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Januar 30, 2026

Test: Weissklang L1+ – Boutique-Schallwandler zum Budgetpreis

Die deutsche Mikrofon-­Manufaktur Weissklang hat einen neuem ­Schallwandler im Programm: Das L1+ schickt sich an, ganz vorne ­mitzuspielen – und das für wenig Geld.

Text und Fotos von Harald Wittig

Noch nicht allzu lange, nämlich seit 2013, gibt es die deutsche Mikrofon-Manufaktur Weissklang. Sie befindet sich in der Gemeinde Murr im schönen Bottwartal, das zum Tüftler- und Erfinder-Bundesland Baden-Württemberg gehört und etwa 30 Kilometer von der Landeshauptstadt Stuttgart entfernt ist. Unter der Führung von Salvatore Di Fresco beschäftigt sich Weissklang mit der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb von Studiomikrofonen. Dabei folgt das Entwicklerteam dem hohen Anspruch, dass jedes Mikrofon die Aufgabe hat, akustische Signale akkurat in elektrische Impulse umzuwandeln. Die Mikrofon-Manufaktur konzentriert sich dabei, nach eigener Aussage, auf die wesentlichen Merkmale der idealen Schallwandlung, welche in die Entwicklung der Weissklang-Mikrofone einflössen. Dabei ist zunächst bemerkenswert, dass die Weissklang-Schallwandler von Hand in Murr gefertigt und nicht etwa nur endmontiert werden. Das gilt selbstverständlich für die Herzstücke eines jeden Mikrofons, die Kapsel sowie die Impedanzwandler. Da verblüfft es regelrecht, dass Weissklang-Mikrofone ausgesprochen kostengünstig angeboten werden: So kosten die bereits sehr wohlwollend besprochenen Modelle V17 und V13 jeweils knapp 500 Euro, das L1 gibt es für etwa 350 und das neue L1+, unseren Testkandidaten, für circa 400 Euro. Damit rangieren sie in der Preisliga der zahlreichen Fernost-Mikrofone, über die wir per se nichts Schlechtes sagen wollen. Nur: Qualität „Made in Germany“ hat bekanntlich ihren hohen Preis. Wir haben bei Geschäftsführer Salvatore Di Fresco nachgefragt: „Wir halten diese günstigen Preise, weil wir tatsächlich regional orientiert sind: Unsere Kondensatoren kaufen wir beispielsweise in Ludwigsburg, haben aber auch inzwischen ein Lager an Bauteilen angelegt, das uns für die nächsten 20 Jahre gut versorgen dürfte. Dann ist unser Team mit 25 Mitarbeitern recht klein.“ Hinzu kommt, dass Weissklang konsequent auf Direktvertrieb und den Verkauf über den eigenen  Online-Shop setzt. Weissklang-Schallwandler finden sich bei keinem der großen – und kleineren – Händler. Dazu der Weissklang-Chef: „Wir haben selbstverständlich einige Angebote bekommen. Nur: Unsere Modelle V13 und V17 hätten den Endverbraucher nicht 499, sondern mindestens 799 Euro gekostet. Das wollen wir nicht mitmachen.“ Dass Weissklang insoweit – und in anderen Bereichen, wie wir noch sehen werden – sehr kundenorientiert denken und handeln, belegt auch die hohe Preisstabilität der Mikrofone. Auch während und nach der unseligen Corona-Zeit hat der Hersteller die Preise nicht erhöht. Da nimmt es wunder, dass es bislang noch kaum Testberichte zu den Weissklang-Mikrofonen gibt. Das wollen wir unbedingt ändern und freuen uns, euch das neue L1+, das seit Sommer dieses Jahres erhältlich ist, vorzustellen.

Hinter dem Drahtschutzkorb sorgt die neuentwickelt Doppelmembran-Kapsel WMK-1D, eine ­Weiterentwicklung der WMK-1, die das klangliche Herzstück des sehr gut ­angenommenen L1 ist.

