
Der neueste Kompressor von Rupert Neve Designs will vor allem ein Werkzeug für die kreative Klangformung sein – und ist folgerichtig eine Spezialitäten-Wundertüte voller Einstelloptionen.
Text und Fotos von Harald Wittig
Das Tolle an Rupert Neve Designs ist die Rastlosigkeit seines Entwickler-Teams: Die RND-Macher könnten sich ganz entspannt in die Legenden-Hängematte legen und auf dem verdient erworbenen Lorbeer ausruhen – und die Tonschaffenden mit Rekonstruktionen oder Varianten alter Schöpfungen von „Mister“ Rupert Neve beglücken. Als Geschäftsmodell würde das zweifelsohne – die Schaumkrone der Retrowelle ist noch lange nicht eingefallen – erfolgreich sein. Doch RND hat sich stattdessen der Entwicklung und Fertigung von Outboard-Geräten verschrieben, die diesen gewissen Mehrklangwert für die zeitgenössische Produktion haben. Dabei geht es nicht um besser oder schlechter, sondern um das bewusste „Anders“. Wohlgemerkt in bester Umsetzung, auf Basis der eigenen Expertise.
Im neuesten Gerät der US-Amerikaner, dem OptoFET, ist die RND-Philosophie bestens in die Form eines 19 Zoll-Geräts gegossen worden: Wir haben es nüchtern betrachtet mit einem zweistufigen Mono-Kompressor zu tun, der über zwei Kompressor-Schaltungen – einem FET- sowie einem optischen Kompressor -, verfügt, die sich auf vielfältige Weise gemeinsam oder separat zur Signalbearbeitung einsetzen lassen. Hinzu kommen sehr spezielle Sonderfunktionen, die allen Tonschaffenden viele Optionen zur kreativen Klangformung bieten wollen. Dazu gleich viel, viel mehr. Als „Made in USA“-Gerät ist der OptoFET selbstverständlich kein Billigheimer: Knapp 2170 Euro kostet der Kompressor. Ob der OptoFET dieses Geld wert, Preis und Leistung womöglich sogar im guten Verhältnis stehen, werden wir jetzt klären.
Lange Entwicklungszeit


Der OptoFET ist ein rein analoger Kompressor, der eine neu entwickelte FET-mit einer optimierten optischen Kompressionsschaltung in einem Gerät vereint. Gleichzeitig bezeichnet ihn RND, genauer eine seiner Besonderheiten, ausdrücklich als „WAVE-Shaper“: Der OptoFET soll die trockenen Signale also anreichern, vielleicht optimieren oder – anders ausgedrückt – einen bestimmten klanglichen Daumenabdruck aufprägen. Das ist typisch für die Produkte von Rupert Neve Designs und wird auch allerseits erwartet. Dann justieren wir doch mal unseren Scharfblick und sehen uns den OptoFET aus nächster Nähe an:
Links auf der Frontplatte im bekannten RND-Look finden sich die Bedienelemente des FET-Kompressors. Der ist eine Neuentwicklung und tatsächlich die erste FET-Schaltung eigener Entwicklung – nachdem das RND-Ingenieursteam jahrelang mit FET-Kompressor-Designs experimentiert hatte. Wir begegnen gleichwohl alten Bekannten wie superschnellen Attack-Zeiten von 100 Mikro- bis 50 Millisekunden und die beiden Kompressions-Verhältnisse/Ratios von 4:1 und 8:1. Ob das wirklich eine Reminiszenz an den FET-Kompressor schlechthin, den Urei 1176 ist, lassen wir mal dahinstehen. Dass wir alle beherzt zupackende Kompressoren als Hardware-Gerät oder Software-Klon mögen und gerne einsetzen, ist aber so klar Schott-Glas.
Hinzu kommen die RND-Spezialitäten: Ein Sidechain-Hochpass-Filter dient dazu, Frequenzen unter 125 Hertz von der Kompression auszunehmen. Der „Blend“-Regler macht das feinfühlige Mischen von trockenem, also unkomprimiertem Signal mit dem komprimierten möglich. Dabei bedeutet Linksanschlag 0 % oder „dry“, während hart rechts gestellt 100 %/“wet“ vollgemacht sind. Wie alle Bedienelemente zur variablen Steuerung des OptoFET handelt es sich auch beim „Blend“-Regler um ein hochwertiges Potentiometer mit 31-stufiger Rastung. Das gilt also auch für die Regler für Attack, Release im Bereich von 50 Millisekunden bis 1,5 Sekunden, dem -15 bis +20 dBu Threshold-Regler sowie dem +20 dB Make up-Gain-Regler.
