kanal-EQs. Wie die Bezeichnung bereits erahnen lässt, handelt es sich dabei um ein Cut-Filter, das im rechten Poti-Bereich als Highpass und im linken als Lowpass fungiert. Gerade bei Übergängen von harmonisch nicht einwandfrei zueinander passenden Titeln entpuppt sich das Hochpassfilter als schnelle Alternative zum EQ-seitigen Low- und Mid-Band. Mittels Color-Regler lässt sich im Gegensatz zum einzelnen Lowshelf bereits auf einen Dreh weit mehr als dessen Frequenzbereich eliminieren, ganz so, wie es ein harmonisches Mixerlebnis erfordert.

Fazit

Die Kombination der beiden neusten Vertreter aus Pioneers CDJ- und DJM-Reihe ist der bislang flexibelste und mächtigste DJ-Arbeitsplatz, den wir kennen. Ganz gleich mit welchem Medium Sie abseits von Vinyl geübt sind, bieten sich für jeden Geschmack stets amtliche Auflegelösungen. Wenngleich auch erst nach längerer Einarbeitung und zu nicht unerheblichem Preis, eröffnet die Kombi von beiden Geräten und Rekordbox ein geballtes Funktionspotential mit in allen Aspekten des DJing hochoptimierten Möglichkeiten.

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