Neue Doppelmembran-Kapsel

Wir haben es beim L1+ mit einem Großmembran-Kondensatormikrofon mit umschaltbarer Richtcharakteristik zu tun. Das neue Weissklang-Mikrofon ist eng verwandt mit dem L1. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein Großmembran-Kondensatormikrofon, allerdings mit fester Nierencharakteristik. Das L1+ verfügt deswegen über die neu entwickelte Doppelmembran-Kapsel WMK-1D, als solche eine Weiterentwicklung der originalen WMK-1 des L1. Die WMK-1D biete den Klangcharakter des L1, den Weissklang als „offen, natürlich und fein aufgelöst“ beschreibt. Insoweit haben wir einmal mehr nachgefragt, um mehr zum Klangideal des Herstellers zu erfahren. Salvatore Di Fresco gibt Auskunft: „Unser Klangideal ergibt sich schon aus dem Namen unserer Manufaktur: ‚weiss‘ im Sinne von ‚klar wie Quellwasser‘. Wir streben also einen natürlichen, besonders reinen, praktisch störungsfreien Klang an.“ Ein Blick auf die veröffentlichten und beiliegenden Messschriebe unseres Testmikrofons lassen einen bis knapp unterhalb fünf Kilohertz sehr linearen Kurvenverlauf erkennen. Danach erfolgt ein sanfter, aber stetiger Anstieg, der im Bereich von 10 bis 11 Kilohertz seinen Gipfel hat. Diese Anhebung ist einerseits typisch für Großmembranen – Stichwort: Druckstau vor der Membran – , andererseits fällt sie recht moderat aus. Klanglich wird sich das auswirken – wie das L1+ aber letztlich klingt, lässt sich aus den Frequenzgängen nur bedingt schließen. Denn über das Auflösungsvermögen und das Impulsverhalten können diese Messkurven keine Auskunft geben.

Das L1+ bietet die Richtcharakteristiken Niere, Kugel und Acht. Die Umschaltung erfolgt auf der Vorderseite über den definiert, sanft rastenden Kippschalter.

Apropos Impulsverhalten: Wie es sich für ein Studiomikrofon, das dieser Bezeichnung gerecht werden will, gehört, bestehen die beiden Membranen der Doppelkapsel aus besonders leichtem Mylar. Das wird bei Weissklang mindestens sechs Monate gelagert, um etwaige Klangveränderungen der Mikrofone bei „frischem“ Material zu vermeiden. Selbstverständlich sind die Mylar-Membranen goldbedampft, die Goldschicht ist nur wenige Atomlagen dicht und ausweislich meiner unbestechlichen Nikkor-Makroobjektive optimal aufgebracht. Damit ist die Leitfähigkeit der Membran gesichert. Die Zuführung der Polarisationsspannung erfolgt im Falle der WMK-1 und WMK-1 D im Wege der Mittenschraubung, wie sie sich bei vielen berühmten Mikrofonen wie dem Neumann U 87 findet. Diese Art der Spannungszuführung hat sich bewährt, wenngleich wir alle wissen, dass die Mittenschraubung und die alternative Randschraubung ihre klanglichen Auswirkungen haben. Immerhin schwingt die Membran unterschiedlich. Dass ein seriöser Mikrofon-Hersteller wie Weissklang dies bei der Entwicklung und Abstimmung seiner Schallwandler berücksichtigt, versteht sich unseres Erachtens von selbst. Am Rande sei erwähnt, dass die Mittenschraubung die Mikrofonkapsel anfälliger für Verschmutzungen macht und auch weniger genügsam auf Feuchtigkeit reagieren lässt. Da ist es für den Weissklang-Nutzer sehr beruhigend, dass der Hersteller einen ganz vorzüglichen Service bietet. Schon die Standard-Garantie ist auf drei Jahre erweitert. Noch viel weiter geht das auch noch sehr günstige Schutzpaket KlangShield, das ein versichertes Mikrofon mindestens 10 Jahre bis lebenslang absichert. Übrigens auch gegen Schäden, für die der Anwender selbst verantwortlich ist. Mehr zum KlangShield und die drei angebotenen Schutzpakete gibt es unter https://weissklang.com/klangshield/

Messwerte zum Niederknien

Das L1+-Anwender bietet die Richtcharakteristiken Niere, Kugel und Acht, wobei die Entwickler dem Ideal eines ausgewogenen Klangbildes in allen Charakteristiken folgten. Weswegen im Wege einer akribisch und gezielten Entwicklung der Elektronik – bekanntlich erfolgt die Umschaltung der Richtcharakteristiken bei Mikrofonen dieser Machart auf elektrischem Wege – die typische Herausforderung bei Doppelmembran-Kapseln – Stichworte sind Phasenkohärenz, Symmetrie und Schaltstabilität – nach Weissklang-Angaben vollständig gelöst worden seien. Folgerichtig haben wir es mit einer exakt abgestimmten, auf selektierter Halbleitertechnologie basierenden Schaltung zu tun. Die ermögliche es dem L1+ Transienten superschnell, konkret in nur 14 Mikrosekunden zu erfassen, was in einer besonders natürlichen Abbildung von Signalquelle und Raumantwort ohrenfällig werde.