Hinter dem mit „GRIT“ beschrifteten Schalter verbirgt sich eine für den FET-Kompressor des OptoFET entwickelte Schaltung, die dem Signal im oberen Frequenzbereich harmonische Oberwellen hinzufügt. Dabei sollte „Grit“ als „Crunch“ gelesen und verstanden werden: Es geht konkret darum, dass Eingangssignal zu verzerren und damit zu formen. Deswegen nennt RND die GRIT-Funktion auch „WAVE Shaper“. Wie sich GRIT in der Praxis verhält ermitteln wir im Rahmen des Praxistests.
Oberwellen-Anreicherung optional


Der Opto-Kompressor ist ähnlich ausgestattet und verfügt über die gleichen Potentiometer für die Attack-, Release-, Threshold-, Make-up-Gain- und Blend-Regler. Als optischer Kompressor sind die Reaktionszeiten deutlich langsamer und im Bereich von fünf bis 50 Millisekunden auswählbar. Bei den Release-Zeiten ist der Opto- mit dem FET-Kompressor gleichauf, während als Ratios 2:1 und 5:1 zur Verfügung stehen. Auch das 125 Hertz Side Chain-/Hochpassfilter ist vorhanden, sodass der Anwender sich nach kurzer Einarbeitungszeit zurecht finden und sicher auf vertrautem Terrain bewegen wird. Ein Wort zum Hintergrund des Opto-Kompressors: Der wurde ebenfalls neu entwickelt, wobei die Entwickler auf die Erfahrungen mit früheren eigenen Opto-Kompressoren zurückgreifen konnten. Allerdings wurde diese Schaltung weiterentwickelt, um den FET-Kompressor des Geräts zu ergänzen. Der wurde nämlich gezielt für den Zugriff auf hohe Frequenzen ausgerichtet. Der Opto-Kompressor soll hingegen den unteren Frequenzen wohltun. Folgerichtig verfügt er über seine eigene WAVE Shaper-Schaltung. Die nennt sich „BLOOM“ und fügt den tieferen Frequenzen Harmonische hinzu, um den Klang ohrenschmeichelnd aufzuwärmen.

Gemeinsam ist „GRIT“ und „BLOOM“, dass diese Schaltungen auch bei deaktivierten Kompressoren nutzbar und via „BLEND“ dem Eingangssignal beimischbar sind. Obschon auch die „BLOOM“-Schaltung letztlich den Klang formt, sieht RND hierfür eher eine Equalizer-Verwandtschaft: Das trockene Signal lasse sich damit aufhübschen. Im Unterschied zur bekannten Silk-Schaltung anderer Neve-Geräte, fällt der Effekt – soviel sei schon mal verraten – wesentlich herzhafter und hörbarer aus.
Kombinationsoptionen satt
Die beiden Kompressoren lassen sich auf verschiedene Arten nutzen. Insoweit hat der OptoFET einiges zu bieten:
Zunächst lassen sich beide Kompressoren solo benutzen. Dementsprechend finden sich instruktiv mit „FET IN“ beziehungsweise „OPTO IN“ beschriftete und grün hinterleuchtete Schalter in den beiden Kompressor-Sektionen. Die einfachste Duo-Betriebsart ist der Zweistufen-/Dual Stage-Modus. Beide Kompressoren sind dann hintereinander geschaltet. Mit dem in der Front-Mitte zu findenden „FLIP“-Schalter lässt sich die Reihenfolge mit einem Fingerdruck umkehren. Über den ebenfalls mittig gelegenen Schalter „X-Over-In“ wird der „Zwei Band-/Dual Band-Modus aktiviert. Der hat es in sich, kann der Benutzer doch selbst festlegen, ab welcher Frequenz der FET-Kompressor arbeitet und wann der Opto-Kompressor übernimmt. Anders ausgedrückt: Die Kompressoren werden entweder dem niedrigen oder dem hohen Frequenzband zugewiesen. Damit lassen sich beide Bänder gleichzeitig unabhängig voneinander bearbeiten. Die Frequenzweiche lässt sich via Drehregler im Bereich von 50 bis 500 Hertz frei setzen, woraus sich mannigfaltige Klangformungsoptionen ergeben. Auch im Zwei Band-Modus funktioniert der Tausch über den FLIP-Schalter: Dann würde der FET auf den Bassbereich, der OPTO auf die die höheren Frequenzen einwirken – oder, logisch, umgekehrt.
