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Februar 26, 2026

Die perfekte Rille

Vinyl ist wieder en vogue, und das ist gut so: Das „schwarze Gold“ verleiht der Musik eine ganz besondere haptische Wertigkeit, zudem werden dem altehrwürdigen Tonträger auch klanglich Vorteile zugeschrieben. Schon deshalb ist beim Mastering besondere Sorgfalt gefragt. Doch auch in technischer Hinsicht bringt das Medium spezielle Anforderungen mit sich.

Von Igl Schönwitz (Bilder Igl Schönwitz / Harald Wittig)

Vinyl-Mastering ist eine sehr spezielle Aufgabenstellung, bei der sowohl technische als auch kreative Aspekte zu beachten sind. Als mechanisches Medium hat Vinyl im Gegensatz zu einer Bandaufzeichnung oder gar einer digitalen Speicherung einige Limitierungen, auf die wir später noch genauer zu sprechen kommen werden. Diese Beschränkungen sind ein wesentlicher Grund dafür, dass der Vinylschnitt gewissermaßen der Ursprung des Masterings gewesen ist. Allerdings handelte es sich dabei zunächst um einen rein technischen Vorgang, bei dem das Ausgangsmaterial klanglich möglichst wenig verändert werden sollte.

Die Burg Grünsberg bildet eine malerische Kulisse für die Amazing Sound Studios.

Das ist bei modernem Mastering bekanntlich völlig anders. Meine Intention ist es, neben der Erfüllung technischer Notwendigkeiten ein Klangbild zu kreieren, das den Erwartungen anspruchsvoller Hörer an das „audiophile“ Medium Vinyl gerecht wird. Dabei geht es in erster Linie um Dynamik – schließlich hat Vinyl bei vielen Menschen den Ruf, dynamischer zu sein als digitale Medien. Aus technischer Sicht ist das völliger Unsinn, in der Praxis stimmt es häufig trotzdem. Auf dieses Phänomen wollen wir unseren Blick als erstes richten.

Das Dynamik-Paradoxon

Zunächst die knallharten Fakten: Bei einer 16 Bit Digitalaufzeichnung (CD-Format) beträgt der Dynamikumfang zwischen Quantisierungsrauschen und Vollaussteuerung rechnerisch rund 96 dB. Bei 24 Bit sind es bereits beeindruckende 144 dB – so viel Dynamik bietet kein Mikrofon. Vinyl dagegen hat mit Rauschen, Rumpeln und Rillengeräuschen zu kämpfen, was die Dynamik stark einschränkt: Selbst mit einer Top-Pressung und einem High-End Laufwerk sind kaum mehr als 60 dB drin – was für ein Endmedium nach Mastering immer noch eine ganze Menge ist. Nur eben kein Vergleich zu digital möglichen Werten.

Das oben angesprochene Paradoxon resultiert jedoch aus einem ganz anderen Phänomen: Bei Vinyl bedeutet ein lauteres Signal eine stärkere Rillenauslenkung und damit mehr physischen Platzbedarf. Die Dynamik ist daher direkt abhängig von der Spielzeit pro Plattenseite: Viel Spielzeit bedeutet weniger Dynamik und umgekehrt. Das ist der Grund, warum Künstler, die Wert auf Klangqualität legen, häufig Doppel-LPs produzieren, die nicht mehr musikalischen Content haben als handelsübliche Einzel-LPs: Man kann lauter schneiden, was den Geräuschspannungsabstand verbessert und den Dynamikbereich erhöht.

-20 LUFS sind ein guter Richtwert für Vinyl-Mastering

Bei einer digitalen Aufzeichnung dagegen ist die Maximalaussteuerung durch die Wortbreite klar definiert: Bei 0 dBfs ist Schluss, und es gibt keinen Zusammenhang zur Spielzeit. Während es zur Hochzeit der Schallplattenwiedergabe also völlig normal gewesen ist, dass verschiedene Produktionen unterschiedlich laut waren, hat sich das mit dem Einzug der Digitaltechnik grundlegend geändert: Plötzlich hatte man einen eindeutigen Bezugspegel. Eine „lautere“ Produktion ließ sich nur durch Einschränkung der Dynamik erzielen. Der berüchtigte Loudness War war geboren.

