Bodenpersonal

Multieffektgeräte für Gitarre gibt es schon recht lange, dank der rasanten Fortschritte der Digitaltechnik klingen sie immer besser bei noch günstigeren Preisen. Ob das vielseitige Bodenpersonal auch unter Studiobedingungen überzeugt, untersuchen wir anhand von fünf aktuellen Geräten. 

Von Harald Wittig 

Auch wenn die Verfechter des stromgitarristischen Reinheitsgebots es allenfalls ganz leise und mit zusammengebissenen Zähnen zugeben: Digitale Amp-Modeling- und Effekt-Pedalboards gehören zu absoluten Bestsellern beim Musiker-Equipment. Dank der enormen Fortschritte der Digital-Technik klingen diese Geräte inzwischen auch wenigstens passabel, oft sogar richtig gut (siehe hierzu beispielhaft den Test des Line 6 POD HD500 in Ausgabe 1/2011) und erleichtern das Gitarristenleben sowohl in der Live- als auch in der Aufnahme-/Studio-Situation erheblich. Gitarristen sind aber im Grunde ein erzkonservativer Musikantenschlag. Sie wollen, wenn Sie sich schon vom wahren Glauben an die klassische Kombination Bodentreter/Röhrenverstärker abwenden und mit Amp-Modelern flirten, doch ganz gerne Hardware zum Anfassen haben, weswegen Multieffektprozessoren auf Hardwarebasis trotz der enormen Leistungsfähigkeit reiner Softwarelösungen ungebrochen populär sind.

Wir wollten selbst einmal herausfinden, was Multieffektgeräte heutzutage so zu bieten haben. Immerhin sind wir – die Gitarristen unter den Stammlesern wissen das selbstverständlich – bekennende Anhänger der Amp-Simulationen auf reiner Softwarebasis. Gleichwohl haben wir im Laufe unserer Gitarristenleben immer wieder Multieffektgeräte besessen und eingesetzt. Gerade auch bei Aufnahmen und gar nicht so selten auch völlig autark, also ohne Beteiligung eines traditionellen Gitarrenamps. Die für diesen Vergleich ausgesuchten Multieffekt-Geräte von Digitech, Korg/Toneworks, Vox und Zoom sind allesamt schon etwas länger am Markt und nach unseren Recherchen sehr beliebt. Wir haben uns bewusst für bereits bewährte Geräte entschieden, weil uns einfach interessiert hat, wie der aktuelle Stand der Technik ist und was der Musiker mit gehobenen Ansprüchen in puncto Ausstattung, Flexibilität, Bedienbarkeit und selbstverständlich klanglich erwarten darf. Wichtig war uns dabei, den Preisrahmen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Software-Lösungen, vergleichsweise eng zu stecken. Auch wenn wir uns auf „nur“ fünf Multieffekt-Geräte beschränkt haben, planen wir, dieser Gerätegattungen, abhängig auch von Ihrem Zuspruch, künftig immer wieder zu Vergleichstestehren kommen zu lassen. Zumal fast alle, soll heißen die wichtigsten Hersteller für 2012 einige sehr spannende Neuentwicklungen veröffentlichen werden. Aber genug der Vorrede, befassen wir uns jetzt mit unseren fünf Prüflingen, die schon ungeduldig darauf warten, sich präsentieren zu dürfen. Auch wenn es sich um Geräte derselben Gattungen handelt, die allesamt eine vergleichbare Basisausstattung haben – digital emulierte Amps und Effekte – und grundsätzlich für den Band-/Live- sowie den Studio-/Recording-Einsatz gleichermaßen konzipiert sind, unterscheiden sich die Testkandidaten schon rein äußerlich erheblich. Das Zoom G3 und das Vox TONELAB ST haben Abmessungen im Netbook-Format, sind also richtig schnuckelig und damit auch desktoptauglich, während Korg/Toneworks AX3000G und RP500 und RP1000 von Digitech ob ihrer Größe mehr als die doppelte Standfläche beanspruchen und deswegen fast schon automatisch als Bodengeräte zu behandeln