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Januar 16, 2026

Aus Leidenschaft für die Musik

Der Musikproduzent Patrick W. Engel genießt in der­ ­Metalszene – und darüberhinaus – einen ­hervorragenden Ruf wegen seiner exzellenten Abmischungen und ­Masterings, mit denen er stets das Maximum aus den Aufnahmen herauskitzelt. Zudem hat er sich ­international einen Namen mit Remasters von Album-Klassikern gemacht: Neben ­Metal-Legenden wie Jag Panzer oder Slayer vertrauen auch berühmte ­Künstler des ­klassischen Progressive Rock wie Jethro Tull oder ­Gitarrist Steve Hackett auf die ­Engel-Expertise. Grund genug, das Gepräch mit dem vielbeschäftigten Produzenten zu suchen, in dem er ­uns und euch Hochinteressantes zu ­erzählen hat.

Interview: Harald Wittig

Guten Tag Patrick, schön, dass du Zeit für ein Gespräch hast. Lass uns direkt einsteigen: Kannst du deinen Workflow beim Erstellen eines Masters beschreiben? Was sind deine Standard-Tools – Hardware, DAW, Software?

Zuerst einmal vielen Dank für euer Interesse an meiner Arbeit – und sogleich zur Antwort: Bevor ich mit einem Mastering beginne, höre ich mir das Rohmaterial wenigstens einmal komplett am Stück an, um erstmal einen Eindruck davon zu bekommen, an welcher Stelle ich anpacken muss, um ein passendes und ausgewogenes Gesamtbild für das Endergebnis zu erreichen. Ich arbeite schon seit sehr langer Zeit mit SAMPLITUDE, da ich sowohl die Benutzeroberfläche als auch den Workflow sehr mag und ich obendrein auch noch die Möglichkeit habe, mittels einer VST-Bridge ältere VST-Plugins einzubinden, wenn dafür Bedarf besteht. Leider gibt es zu einigen 32-bit-Versionen, die ich für meine Arbeit als hilfreich erachte, bis heute keine gleichwertigen Pendants.

Der Großteil der von mir verwendeten Plugins ist tatsächlich Freeware, die ich im Laufe der Jahre lange getestet und für gut befunden habe und die sich im täglichen Gebrauch für meine Arbeit bewährt haben. Ich arbeite aber auch mit Software von iZotope,  Voxengo oder ApulSoft, um nur einige zu nennen. Am Ende kommt es nicht darauf an, welche Tools man für seine Arbeit verwendet, sondern dass man das erforderliche Gehör hat und weiß, wie man zu einem guten Resultat gelangt. Dazu braucht es auch nicht ständig neue Werkzeuge.

Während sehr viele Mischer und Masterer mit Monitorboxen arbeiten, erledige ich meine Jobs fast ausnahmslos mit hochwertigen Kopfhörern von SENNHEISER und MEZE, die meinen Hörgewohnheiten entsprechen. Ich bin dann einfach tiefer im Material und kann obendrein konzentrierter arbeiten. Final abgehört wird vorwiegend über eine aus TECHNICS- und YAMAHA-Komponenten bestehende HiFi-Anlage aus den 1980er-/1990er-Jahren sowie zusätzlich im  Autoradio, da mir der Klang beider Möglichkeiten vertraut ist und ich dann sofort spüre, wenn frequenzmäßig irgendwo etwas im Argen liegt und korrigiert werden muss. Nicht zuletzt fließen aber selbstverständlich auch die Meinungen und Wünsche der Künstler / Auftraggeber mit ein.

Du bist auch bekannt für deine Vinyl-Masterings. Was gilt es dabei zu beachten? Wie hast du eigentlich deine Kenntnisse in der Disziplin erworben, gibt es Vorbilder?