Hier liegt einer der Hauptunterschiede zwischen digitalem und Vinyl-Mastering: Spricht man im digitalen Bereich bereits bei -14 LUFS von einem vergleichsweise dynamischen Master, so darf es bei Vinyl getrost mehr sein: -20 LUFS sind ein guter Richtwert. Laute Master mit wenig Dynamik bieten auf Vinyl keinen Vorteil. Im Gegenteil, häufig klingen sie sogar schlechter. Das hat auch damit zu tun, dass man beim Vinylschnitt mit der Höhenwiedergabe aufpassen muss – was uns augenblicklich zu den technischen Limitierungen des Mediums bringt.

Technische Besonderheiten von Vinyl

Wie bereits angedeutet bringt Vinyl einige Einschränkungen mit sich. Diese beziehen sich einerseits auf Hoch- und Tieftonwiedergabe sowie andererseits auf das Stereobild.

Die oft gehörte These, Vinyl sei in seinem Frequenzgang nach oben hin beschränkt, ist allerdings falsch. Frequenzen bis 30 kHz lassen sich ohne weiteres linear wiedergeben. Problematisch dagegen sind zu laut abgemischte, harte Transienten wie Hi Hats oder S-Laute. Diese können einerseits zu Verzerrungen in der Wiedergabe führen, andererseits bringen sie eine sehr große Nadelbeschleunigung – englisch Needle Velocity – mit sich. Durch Nadelbeschleunigungen, die wesentlich mehr als 10cm pro Sekunde betragen, kann die Cutting-Einheit der Schneidemaschine durchbrennen, was mindestens 4.000,- Euro Schaden bedeutet. Da Schneidestudios dieses Risiko verständlicherweise ungern eingehen, werden die Höhen oft entsprechend limitiert. Wer bereits im Masteringprozess auf die Needle Velocity achtet verhindert also, dass beim Schnitt Eingriffe stattfinden, die man als Auftraggeber nicht mehr kontrollieren kann. Das Mittel der Wahl sind hier frequenzselektive Limiter. Auch De-Esser können gute Dienste leisten.

Die zweite Einschränkung betrifft den Bassbereich. Zum besseren Verständnis müssen wir uns vor Augen führen, wie die Abtastung einer Stereo-Schallplatte funktioniert: Die beiden Rillenflanken repräsentieren den rechten und linken Kanal. Ist nur ein Kanal ausgesteuert, so macht die Nadel also eine schräge Bewegung. Betrachten wir die Nadelbewegung als M/S-Stereophonie, so wird das Mittensignal als horizontale und das Seitensignal als vertikale Nadelbewegung umgesetzt. Energiereiches tieffrequentes Material im Seitenkanal kann entweder dazu führen, dass die Schneidemaschine ein Loch in die Mutterplatte schneidet, oder dass die Rille nach oben aus dem Material läuft – die Nadel springt.

In der Konsequenz bedeutet dies, dass Bässe im Vinylschnitt zwingend mono sein müssen. Da ein Mono-Bass in der Regel ohnehin mehr Durchsetzungskraft hat, wirkt sich dieser „Nachteil“ in der Praxis sogar oft positiv aus. Je nach Ausgangsmaterial haben sich Frequenzen von mindestens 80, besser aber 100 bis 300 Hz bewährt, unterhalb derer das Signal keine Seitenanteile mehr besitzen sollte.

Um den Mono-Bass zu realisieren sind sogenannte elliptische Equalizer üblich, die es heute noch als Hardware beispielsweise von ADT gibt. Toneprojects, Brainworx und andere stellen entsprechende Plug-ins bereit. Die gute Nachricht ist, dass man sich in der Praxis auch sehr gut mit einem M/S-fähigen Equalizer behelfen kann. Mehr dazu gleich im Praxisteil.