sind. Alle Fünf sind sehr gut verarbeitet und die Fußschalter dürften auch etwas rüdere Fußattacken überstehen, dennoch setzen sich die beiden Digitechs in Sachen Robustheit vom übrigen Testfeld ab: Die Metall-Druckguss-Gehäuse von RP500 und RP1000 sind vergleichsweise dickwandig, die Fußpedale ächzen auch unter den berserkerhaften Tritten von schweren Bikerstiefeln tragenden Hünen mit Zakk Wylde-Statur nicht, die Schalter sind ebenfalls trittsicher-solide ausgeführt. Außerdem sind die Hauptdisplays und die wesentlich filigraneren Drehregler jeweils tiefer in die Gehäuse eingelassen, sodass die Gefahr der Beschädigung auf dunklen Bühnen minimiert ist. Auch beim G3, dem einzigen Gerät ohne Fußpedal, ist Zoom beim Gehäusedesign einen ähnlichen Weg gegangen: Bei dem sehr kompakten Gerätchen ragen lediglich die drei Fußschalter hervor. Darüber hinaus ist das G3 so ein kleiner Wolf im Schafspelz, denn sein Gehäuse ist, auch wenn ´s eher nach Plastik aussieht, auch aus Metall und einigermaßen gut gegen das Eindringen von Feuchtigkeit und Schmutz abgedichtet. Zumindest im Hinblick auf den Live-Einsatz sehen wir im Falle des Korg/TONEWORKS AX3000G und des Vox TONELAB ST ein gewisses Beschädigungspotential: Trotz ihrer vertrauenerweckenden Stahlblechgehäuse sind die an und für sich beidesmal recht stabil wirkenden Kunststoff-Drehregler nicht vor versehentlichen Tritten geschützt. Im Falle des kleinen Vox-Geräts ist das sogar weniger problematisch, da die Bedienung auf der Bühne hauptsächlich über die beiden großen Druckschalter vonstatten gehen wird. Im Falle des AX3000G verhält es sich ein wenig anders, da die sogenannten Bank-Schalter UP/DOWN, die zusammen mit den vier Programmauswahlschaltern in der Hauptsache dazu dienen, Signalketten auszuwählen und einzelne Komponenten wie Amps und Effekte hinzu- oder abzuschalten, sehr nahe bei den Reglern angeordnet sind. Klar, der Hersteller muss einen vernünftigen Kompromiss zwischen genügend Platz für den gitarristischen Stepptanz und noch kompakten Abmessungen finden. Das ist sicherlich gelungen, dennoch überzeugt uns die Digitech-Lösung insgesamt am Meisten.

Das Zoom G3 ist neben den beiden Monoklinken-Ausgangsbuchsen noch mit einem Direct Out im XLR-Format, der sogar Post- und Pre FX schaltbar ist, ausgestattet. Das gefällt uns grundsätzlich sehr gut, allerdings wünschen wir uns in Einstellung „Post FX“ auch eine Lautsprecher-Simulation und nicht nur emulierte Amps und Effekte. Die Box – ob real existierend oder simuliert – spielt nun mal eine klangentscheidende Rolle. Allerdings haben vor allem Cleansounds, die ohne Speaker Simulation extrem glasig und höhenreich klingen, einen ganz eigenen Reiz. Der Vox TONELAB ST schließlich ist mit dem Allernotwendigsten und damit eher karg ausgestattet: Eine einzige Klinkenbuchse dient gleichzeitig als Kopfhörerausgang und als Line Out. An der Buchse liegt ein Stereo-Signal an, das nur mittels eines Y-Kabels zum Mischpult oder einem Aufnahme-Gerät leitbar ist. Bei Verwendung eines Mono-Klinkenkabels gibt das Gerät automatisch nur den linken Kanal aus. Dafür gibt es ein kleines Schmankerl in Form des AMP/LINE-Schiebeschalters, das übrigens auch der AX3000G in vergleichbarer Form, nur unter anderem Namen hat: Ist das Gerät mit einem völlig clean eingestellten Gitarrenverstärker verbunden, sollte entweder „Vox“ (ein Verstärker von Vox oder im Vox-Schaltungs-/Klangdesign ist in Verwendung), „F“ (ein Combo-Amp à la Fender ist aktuell gewählt) oder „M“ (das Vöxchen ist mit