Vinyl ist ein sehr komplexes Medium und leider erscheinen immer noch viele wirklich schlecht-klingende Platten, da aus Kostengründen von einigen Plattenlabels einfach nicht speziell für Vinyl gemastert wird. Klar kann man CD-Files an ein Presswerk schicken und schauen, was dabei herauskommt, aber das ist ja nicht der Sinn der Sache. Der Künstler hat eine Vorstellung davon, wie seine Platte am Ende klingen soll und darum erstelle ich Vinylmaster, die für einen Flat Cut geeignet sind – das heißt, der Schneidtechniker muss nicht eigenmächtig  Entscheidungen treffen und das Material merklich hörbar verändern, um es auf Vinyl schneiden zu können, sondern kann mein Master so übernehmen, wie es angeliefert wird.

Die wichtigsten Kriterien für ein Vinyl-Master sind eine gute Dynamik ohne starke Summenkompression, ein sauberes Nutzsignal im Allgemeinen, ein aufgeräumter Bassbereich sowie Höhen, die sich auf Platte dann nicht als zischende  Störgeräuschen bemerkbar machen. Da ich quasi seit mehr als 35 Jahren Vinyl auf diversen Geräten mit unterschiedlichen Abtastern höre und mich auch ständig mit verschiedenen Pressungen diverser Alben beschäftige, bin ich sensibilisiert, was den Klang eine Schallplatte betrifft.

Meine Kenntnisse habe ich über viele Jahre sowohl durch Learning-by-doing, logisches Denken, Lesen von themenbezogenen Artikeln und Beratung mit vielen Presswerken und Schneidtechnikern erlangt. Konkrete Vorbilder habe ich nicht, bin aber seit langer Zeit ein sehr großer Fan von SST Brüggemann aus Frankfurt, die stets eine einwandfreie Arbeit abliefern und meine Master am Ende tatsächlich auf Platte genauso klingen lassen wie auf den Daten, die ich dafür zur Verfügung stelle. Toll ist auch, dass SST immer noch auf die altbewährte Lackfolie schneiden.

Ein weiterer großer Name ist Herr Pauler, der für PALLAS tätig ist und auch schon viele meiner Master auf Vinyl geschnitten hat oder das recht neue Unternehmen MATTER OF FACT, deren Techniker im hauseigenen Schneidstudio ebenfalls einwandfreie Arbeit abliefern.

„Vinyl ist ein sehr komplexes Medium“

Patrick W. Engel

Wenn du „alte Produktionen“ (re-)masterst: Arbeitest du mit Analog-Bändern oder Digital-Kopien? Wenn es sich um Überspielungen handelt: Wie hoch sollte die Auflösung – vielleicht 24Bit/96kHz – sein?

Im damaligen TEMPLE OF DISHARMONY Studio, in dem ich von 1997 bis 2010 tätig war, hatten wir neben einem MAC auch Bandmaschinen und die Möglichkeit, für weitere Arbeiten alles selbst zu überspielen. Heute arbeite ich von technisch einwandfreien Digitalisaten, um das Bestmögliche herauszuholen. Oft greife ich dafür auf die Dienste von Eroc und seiner Mastering Ranch zurück, der dahingehend immer gute und akribische Arbeit abliefert. Viele Künstler und Labels geben allerdings die Bänder leider gar nicht mehr raus, darum muss man mit dem arbeiten, was man bekommt. Nach Sichtung des digitalen Materials entscheide ich dann, ob es sinnvoll ist, damit zu arbeiten oder ob die Suche nach einer besseren Quelle nötig ist.

Man kann leider nicht alles über die Auflösung definieren, denn es spielen zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle bei der Auswahl und Bewertung des aufzubereitenden Quellmaterials. Was nützt mir ein Hi-Resolution-Transfer mit verstelltem Tonkopf von einem bereits ruinierten Masterband, wenn die Files beispielsweise auf einer früheren Digitalisierung mit halber Auflösung viel besser klingen ? Für mich spielt in erster Linie der Klang des Quellmaterials eine Rolle, denn das ist am Ende genau das, worauf es ankommt. Der ganze Hi-Res-Audio-Wahnsinn ist aus meiner Sicht auch größtenteils nur Hype, denn was wir als Menschen am Ende davon tatsächlich hören können, steht auf einem anderen Blatt.

