
Das Preisschild, die Aussprache des Firmennamens und die Modellbezeichnung sind beim Audeze CRBN2 echte Herausforderungen. Tröstet der Klang über diese Hürden hinweg?
von Michael Lang
Der Reflex, beim Preisschild des Audeze CRBN2 erst mal zurückzuzucken, ist durchaus verständlich. Gut 7.400 Euro sind ja auch eine Hausnummer. Rechenspiele vom Preis pro Kilo wollen wir bei einem Gewicht von 480 Gramm besser erst gar nicht anstellen. Aber wir sind hier ja nicht bei Überlegungen aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals neigten die HiFi-Fans dieser Welt dazu, Preise für Verstärker nach Watt pro DM zu beurteilen.
Damit geschähe dem Audeze und einigen anderen hochpreisigen Kopfhörern jedoch bitteres Unrecht. Denn so klein und leicht diese Schallwandler auch sein mögen, so ausgefuchst ist doch die dahintersteckende Technik. Sie ist das Ergebnis aufwendiger und zuweilen langwieriger Entwicklungsarbeit.
Denn gerade bei der Entwicklung eines Kopfhörers nach dem elektrostatischen Prinzip lassen sich nur dann wirkliche Fortschritte erzielen, wenn man in den Disziplinen Akustik, Chemie und Materialkunde ebenso fit und offen für neue Ideen ist wie im gesamten Gebiet der Physik. Was ein Grund dafür sein könnte, weshalb es im Bereich elektrostatischer Kopfhörer fast keine Selbstbauszene gibt. Hier sind Amateure und Hobbybastler vom Budget, der Mess- und Fertigungstechnik sowie der nötigen Erfahrung her weitgehend chancenlos. Zumal ja auch die Entwicklung der für die Hochspannung erforderlichen Verstärkerelektronik hin-zukommt. Einen Könner seines Fachs wie den iFi iCan Phantom dürfte man im Do-it-yourself-Sektor vergeblich suchen, von Sicherheitsaspekten beim Umgang mit Hochspannung ganz abgesehen.

Die großen Ohrpolster, die bei einer Membranfläche des Wandlers von 120 x 90 Millimetern unumgänglich waren, haben den Vorteil der Gewichtsverteilung auf eine sehr große Fläche und sorgen für gesteigerten Langzeit-Tragekomfort. Die 480 Gramm sind auf dem Kopf oder den Ohren kaum spürbar, der Sitz des Audeze ist trotzdem angenehm fest.


Der als offener Hörer konzipierte CRBN2 entstand übrigens aus einer Zusammenarbeit mit der Medizintechnik. MRT-Geräte, die in der Medizin häufig als Ersatz oder Ergänzung zu traditionellen Röntgenaufnahmen eingesetzt werden, sind sehr laut. Daher suchte man zur Beruhigung der Patienten nach Kopfhörern, die nicht mit dem sehr starken Magnetfeld eines MRTs interagieren, also eisenfrei sind. So kam man zu der Lösung mit Kohlenstoffnanoröhrchen, die dem Kopfhörer auch seinen Namen gaben, der für Carbon-Nanotube-Treiber steht.
Diese Nanoröhrchen sind mit der Polyimid-Treiberfolie vermischt. Diese ist hauchdünn und sehr leicht, dabei aber von hoher Hitzebeständigkeit und mechanischer Festigkeit. Ideale Voraussetzungen für die Verarbeitung auch starker Impulse durch die gleichmäßige Verteilung der elektrostatischen Kraft auf der Folie. Ergänzt werden diese Eigenschaften von ausgezeichneter elektrischer Isolationsfähigkeit und einer beeindruckenden Widerstandsfähigkeit gegen äußere chemische Einflüsse. Langlebigkeit und Zuverlässigkeit sind so gewährleistet.
Die Fertigung und Montage erfolgt dabei direkt im Werk von Audeze in Kalifornien und nicht etwa in Fernost. Erfahrene und geschulte Spezialisten sorgen für eine gleichbleibend hohe Fertigungsqualität. Die übrigens durchweg exquisit ist. Die Materialqualität reicht von Magnesium über Edelstahl und Polymeracetat beim Gehäuse über feinstes Leder bei den Ohrpolstern bis zu Carbonfaser und dem mit Leder bezogenen Bügel. Alles wirkt äußerst solide, liebevoll verarbeitet und auf Langlebigkeit ausgelegt. Ohrpolster, Bügel und Kabel sind austauschbar. Letztere allerdings nur beim Vertrieb oder Hersteller. Letztlich erfüllt der Audeze in dieser Hinsicht die Ansprüche, die man angesichts der Preisklasse aber auch als Selbstverständlichkeit erwarten sollte.