einem Stack und geschlossener 4x12er Box verbunden) gewählt sein, das TONELAB ST passt den virtuellen Amp an den realexistierenden an. Wir haben diese Funktion spaßeshalber ausprobiert, indem wir den Vox mit unserem guten alten Fender Concert Amp verbunden haben, am TONELAB ST den Amp „UK Rock STD“ (Emulation des 100 Watt Plexi-Marschall der 1960er-Jahre) gewählt und den AMP/LINE-Schalter auf „F“ gestellt haben. Tatsächlich klingt es vergleichsweise britisch-rau mit eigenwilliger Anzerrtendenz, welche der Fender-Verstärker sonst nicht besitzt. Dass aus einem offenen Kofferverstärker mit einem 12-Zoll-Lautsprecher kein Marshall-Stack werden kann, darf vernünftigerweise niemand erwarten. Eines ist aber gewiss: Seht der Schiebschalter auf „Vox“ oder „M“, ändert sich der Klang deutlich, wenngleich nicht notwendig zum Schlechteren, allenfalls zum weniger Authentischen. Damit sind wir eigentlich schon bei der Software-Ausstattung und den Emulationen. Grundsätzlich geben sich die Hersteller nichts, soweit es um die digital nachgebaute Prominenz geht: Es liegt schon fast auf der Hand, dass die Meilensteine des Gitarren-Verstärkerbaus aus den Häusern Fender, Marshall, Vox, aber auch Hiwatt, Orange, Mesa Boogie als Nachbau dabei sind. Hinzu kommen auch weniger gängige, gleichwohl sehr willkommene Außenseiter wie die Emulation des Dumble Overdrives (Vox und Digitech) oder des heißen Kanals des Boutique-Heavy-Amps „Herbert“ des deutschen Verstärker-Herstellers Peter Diezel (Zoom G3). Den Amps sind selbstverständlich auch die entsprechenden Lautsprecher beziehungsweise Boxen zugeordnet, wobei der Anwender außer beim Zoom G3 eigene, durchaus exotische Kombinationen wählen kann. Hinzu kommt eine Armada an Effektgeräten, namentlich Verzerrer, Modulationseffekte und Delays. Ambience und Räumlichkeit schaffen die verschiedenen Hall-Effekte, dabei dürfen sich die beiden Digitech-Geräte ganz offiziell mit Hall-Algorithmen vornehmster Herkunft schmücken: Der Hall kommt nämlich von Lexicon und stolz prangt das Logo des Digital Hall-Giganten auf den Verpackungen von RP500 und RP1000. Wir können im Rahmen eines solchen Vergleichstests unmöglich sämtliche Mitglieder der virtuellen Fuhrparks nennen – dafür wäre ein Sonderheft vonnöten -, möchten aber wenigstens betonen, dass die Fünf den gängigen Software-Lösungen in puncto Ausstattung kaum nachstehen. Einen gewichtigen Unterschied gibt es allerdings: Die Opulenz bei den Mikrofonierungs-Möglichkeiten der virtuellen Verstärker, mit der die Softwareschmieden inzwischen aufwarten, gibt es bei unseren Testkandidaten nicht. Sonstige Zusatzfeatures wie beispielsweise eingebaute Looper oder gar Drum-Computer (Digitech, Zoom) erweitern die Ausstattung noch, Details können Sie der abschließenden tabellarischen Übersicht entnehmen. Jeder Hersteller vertraut auf seine eigenen Technologien, um den Analog-Sound möglichst naturgetreu zu digitalisieren.  Beim Korg-Gerät basiert die Klangerzeugung beispielsweise auf der eigenen R(esonant Structure)E(lectronic Circuit)M(odeling)S(ystem) Modeling-Technology, welche die Schwingungs- und Klangeigenschaften akustischer und elektrischer Instrumente sowie den Charakter und das Verhalten elektronischer Verstärker- und Effektschaltungen in realen Umgebungen möglichst präzise nachbilden soll. In den Digitechs besorgt jeweils der gleiche DNA2-Prozessor die interne Signalverarbeitung, die emulierten Amps und Effekte sind ebenfalls gleich, allerdings hat der teurere RP1000  einige Modelle mehr