Wenn es nur noch alte LPs oder Tapes als Vorlage gibt: Was müssen die noch liefern können, dass du arbeiten kannst?

Platten sollten sich in einem wenig-gespielten Zustand befinden. Ein abgespieltes Exemplar ist für eine professionelle Weiterverarbeitung nicht verwendbar. Außerdem ist es vor der Auswahl und Digitalisierung immer von Vorteil, wenn man Exemplare verschiedener Pressungen hören und vergleichen kann, um am Ende die beste Quelle auswählen zu können.

Bei Tapes verhält es sich ähnlich. Ich hatte beispielsweise schon den Fall, dass ich Kassetten digitalisieren durfte, deren Schicht im Laufe der Jahre klebrig und zäh geworden ist, so dass es nicht mehr möglich war, die Toninformationen zu retten. In solchen Fällen muss man bessere Quellen suchen. Ich habe aber auch schon Bandaufnahmen, die längst verloren geglaubt schienen, mittels Restauration retten können. Das muss man am Ende immer individuell von Fall zu Fall bewerten.

Zu deinen Kunden gehört auch Steve Hackett, der mit Genesis, aber auch mit seinen Soloprojekten Prog Rock-Geschichte geschrieben hat. Magst Du beschreiben, was Du für Steve Hackett gemacht hast und wie die Zusammenarbeit mit ihm war/ist?

Ein mir wohlgesonnener Kollege hat mich bei SONY MUSIC empfohlen, woraufhin sich ein freundlicher Mitarbeiter aus England mit dem Anliegen, meine Dienste in Anspruch nehmen zu wollen, bei mir meldete. Die erste Arbeit für Steve Hackett war die Überarbeitung eines bereits auf CD erschienenen Livealbums mit alten GENESIS-Klassikern für die Auswertung auf Vinyl. Da er mit dem Resultat sehr zufrieden war, bekam ich kurz darauf Anfragen vom Label, ob ich mich auch um einige seiner Soloalben kümmern würde, die ebenfalls auf Platte geplant waren. Dort ging es nicht nur um rein technische Anpassungen für den Vinylschnitt, sondern  – wie schon zuvor beim Livealbum – auch tatsächlich um klangliche Eingriffe, um das Quellmaterial ein wenig aufzuwerten. Irgendwann bekam ich dann mal völlig unerwartet eine Autogrammkarte von Herrn Hackett, auf dem er sich für meine gute Arbeit bedankte. Solche kleinen Gesten versüßen einem das Leben und auch wenn ich an jedem Projekt, für das ich mich entscheide, mit Haut und Haaren arbeite und außerdem für jeden die gleichen fairen Preise für meine Leistungen anbiete, sind solche besonderen und großen Namen doch noch mal eine andere Hausnummer. Vor einigen Wochen durfte ich unter anderem ein Livealbum von JETHRO TULL für eine Neuveröffentlichung auf Vinyl und CD überarbeiten. Vielleicht sind das auch einfach alles die Früchte meiner bisherigen Arbeit, die ich im Hier und Heute mit einer kleinen Portion Stolz und Dankbarkeit ernten darf.

Soweit ich deine Angebote auf deiner informativen Website gelesen habe, dienst du dem Kunden im Besten Sinne zuallererst. Dennoch: Hast du womöglich einen eigenen Klang, eine eigene Klangästhetik?