Nichts für die Ohren von Aufgenommenen und Aufnehmenden sind indes  Störgeräusche wie Rauschen. Weissklang setzt aus diesem Grund bewusst auf die elektronische, also „eisenlose“ Symmetrierung des Ausgangssignals. Tatsächlich kann das L1+ mit Werten aufwarten, die schlichtweg erfurchtgebietend sind. So beträgt das Eigenrauschen des Mikrofons nur winzige 4 dB-A. Das ist sensationell, denn sogar das Neumann TLM 103 kann das mit seinen 7 dB-A nicht überbieten. Wenn ihr bedenkt, dass das Neumann-Mikrofon zu den rauschärmsten Mikrofonen überhaupt gehört, könnt ihr euch selbst ausrechnen, in welcher Liga das L1+ spielt.

Eine brauchbare Kunststoff-Spinne gehört Lieferumfang. ­Papiere gehören bewusst nicht dazu. Sämtliche Unterlage wie das jedem Weissklang-Mikrofon beiliegende Zertifikat finden sich in digitaler Form auf dem beiliegenden USB-Stick.

Da wir gerade Messwerte-Quartett spielen, gehen wir die Liste der relevanten Daten flugs durch. Zum eigentlich nichtexistenten Eigenrauschen gesellen sich  vergleichsweise hohe Empfindlichkeiten von 23 mV/Pa für die Niere, 18 mV/Pa für die Acht sowie 20 mV/Pa für die Kugel. Damit stehen wir bei Aufnahmen in puncto Störgeräuschfreiheit auf „terra firma“, denn der Preamp muss für einen brauchbaren Arbeitspegel nicht gefährlich weit aufgedreht sein. Dank seines hervorragenden Grenzschalldruckpegels von 140 db SPL kommt das L1+ auch mit lauten Schallquellen klar, wenngleich es insoweit nicht die Topwerte der Besten in der Kondensatormikrofon-Klasse erreicht. Dennoch: Vor der Mikrofonierung einer Gitarrenbox muss das Weissklang-Mikrofon und sein Anwender keine Furcht haben.

Bevor wir zur Praxis kommen, wollen wir uns noch die Verarbeitung des L1+ und das mitgelieferte Zubehör ansehen. Das Mikrofon selbst ist makellos gefertigt, alle Gravuren auf dem Messinggehäuse sind sehr sauber ausgeführt. Unsere schwarze Gehäusevariante –  es gibt das L1+ noch in champagner – gefällt uns besonders gut. Das Mikrofon wirkt edel und teurer, als es tatsächlich ist. Der kleine Umschalter rastet sanft, dabei definiert ein, der feinmaschige Drahtschutzkorb behütet die empfindliche Kapsel – alles so, wie wir es gerne fühlen und sehen. Eine brauchbare Kunststoff-Spinne gehört zum Lieferumfang und benötigt einen Aufbewahrungsort in eurem Studio. Das Mikrofon selbst wird in einer Schatulle aus FSC-zertifiziertem Holz zur Ruhe gebettet – nicht von ungefähr. Denn Weissklang fertigt seine Mikrofone mit wachem Blick auf Umwelt und Ressourcen: Die Produktion erfolgt im reduziertem CO2-Fußabdruck, die Verpackung ist vollständig recyclebar und Begleitpapiere gibt es bewusst nicht. Statt gedruckter Dokumente enthält eine schmucker, goldfarbener USB-Stick alle wichtigen Unterlagen in digitaler Form. Auch das Zertifikat unseres Testmikrofons, das wir euch gerne zeigen.

Überraschend klangreich 

Für den Praxis-/Aufnahme-Test fertigen wir verschiedene Aufnahmen unter Logic Pro an: Wir machen Konzertgitarrenaufnahmen mit allen Charakteristiken, mikrofonieren einen alten, aber sehr gut klingenden Fender Concert II-Vollröhrenverstärker, außerdem fertigen wir Sprach- und Gesangsaufnahmen an. Wie üblich bei Mikrofontests kommt unsere Referenz-Wandler-Interface-Kombination, bestehend aus Lake People Mic-Amp F355, Mytek Digital 8×192 ADDA und Mutec MC3+ USB als klanglich neutrales und unbestechliches Analog-Digital-Terzett zum Einsatz.