zu bieten. Wer auf die üppigere Ausstattung des RP1000 und des RP500 verzichten kann, der bekommt dieselbe klangliche Basis schon mit dem rund 240 Euro günstigen RP355. Das „Klanglabor“ von Vox vereinigt technologisch die umfangreichen Erfahrungen mit Amp-Modelern, welche der Traditionshersteller in den Combo-Amps der VT-Serie und dem Jam Vox-Set gesammelt hat. Im Grunde steckt im TONELAB ST dieselbe Technologie wie in den aktuellen VT-Combos, hinzu kommt eine nicht nur im Testfeld herausragende Besonderheit: Die sogenannte 12AX7-Valve.Reactor-Schaltung. Tatsächlich ist in dem kleinen Desktop-Gerätchen eine Doppeltriode des Typs 12AX7 aktiv, welche – das ist wirklich außergewöhnlich – die Funktion einer Winz-Endstufe übernimmt. Diese eigenwillige, allein der Klangbereicherung dienende Endstufe wird je nach ausgewähltem Verstärker-Klon in Class A oder Class AB beschaltet, ein virtueller Ausgangsübertrager simuliert den Trafo eines traditionellen Röhrenamps, soweit im Original eine Rückkopplungsschleife vorhanden ist, wird diese ebenfalls simuliert. In diesem Vöxchen ist also eine sehr ausgefuchste Mischung aus Digital- und unterstützender Analog-Technik am Werk. Vermutlich ist das Vorhandensein der Röhre auch der Grund, dass das Gerät so spartanisch mit Ausgangsbuchsen bestückt ist: Der glühende Glaskolben braucht schließlich auch Platz und ein wenig Belüftung zum Atmen. Im G3 soll der „Sigmoid Curve Clipper“, eine von Zoom entwickelte Amp-Modeling-Technology, die intern mit einem leistungsstarken 32-Bit ZFX IV Fließkomma-DSP arbeitet, für authentische, sehr naturnah-röhrig klingende Sounds sorgen. Die Verpackung verspricht mit der Abbildung einer Röhre und einer Clipping-Kurve einiges, wie sich das G3 und seine vier Mitbewerber klanglich präsentieren, klären wir im großen Finale.

Bei der Ausstattung gibt es teilweise erhebliche Unterschiede – sowohl bei der Software, dabei denken wir in an die emulierten Amps und Effekte, als auch bei der Hardware im weitesten Sinne. Alle fünf Multieffektprozessoren haben selbstverständlich einen HiZ-Instrumenten-Eingang zum Anschluss einer Gitarre mit passiven Tonabnehmern. Instrumente mit aktiven Pickups lassen sich ausweislich unserer Testerfahrungen ebenfalls problemlos anschließen, allerdings besitzt das Zoom G3 als einziges Gerät einen Eingangsimpedanz-Umschalter: Stellung „Active“ ist unter anderem auch dann richtig, wenn der Musiker zwischen Gitarre und G3 noch ein Effektgerät einschleifen möchte. Dies scheint im Falle des VOX TONELAB ST und des Digitech RP500 beidesmal nicht vorgesehen, was wir aber für verschmerzlich halten, immerhin handelt es sich um Multi-Effektprozessoren, die alles an Klangformern und Klangmanipulatoren, was das Gitarristenherz begehrt, an Bord haben sollten. Die beiden größten Geräte, das Digitech RP1000 und das Korg/TONEWORKS AX3000G sind die mit großem Abstand ansschlussfreudigsten Geräte, denn beide warten mit einem Einschleifweg inklusive den zu erwartenden Send/Return-Eingangsbuchsen zur Einbindung externer Effektprozessoren auf. Allerdings geht Digitech mit seinem Topmodell noch einen Schritt weiter: Während Effektgeräte über „Stomp Loop“ eingebunden werden, verbirgt sich hinter „Amp Loop“, direkt neben dem Gitarreneingang gelegen, die Send- und Return-Buchsen zum Einschleifen einer Gitarrenvorstufe. Das heißt: Digitech offeriert dem Gitarristen, den RP1000 zum Zentrum eines komplexen High End-Setups zu machen, wo beispielsweise der gitarristische Primärton von