Je nachdem, welche Sonderfunktionen aktiv sind – also Side Chain-Hochpass, GRIT oder BLOOM – ergeben sich zusätzliche, kaum überschaubare Klangresultate: Ist beispielsweise der HPF im FET aktiv und sein Make-up-Gain-Regler weit aufgedreht, reagiert der OPTO auf andere, spezielle Weise. Woraus Ihr ersehen könnt, dass dieser Kompressor als Feinbesteck für grob- und feinchirurgische Operationen am offen Klang gedacht ist. Wer lediglich die Dynamikverhältnisse regulieren möchte, findet bessere und sicher auch günstigere Hard- und vor allem Software-Lösungen.
Feines Stück Edeltechnik

Beide Kompressoren verfügen über gut lesbare, feinstufige LED-Anzeigen, alle übrigen Schalter sind bei Aktivierung farbig hinterleuchtet, sodass auch die Disco-Fans was geboten bekommen. Eingangs- und ausgangsseitig finden sich sehr praktische Pegelsteller, dem Ausgangsregler ist zudem eine LED-Anzeigenkette beigeordnet. Ein True Bypass-Schalter fehlt – wie es sich gehört – auch nicht. Aufgepasst: Waren beide Kompressoren fleißig am arbeiten, kann es mit der Aktivierung des Bypass ganz schön laut werden. Gedenkt also Eurer Monitore, Kopfhörer und Trommelfelle.
Soweit unsere Überblick zu Ausstattung und Funktionen des OptoFET. Bevor wir in die Klangwelten des Kompressors abtauchen, wollen wir uns mit seinen Bauteilen und der Verarbeitung befassen. Die Verarbeitung entspricht dem hohen RND-Standard, ist also sehr gut. Die Regler und Schalter bieten angenehmes Anfassgefühl und hinreichend viel Komfort für sorgfältige Einstellarbeiten. Im Inneren des Geräts sehen wir einen sehr ordentlichen Aufbau und vorbildliches Platinenlayout, RND-Schmankerln wie Custom-Übertrager dürfen selbstverständlich nicht fehlen. Das macht viel Lust aufs Austesten der Klangmöglichkeiten des OptoFET, auf dass wir nunmehr zur Praxis abgegeben.

Wir bearbeiten mit dem OptoFET verschiedene Aufnahmen, wobei eine Konzertgitarrenaufnahme, die mit dem Allen & Heath CQ-18T und zwei Audio Technica AT4081, als solche aktive Bändchenmikrofone, in Blumlein-Konfiguration, entstanden ist, als Material dient. Außerdem soll der Kompressor zeigen, was er aus einer E Bass-Linie im Fusion-Stil macht, die wir ohne weiteres Gerät direkt über das UA Apollo X8 einspielten. Die Aufnahmen selbst liegen jeweils in 24Bit/96kHz beziehungsweise 24Bit/48kHz Auflösung vor.
Die Gitarrenaufnahme, ein sehr dynamisches Stück mit Brazil-Touch, bearbeiten wir zunächst mit dem Opto alleine. Der geht, wie es für einen Kompressor dieser Machart typisch ist, vergleichsweise subtil, gewissermaßen musikalisch-dienend an das Material. Mit der Ratio 2:1 und Attack zwischen 9.00 und 10:00 Uhr, während Release auf 14:00 fest gesetzt ist und bleibt, agiert er ausgesprochen zurückhaltend, zügelt lediglich die besonders impulshaften, lauten Passagen. Gleichwohl überzieht der Kompressor – bei deaktiviertem BLOOM wohlgemerkt – die Aufnahme mit einem warm schimmernden Lack, der zwar nicht allzu ohrenfällig, aber doch da ist. Denn beim Umschalten auf den unbearbeiteten Vergleichs-Track sind wir uns einig: „Da fehlt was.“ Mit 5:1-Ratio macht der Opto mehr, was tatsächlich dem Bassklang – die Bässe bekommen mehr Contour und Fokus – sowie der Räumlichkeit dienlich ist. Ist dann noch BLOOM aktiv und wenigstens zu 50 % beigemischt, werden Bässe und Tiefmitten hörbar angewärmt, der Klang wird analoger, im besten Sinne älter.