Voraussetzungen des Quellmaterials

So sollte die digitale Auflösung mindestens 44,1 kHz Sample Rate und 16, besser aber 24 Bit Wortbreite betragen. Höhere Sampleraten bis 96 kHz sind wünschenswert, darüber hinausgehende Werte ergeben ebenso wenig Sinn wie eine Auflösung von 32 Bit. Dass man keine datenreduzierten Formate wie mp3 anliefern sollte, versteht sich von selbst.

Um den Mix so dynamisch wie möglich zu belassen, sollten eventuelle Kompressoren auf der Stereosumme nur dezent eingesetzt werden. Summen-Limiter sind ohnehin tabu.

Das Mastering Setup der Amazing Sound Studios

Neben einer professionellen Abhörsituation mit Strauss SE-MF2.1 Mastering-Monitoren und entsprechend konzipierter Raumakustik basiert die Arbeitsumgebung in meiner Regie auf einem AURUS Digitalmischpult und einer NEXUS Audiokreuzschiene von Stagetec. Neben seiner herausragenden digitalen Wandlerqualität zeichnet sich dieses System durch äußerst flexibles Signal-Routing aus.

Strauss Monitore und Stagetec Avatus Console

Jedes analoge Hardwaregerät hat seine eigene A/D- bzw. D/A-Strecke, die Anbindung an die DAW erfolgt über MADI. Das Routing wird innerhalb der NEXUS ausgeführt und ist speicherbar. Herkömmliche Patchbays, die immer zu Kontaktproblemen neigen, kommen nicht zum Einsatz.

Für Mastering-Zwecke habe ich ein NEXUS-Preset erstellt, das jedes Hardwaregerät als I/O-Plugin in Pro Tools routet. So kann ich Plug-ins und Hardwaregeräte ganz einfach innerhalb der Signalkette kombinieren und ihre Reihenfolge frei bestimmen. Auch zwei Kanalzüge des Aurus-Mischpultes habe ich so als „Pro Tools Plug-ins“ eingebunden.

Hören und sehen

Wichtig beim Mastering ist eine umfassende Signalkontrolle. Innerhalb der Pro Tools-Session arbeite ich mit drei Stereospuren, die ich in der Controlroom-Sektion des Pultes jeweils direkt auf die Abhöre schalten kann. Die ersten beiden Spuren enthalten das zu bearbeitende File, die dritte Spur einen eventuellen Referenztrack. Meine Mastering-Bearbeitung führe ich ausschließlich auf der zweiten Spur durch. So kann ich jederzeit das unbearbeitete File mit meinem Master vergleichen und – ganz wichtig – über den Pro Tools-Kanalzug eine Pegelanpassung durchführen.

Den Insert Send des Abhörpfades route ich über MADI auf die Eingänge der Metering-Software Pinguin Audio Meter (PG-AMM). So sehe ich jederzeit das Signal, das ich auch höre und kann die Files auch messtechnisch direkt vergleichen. Pinguin erlaubt die genaue Kontrolle von Frequenzgang und Pegel als LUFS, True Peak und Sample Peak. Für Vinyl-Mastering besonders wichtig ist darüber hinaus der frequenzabhängige Korrelationsgradmesser – Stichwort Mono-Bass. Alternativ könnte man beispielsweise auch den SPL Hawkeye Analyzer verwenden, der aber nicht ganz so flexibel ist wie der Pinguin und gleichzeitig etwas höhere Prozessorlast mit sich bringt.

Das Pinguin Audio Meter liefert umfassende­ ­Kontrolle über das Signal.

Die Signalkette

Meine Tools im Mastering variieren nur unwesentlich. Den Anfang macht häufig ein Equalizer, um eventuell vorhandene unerwünschte Resonanzen zu filtern. Hier bewährt sich das Epure V3 Equalizer-Plugin von Flux immer wieder aufs Neue. Danach kommt ein „Sweetening“-Equalizer zum Einsatz, um dem Signal je nach Einzelfall Druck, Glanz oder auch Durchsetzungskraft in den Mitten zu verleihen. Hierfür verwende ich seit vielen Jahren den Passeq V2 von SPL.