einem analogen Boutique-Preamp kommt, über den RP1000, gegebenenfalls unter zu Hilfenahme eines externen Effektgeräts weitergeformt und schließlich von einem Endverstärker finalisiert wird. Für die verschiedenen Verkabelungsoptionen – wir denken insoweit auch an echte Stereo-Setups – liefert der Hersteller gleich noch acht Anschlusskabel mit, das Handbuch listet die unterschiedlichen Setups mit instruktiven Zeichnungen auf. Es wird die aufmerksamen Leser nicht wundern, dass das Korg/TONEWORKS- und das große Digitech-Gerät auch ausgangsseitig am Meisten zu bieten haben. Das AX3000G besitzt als einziger Multieffektprozessor dieses Testfelds zwar keine USB-Schnittstelle zur direkten Verbindung mit dem Rechner, verfügt dafür allerdings über MIDI IN/OUT und einen optischen S/PDIF-Ausgang zur Verbindung mit einem Audio-Interface/Wandler, einem Digital-Mischer, einem Portastudio oder auch einem Stand-Alone-Recorder. Für Praktiker, die ein solches Gerät ins bestehende Studio-/Aufnahme-Setup einbinden möchten, sind der S/PDIF-Ausgang und die beiden analogen Ausgänge (Mono L + R) sogar wichtiger als eine USB-Schnittstelle. Somit ist der AX3000G, obwohl tatsächlich seit 2005 auf dem Markt und der mit Abstand betagteste Multi-Effektprozessor der Fünfer-Gruppe in puncto Ausstattung immer noch konkurrenzfähig. Beide Digitech-Geräte haben sowohl unsymmetrische Klinken- als auch symmetrische XLR-Ausgänge, wobei die XLR-Verbindungen in erster Linie zum Anschluss an ein Mischpult oder ein Audio-Interface und in zweiter Linie zum Direktanschluss an Aktiv-Monitore gedacht sind. Die unsymmetrischen Klinkenausgänge sollen vor allem für die Verbindung mit einem oder zwei Gitarrenverstärkern dienen, selbstverständlich lassen sich diese Ausgänge auch zum Anschluss an ein Mischpult verwenden.

Jetzt wird es ernst, denn unabhängig von Ausstattung, Bedienkonzept und dem Nebengeräuschverhalten interessieren uns die Antworten auf die drei Gretchenfragen: Wie spielen sich die virtuellen Verstärkermodelle? Wie realistisch ist das Klangverhalten emuliert? Wie gut setzen sich die Sounds im Mix durch? Um dies herauszufinden, haben wir mit allen fünf Testkandidaten jeweils eine kurze Solo-Sequenz zu drei vorproduzierten Instrumentalstücken eingespielt. Es handelt sich dabei um eine Bossa Nova, einen langsamen Moll Blues und ein Latin Rock-Stück nach Santana-Machart. Unser bewährtes Referenz-Team Lake People Mic-Amp F355 und Mytek 8x192ADDA hat für einen entsprechenden Arbeitspegel und die standesgemäße Digitalisierung der analogen Line-Signale aus den Geräten gesorgt. Die Ergebnisse unseres Praxistests fassen wir in kompakter Form zusammen: Digitech RP500 und RP1000: Klanglich unterscheiden sich die beiden Digitechs, wie bereits erwähnt, nur in den zusätzlichen Modellen, die das RP1000 zu bieten hat. Deswegen haben wir uns der besseren Vergleichbarkeit wegen für gleiche Amps entschieden: Für die Bossa ist das die  Emulation des Fender Deluxe Reverbs, für den Moll Blues der Vox AC30 Klon und für einen authentischen Santana-Sound der Mesa Boogie Mark IV. Insgesamt lassen sich die Amps dynamisch spielen, reagieren also auf die Anschlagsstärke und besitzen durchaus in der Grundtendenz die markanten Klangeigenschaften der Vorbilder. Der Deluxe Reverb ist zwar für unseren Geschmack ein wenig zu brillant und lässt es an Wärme vermissen, dafür kommt es vergleichsweise spät zu ersten Verzerrungen. Wir können also auch mit Humbuckern einen sehr klaren und lauten Cleansound einstellen, ohne