Das kann man selbst schwer beantworten. Für mich klingt etwas richtig oder falsch. Ein Freund von mir, dessen Alben ich viele Jahre lang produziert habe, sagte irgendwann einmal zu mir, dass ich leichte autistische Züge hätte, was meine Arbeit betrifft. Ich höre Dinge in der Musik, die anderen verborgen bleiben. Ich nehme oft intuitiv Veränderungen im Klangbild vor, die ich nicht erklären kann. Ich höre mir das Material eines Projekts / eines Künstlers an, habe dann ziemlich schnell einen fertigen Sound im Kopf und lasse mich dann einfach treiben, ohne viel darüber nachzudenken. Musik ist Emotion und genau diese muss ich fühlen, um das richtige Ergebnis zu erzielen. Vielleicht spielen da auch meine Erfahrungen als Aufnahmetechniker und Musiker mit rein, um beim Mischen und Mastern diverse Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. Ob man einen typischen Engel-Klang aus meinen Masterings heraushören kann, wage ich zu bezweifeln, da doch jede meiner Arbeiten unterschiedlich klingt und immer dem Werk gerecht wird, ohne dass ich diesem bewusst eine eigene Note aufdrücken möchte.

Es gibt sicher Anfragen, die du aus Qualitätsgründen ablehnen musst. Was kannst du guten Gewissens als Mastering-Ingenieur nicht mehr tolerieren?

Wenn das Quellmaterial unbrauchbar ist oder unter meinen Qualitätsansprüchen liegt, muss ich den Auftrag entweder absagen oder den Kunden beauftragen, nach alternativen Quellen Ausschau zu halten. Wenn man mich um die Restauration von Tonmaterial bittet, erwartet man aufgrund meiner bisherigen Arbeiten ja auch einen gewissen Qualitätsstandard, den ich immer erfüllen möchte.

Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen. Wenn es beispielsweise von einer Gruppe eine ultraseltene unveröffentlichte Aufnahme gibt, die plötzlich völlig unerwartet irgendwo aufgetaucht ist und für eine Veröffentlichung aufbereitet werden soll, weil sie von historischem Wert ist, muss man eben entscheiden, ob man dort seinen Namen draufschreiben möchte oder nicht. Wichtig sind mir in solchen Fällen immer Angaben in der betreffenden Veröffentlichung, die auf den Zustand des Quellmaterials hinweisen, sodass der Hörer weiß, dass dennoch alles Mögliche versucht wurde, die vorliegenden Aufnahmen so gut wie möglich aufzubereiten.

Zum Schluss: Gibt es eigentlich deiner Meinung nach einen echten Vinyl-Boom? Oder ist es wie bei den T-Shirts? Frau und Mann tragen Band-Shirts ohne jemals die Musik der jeweiligen Gruppe gehört zu haben…

Da sprichst du ein sensibles Thema an. Ich möchte täglich Leute auf der Straße ansprechen, die beispielsweise RAMONES- oder METALLICA-Shirts eines bekannten Mode-Discounters tragen und nach deren Lieblingssongs und –alben fragen, weil mich so etwas nervt. Musik ist für mich etwas ganz Spezielles und Besonderes und keine Marke, mit der ich mich schmücke, um cool zu sein. Musik berührt mich tief im Herzen und ist weitaus wertvoller und größer als plakative und stumpfe Selbstdarstellung. Wer ein Shirt einer Band trägt, sollte diese auch kennen und deren Musik mögen. Einen Vinyl-Boom in dem Sinne erkenne ich nicht. Platten gab es – bis auf kurze Durststrecken in den 1990ern – immer und speziell im Underground konnte ich da keinen Einbruch oder später eine Art wiederaufsteigenden Hype erkennen. Den künstlichen Boom generieren leider die Majorlabels, die am Kuchen mitverdienen wollen und teilweise völlig überflüssige Platten als Massenware auf den Markt werfen, um eine künstlich-generierte Nostalgiewelle damit zu befriedigen.  Bei den jungen Käufern muss man auch unterscheiden, ob es sich um Leute handelt, die Platten nur kaufen, weil es angesagt ist oder um solche, die tatsächlich Wert auf die Musik und technische Umsetzung einer LP-Pressung legen und darum bewusst Vinyl hören.

Am Ende muss jeder selbst für sich entscheiden, welchen Stellenwert Musik im Leben einnimmt, welches Format man bevorzugt und mit wie viel Leidenschaft und Herzblut man dieser wundervoller Welt der Klänge erlegen ist.

Klare Worte. Herzlichen Dank für das schöne Gespräch

www.templeofdisharmony.com