Als vergleichsweise empfindliches, also „lauteres“ Mikrofon liefert das L1+ genügend Pegel an den Preamp, welcher daher weniger aufgedreht in kompletter Ruhe und ganz entspannt die Signale an den Wandler und das Interface weiterleiten kann. Beim Abhören der folglich pieksaubern Gitarrentakes gefällt uns spontan der Detailreichtum aller drei Aufnahmen. Weissklang hat nicht zu viel versprochen: Das L1+ löst fein auf und fängt Details sehr gut ein. Für ein Großmembran-Mikrofon ist es zudem recht schnell, hat also ein überzeugendes, sprich gutes Impulsverhalten. Weswegen es Transienten gut zu folgen vermag und sich zur Mikrofonierung perkussiver Klangquellen unterschiedlichster Art eignet. In Nierencharakteristik tönt es wie zu erwarten direkt und sehr klar, ohne dass sich die Präsenzanhebung zwischen zehn und elf Kilohertz besonders bemerkbar machen würde, Demgegenüber wird der Klang in der Einstellung „Kugel“ ein Spur präsenter, was einen Einsatz als Raummikrofon nahelegt. Beispielsweise liefert es interessante Ergebnisse, wenn es im größeren Raum etwas weiter von Gitarrenverstärker positioniert dessen Klang aufnimmt, während ein gängiges Tauchspulenmikrofon den Direktsound einfängt. Die Acht klingt schön ausgewogen – trotz eines gewissen Höhenabfalls – und macht eine gute Figur als Mitten-Mikrofon für M/S-Aufnahmen.

Als Sprach- und Gesangsmikrofon überzeugt das L1+ kein bisschen weniger. Bei vergleichsweise gering ausgeprägtem Nahheitseffekt sorgt es zwar nicht für einen besonders „fetten“ Stimmklang, denn Natürlichkeit steht wie schon erwähnt im Pflichtenheft von Weissklang. Wir mögen den knackigen Klarklang, mit dem es gerade tiefen Stimmen eine gewisse Kontur gibt. Aber auch hohe Stimmen solltet Ihr dem L1+ anvertrauen, denn die klingen nie überscharf. Außerdem weiß das Mikrofon mit Zischlauten umzugehen. Enervierend scharfes Gezische, das viel zu oft Mikrofone der unteren bis mittleren Preisklasse abliefern, kennt das Weissklang überhaupt nicht. Tatsächlich verlieben wir uns im Verlauf des Tests regelrecht in das Mikrofon, sodass wir es gemeinsam mit dem in dieser Ausgabe ebenfalls besprochenen Austrian Audio OC-S10 für die Aufnahme einer längere Komposition für mehrere Gitarren einsetzen. Denn gute Mikrofone inspirieren. Ein sehr gutes Mikrofon ist das supergünstige Boutique-Mikrofon aus Baden-Württemberg definitiv.

Fazit

Es ist kaum zu glauben: Das von Hand in Deutschland gefertigte Weissklang L1+ ist ein sehr gut klingendes, vielseitig einsetzbares Großmembran-Kondensatormikrofon, das seinen vergleichsweise geringen Anschaffungspreis mindestens doppelt aufwiegt und von uns eine ganz dicke Empfehlung bekommt.

HerstellerWeissklang
Vertriebwww.weissklang.com 
TypGroßmembran-­Kondensatormikrofon
Gewicht414 g
FarbeSchwarz/Champagner
Abmessungen148 x 56 mm (L x B)
Preis [UVP]399 Euro
Kapseltyp1 Zoll Doppel­membran-Kapsel
RichtcharakteristikKugel, Niere, Acht
Frequenzbereich20 Hz – 20 kHz
Grenzschalldruckpegel (max. SPL in dB) 140 dB
Empfindlichkeit23 mV/Pa (Niere)/18 mV/Pa ­(Kugel)/20 mV/Pa (Acht)
Eigenrauschen4 dB-A (Niere)/6 dB-A (Kugel)/5 dB-A (Acht)
SpeisespannungP48
AnschlussXLR
LieferumfangHolzetui, Mikrofonspinne, USB-Stick mit Unterlagen
Besonderheitenentwickelt und handgefertigt in Deutschland, umweltbewusst hergestellt, verlängerte Garantie von drei ­Jahren (lebenslanger Schutz als KlangShield optional)
KategorieOberklasse
Ausstattungsehr gut
Bedienungsehr gut
Verarbeitungsehr gut
Klangsehr gut – überragend
Gesamtnotesehr gut – überragend