dass es schon zu Beginn des Regelwegs zerrt. Der AC30-Klon besitzt das eigentümliche Höhenspektrum des britischen Kultverstärkers, das Ultraclean-Sounds à la Shadows und aggressiveren Blues-Rocksounds im Stile Rory Gallagher  – dann selbstverständlich mit aktivem Treble Booster – das gewisse Etwas gibt. Der Mesa Boogie wiederum klingt ausgesprochen mittig und liefert saftige, sustain-reiche Leadsounds, die im Mix allerdings weniger präsent hervortreten. Das ist der recht gelungenen Emulation nicht anzulasten, sondern schlichtweg das Problem solcher mittenstarker Sounds. Ein bisschen Nacharbeit mittels Equalizer muss dann schon mal sein, im wahren Leben ist das nicht anders, wobei das verwendete Mikrofon und seine Positionierung im Vorfeld einiges entscheiden kann. Sehr überzeugt haben uns die Lexicon Hall-Algorithmen, die wir tatsächlich schon bei der Aufnahme in sehr feiner Dosierung verwendet haben, um den Gitarrensounds eine gewisse Ambience zu verleihen. Beide Digitechs können uns klanglich überzeugen, wobei wir die Cleansounds unterm Strich besser bewerten als die High Gain-Sounds, die zumindest bei extremen Einstellungen doch etwas kratzig-künstlich wirken. Korg/Toneworks AX3000G: Grundsätzlich kann das älteste Gerät im Testfeld noch sehr gut mithalten, allerdings neigen die Verstärker dazu, bereits recht früh zu zerren: So sind erste Verzerrungen beim Fender Twin Reverb-Nachbau „Black 2X12“ mit seinem realitätsnahen sehr brillanten Klarklang bei leistungsstarken Tonabnehmern schon ab Gain 3 zu hören. Das ist eindeutig zu früh und es fällt uns sehr schwer, mit diesem Amp einen völlig unverzerrten, gleichzeitig lauten Cleansound einzustellen. Das gelingt besser mit dem sehr viel wärmer und runder tönenden „Boutique Clean“, der unser Amp für die  Bossa ist. Der Vox AC30TB ähnelt den Digitech-Versionen und geht als akzeptabler Vox-Nachbau durch, klingt unterschwellig aber eine Spur digitaler, soll heißen künstlicher als die Emulationen der Konkurrenten. Dafür stimmen in seinem Fall die Cleanreserven und wir bekommen den Rory Gallagher-Sound auch mit dem AX3000G hin, meinen aber schon, dass das Korg-Gerät, auch und gerade im Vergleich mit aktuellen Softwarelösungen ein wenig betagt wirkt. Das gilt besonders für die High Gain-Sounds, die zwar vergleichsweise rund und analog klingen, aber dafür Punch und Durchsetzungsvermögen vermissen lassen. Das ist wohlgemerkt keine Frage der Lautstärke, sondern der Frequenzspektren im Mitten – und Hochmitten-/Höhenbereich. Diesbezüglich erscheinen die jüngeren Geräte einfach feingliedriger und farbiger. Aber die Clean- und Crunchsounds, die das AX3000G anbietet sind sehr gut verwendbar und bestimmt konkurrenzfähig. Vox TONELAB ST: So klein und schnuckelig das Vöxchen auch ausfällt, klanglich ist es ganz groß in Form. Um es offen zu sagen: Das kleine Tonlabor hat uns ganz spontan beim allerersten Antesten für sich eingenommen. Die Amps klingen durch die Bank bemerkenswert authentisch, die Cleansounds sind röhrig-luftig, Verzerrungen klingen bis in hohe Gain-Stufen hinein angenehm rund und harmonisch. Sogar bei heftig verzerrten Sounds gibt es eine vergleichsweise direkte, also kaum verzögerte – Stichwort Latenz – Rückmeldung auf Anschlagsstärke oder Stellung des Lautstärke-Potis der Gitarre. Für unseren Höreindruck liefert der TONELAB ST den mit Abstand besten AC30-Sound. Na ja, wen wundert ´s, ist immerhin hauseigene Technik. Dass allerdings der „UK Metal CST“-Amp, eine Emulation des Marshall Slash