Grand Slam für die Ohren
Ein Kritikpunkt an nach dem elektrostatischen Prinzip arbeitenden Schallwandlern ist ihr im Vergleich zu guten dynamischen oder magnetostatischen Modellen häufig etwas schwächer ausgeprägter und weniger pegelfester Tieftonbereich. Das gilt sowohl bei Lautsprechern als auch bei Kopfhörern. Bei Audeze haben sich die Entwickler durch die besonders große Membranfläche etwas Spielraum verschafft. Ergänzend haben die Ingenieure auch eine mechanische und zum Patent angemeldete Lösung ersonnen, der sie den Namen SLAM gaben.
In holpriges Deutsch übersetzt liest sich das dann so: Symmetrischer linearer akustischer Modulator. Rein optisch wirkt diese Vorrichtung wie eine elegant geschwungene, ins Gehäuse eingefräste Bassreflexöffnung, wie man sie bei Lautsprechern in etlichen Varianten kennt. Sie verstärkt den Bassbereich ab 50 Hertz bis zur unteren Hörgrenze signifikant, wie der Hersteller verspricht. Zugleich sollen dank dieser Technik auch Verzerrungen minimiert werden. Der Grund dafür liegt, so Audeze, in einer gleichmäßigen Druckverteilung auf der hauchdünnen Membran. Als weitere Vorteile werden eine nochmals detailliertere Darstellung und eine verbesserte stereophone, also räumliche Abbildung angeführt.

Bei elektrostatischen Lautsprechern versucht man, sich seit Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg durch integrierte aktive Subwoofer der Bassproblematik zu entledigen. Man darf gespannt sein, ob diese Technik eines Tages auch in Kopfhörern zu finden sein wird. Mit dem AKG K340 gab es in den späten 70er-Jahren immerhin mal einen rein passiven und mit rund 300 DM sehr bezahlbaren Versuch mit der Hybridtechnik.
Aber es gibt noch einen weiteren Unterschied zwischen Kopfhörern und Lautsprechern dieses Arbeitsprinzips: Die Lautsprecher arbeiten als sogenannte Dipole – sie strahlen den Schall nach vorn und gegenphasig zur Rückwand ab, um ein besonders großes, offenes und luftiges Klangbild zu erzeugen.
Mehr als hören – schwelgen
Doch zurück zum Audeze. Egal wie klein oder groß Kopf und Ohren waren, er fand bequem und mit minimalem Druck selbst bei Brillenträgern seinen perfekten Platz. Es ist immer wieder verblüffend, wie sich die Wiedergabe eines dynamischen Wandlers von der eines Elektrostaten unterscheidet. Musik wirkt beinahe wie mit einem kleinen Pinsel zart dahingetupft, die allermeisten dynamischen Kopfhörer klingen im Vergleich weniger elegant und leichtfüßig.

Die Mühelosigkeit, die der Audeze beispielsweise bei der Wiedergabe unendlich vieler gleichzeitig stattfindender Schallereignisse bei „Bubbles“ von Yosi Horikawa an den Tag legte, versetzte in Erstaunen. Wie er scheinbar Freude daran verspürte, all diese dort verborgenen Facetten freizulegen, war faszinierend. Der Audeze spielte hier die Vorteile eines Kopfhörers voll aus: Keine Reflexionen, keine äußeren Störgeräusche störten die Konzentration auf das direkt die Ohren erreichende Schallereignis.
Selbst bei kerniger Rockmusik wie Metallicas „Master of Puppets“ zeigte sich der Audeze der Herausforderung gewachsen, deftigen Pegel mit Druck ans Ohr zu liefern. Allerdings ohne seine dynamischen Konkurrenten ausstechen zu können.
Denen zeigte der Audeze aber bei Solostimmen, Chören und großem Orchester wie Verdis „Nabucco“ die Grenzen auf. So glasklar artikuliert und durchsichtig, dabei ohne den geringsten Anflug von Schärfe oder Zischen legte er die Messlatte in bisher unerreichte Höhen. Nicht nur der Preis ist weit oben, auch der gebotene Klang ist in luftigen Höhen angesiedelt.
Audeze CRBN2
| Hersteller | Audeze |
| Vertrieb | https://megaaudio.de |
| Typ | Elektrostatischer Kopfhörer |
| Gewicht | 480 g |
| Farbe | schwarz |
| Preis [UVP] | 7422 Euro |
Technische Daten
| Wandlerprinzip | elektrostatisch |
| Bauweise | offen, ohrumschließend |
| Frequenzbereich | 10 bis 40.000 Hz |
| Empfindlichkeit | 100dB, 1KHz, 100V RMS |
| Anschlusskabel | |
| Lieferumfang | Anschusskabel, Koffer, Bedienungsanleitung |
| Besonderheiten | Carbon-Nanotube-Treiber der zweiten Generation, SLAM-Technologie, hochwertige Materialien wie Magnesium, Karbonfaser, edles Leder, Edelstahl und Polymeracetat, in Kalifornien von Hand gefertigt. |
Bewertung
| Kategorie | Spitzenklasse |
| Ausstattung | sehr gut |
| Bedienung | sehr gut |
| Verarbeitung | sehr gut – überragend |
| Klang | sehr gut – überragend |
| Gesamtnote | sehr gut – überragend |