Auch bei der Kompression setze ich auf analoge Hardwaregeräte, die in aller Regel unauffälliger und „musikalischer“ arbeiten als Plug-ins. Meine erste Wahl ist der Elysia Alpha Kompressor, der sich nicht nur, aber auch wegen seiner hervorragenden Mid-Side-Betriebsart besonders für Vinyl-Mastering eignet. Auch der SPL Iron, der Vertigo Sound VSC2 oder der Black Cat Audio Jaguar 670 kommen regelmäßig zum Einsatz.

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Der Elysia Alpha ist mit seiner M/S-Betriebsart prädestiniert für Vinyl-Mastering.

Die Effektreihenfolge ist von der Art der Bearbeitung abhängig: Insbesondere, wenn ich mit dem Passeq Bässe anhebe platziere ich ihn hinter dem Kompressor, um zu vermeiden, dass dieser zu stark angeregt wird. Für das – bei Vinyl nur dezente – finale Limiting verwende ich den Pure Limiter II von Flux oder den Weiss MM1 Limiter als Softube-Plug-in. Dithering kommt nicht zum Einsatz, denn ein Vinyl-Master sollte immer 24 Bit haben.

Mid-Side-Prozessing

Insbesondere aufgrund der speziellen Anforderungen eines Vinyl-Masters im Bassbereich bietet sich die M/S-Bearbeitung an. Gerne benutze ich hier das altehrwürdige MS Matrix Plug-in von Waves. Es hat keinerlei Bedienelemente und konvertiert lediglich eine L/R-Stereospur in M/S. Eine weitere Plug-in-Instanz wandelt das Ganze zurück. Alle zwischen den beiden Waves Konvertern installierten Prozessoren – egal ob Hard- oder Software – laufen nun in M/S-Betriebsart, was sehr effektive Stereo-Bearbeitungen ermöglicht. In der Regel insertiere ich dabei zusätzlich zwei AURUS-Channelstrips für Mitten- und Seitenkanal. Dies erlaubt die schnelle Installation eines Low-Cut-Filters im Seitenkanal sowie eine intuitive Regulierung der Basisbreite über die Kanalfader. Zudem ist es damit sehr einfach, Mitten- und Seitenkanal jeweils solo abzuhören.

Perfect Groove

Die letzte Instanz meines Vinyl-Masters ist eine Software namens Perfect Groove. Ursprünglich im Rahmen der Entwicklung eines lasergestützten Vinylschnittverfahrens namens „HD-Vinyl“ entwickelt, erlaubt Perfect Groove das Erstellen von fertigen Plattenseiten innerhalb der Software. Pausenzeiten und Pegel der einzelnen Tracks können individuell angepasst werden. Jede Plattenseite kann schlussendlich als *.wav-Datei exportiert und direkt ans Schneidestudio geschickt werden. Perfect Groove emuliert eine Neumann-Schneidemaschine und zeigt eventuelle Schnittprobleme im Audiomaterial detailliert auf, sodass man gezielt korrigieren kann. Selbst die resultierenden Plattenrillen lassen sich unter einem virtuellen Mikroskop genau betrachten. Auf meinem YouTube-Kanal The Soundphile habe ich vor einigen Jahren ein Tutorial-Video zu Perfect Groove erstellt (https://www.youtube.com/watch?v=LPxz4PEtU5E ).

Ganz zum Schluss eine erfreuliche Nachricht für alle, die sich auch praktisch für Vinyl-Mastering interessieren: Obwohl das Laserschnitt-Projekt inzwischen eingestellt wurde, ist die auch für konventionellen Lackschnitt hilfreiche Software mittlerweile gratis erhältlich.

https://www.perfectgroove.com