Signature-Amps inzwischen eine unsere Lieblings-Marshall-Emulationen ist und sich ein Gary Moore/Santana-Sound ganz vortrefflich mit dem Soldano-Klon „US High Gain SPL“ erzeugen lässt, hätten wir nicht erwartet. Lediglich der Twin Reverb-Nachbau, er verbirgt sich hinter „US 2×12 STD“ ist uns doch zu höhenreich, weswegen wir für die Bossa wie schon beim Korg auf den emulierten Clean-Kanal des Dumble Overdrive („Clean STD“) zurückgreifen. Dass das TONELAB ST nie vollständig ruhig im Signalweg verharrt, sorgt sogar für eine zusätzliche Dosis Authentizität, weswegen wir zusammenfassend voll des Lobes für dieses schmucke kleine Desktop-Bodengerätchen sind. Zoom G3: Interessanterweise gefällt uns das G3 klanglich sehr viel besser als noch das ZFX Control Package, das wir in Ausgabe 10/2008 untersucht hatten. Was auch immer Zoom im Einzelnen angestellt hat: Das G3, seine Amps und Effekte können sich hören lassen. Vor allem die verzerrten Sounds gefallen uns gut. Das Gerät liefert auf Wunsch auch derbe Brachialsounds, die dem Spieler immer noch genügend Raum für die dynamische Gestaltung lassen. Irgendwann ist allerdings das Ende der Fahnenstange erreicht, dann muss der Metal-Gitarrist gegen verblüffend echte Rückkopplungen ankämpfen. Ultraclean-Sounds sind allerdings – insoweit gibt es eine Parallele zum Korg AX3000G – nicht so einfach zu erzeugen. Bei Verwendung einer Les Paul Custom mit den aktuellen Power Pickups muss der Gainregler des virtuellen Twin Reverbs („FD Combo“) am untersten Ende des Regelwegs verharren, anderenfalls sind Single Notes bereits leicht angezerrt, während Akkorde schon deutlich crunchen. Wir können uns damit behelfen, dass wir die Master-Lautstärke in den globalen Einstellungen entsprechend hoch setzen, was dankbarerweise die Nebengeräusche kaum ansteigen lässt. Vorsicht übrigens auch bei der Verwendung von virtuellen Verzerrern: Diese können je nach Einstellung den Sound sehr dominieren und den Amp dahinter weit zurückdrängen. Hier lohnt es sich, mit den Einstellungen in Ruhe zu experimentieren und ganz aufs Gehör zu vertrauen. Aufgefallen ist uns auch eine spürbar höhere Latenz als bei den anderen Geräten. Diese sorgt zwar nur für eine sehr geringe, in der Praxis kaum störende Verzögerung, spürbar ist diese gleichwohl. Zusammenfassend hinterlässt das G3 aber einen wirklich guten Eindruck.

Fazit

Mit allen fünf Multieffektgeräten lassen sich sehr gute Aufnahmen anfertigen, wobei das Vox TONELAB ST klanglich die authentischsten Klänge liefert und auch noch sehr intuitiv zu bedienen ist. Gerade Puristen sollten das Vox-Gerät einmal anchecken. Die beiden Geräte von Digitech, das RP500 und das RP1000 bieten eine sehr umfangreiche Ausstattung und durch die Bank gute bis sehr gute Sounds, die sich auch ohne großartige nachträgliche Kunstgriffe gut im mix durchsetzen. Das gilt mit Abstrichen auch für das Zoom G3, wobei wir uns mehr cleanen Headroom wünschen, in puncto (High) Gain-Sounds kann das Kompaktgerät jedoch einige schlagkräftige Argumente ins Feld führen. Das Korg/Toneworks AX3000G bildet das Schlusslicht unseres Vergleichs, ohne jedoch weit abgeschlagen zu sein. Das vergleichsweise alte Gerät kann nämlich sehr gut mithalten, ist einfach bedienbar und liefert sehr passable Klänge, mit denen sich leben und arbeiten lässt.   

Erschienen in Ausgabe 04/2012

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 353 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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