Der FET packt wesentlich selbstbewusster zu und verändert den Klang sehr deutlich – bereits bei moderaten Einstellungen. Das ist kein Sound für puristische Akustik-Gitarristen, aber mit seiner speziellen Kernigkeit von eigenem Reiz. Mit steiler 8:1-Ratio klingt‘s dann nicht mal allzu gestaucht, dafür eigenwillig metallisch, die Anschlag- und Greifgeräusche treten hervor, während die Wärme etwas fehlt. Die können wir aber zurückgewinnen, sobald der Opto mitmischen darf. Am ausgefeiltesten selbstverständlich im Dual Mode mit aktivem X-Over-in. Wir wählen den FET für die unteren Frequenzen um den Bässen mehr Punch zu geben, während der Opto Hochmitten und Höhen sanft anpackt, dabei klingt es sowohl mit als auch ohne BLOOM sehr angenehm.
Die GRIT-Funktion des FET hält wenig von Subtilität: Je nach Material kann es schon bei 50 %-Stellung des Blend-Reglers – dann wird der Kompressor härter angefahren – deutlich vernehmbar zerren. Dennoch wagen wir die Bearbeitung eines elektroakustischen Gitarren-Duos im Dual Mode mit aktivem GRITT und BLOOM – und bekommen eine Aufnahme, welche die Ovation Custom Legend Sologitarre sehr schön nach vorne bringt, aber auch die Begleitung, gespielt auf einer Godin Multiac Nylonstring, angemessen berücksichtig. Bei solchem Material haben wir direkt auch einen Wunsch: Zwei OptoFET für die Stereobereitung.
Die Bass-Linie mag beide Kompressoren, wenngleich wir, zumindest im Single-Betrieb den FET alleine präferieren. Den verwenden wir nämlich in „1176“-ähnlicher Einstellung mit Attack auf 10:00 und Release auf 14:00 Uhr mit der Ratio 4:1. Die Linie bekommt damit eindeutig mehr Definition bei den tiefen Tönen, aber auch die Flageoletts tönen klarer. Mit zugeschaltetem GRIT „cruncht“ der Bass schön schmutzig.
Der Opto passt zum Bass am „Bässten“, wenn BLOOM aktiv ist. Eigentlich macht der optische Kompressor wenig, aber es ist dieser spezielle Lack, diese RND-Firniß, die gut ins Ohr geht und kaum jemanden unberührt lassen dürfte. Das heißt nicht, dass jeder Hörer direkt „schockverliebt“ sein wird. Wir jedenfalls haben unseren Spaß und finden dann auch unsere Lieblingseinstellung für den Bass: Der OptoFET arbeitet dafür im Dual Modus, die Übergangsfrequenz liegt bei 150 Hertz, der FET-Blend-Regler steht bei aktivem GRIT auf etwa 30, der des Opto bei aktiviertem BLOOM auf 60 Prozent. Ganz klar: Das leisten einfache Monokompressoren nicht – und dabei gäbe es noch so viel mehr Klangformungs-Möglichkeiten. Aber irgendwann müssen auch wir mal zum Ende kommen und das Licht löschen.

Fazit
Der OptoFET ist eine Klangformungsmaschine par excellence, nicht einfach ein Dynamikprozessor. Er vereint klassische Vintageklänge mit exklusiven Werkzeugen, sodass der Edel-Kompressor einen sehr hohen Mehrklangwert hat.
OptoFET
| Hersteller | Rupert Neve Designs |
| Vertrieb | www.megaaudio.de |
| Typ | Zweistufiger Kompressor mit FET- und Opto-Kompressorschaltung |
| Gewicht | 3,6 Kg |
| Farbe | Grau |
| Abmessungen | 483 x 21 x 455 mm (B x H x T) |
| Preis [UVP] | 2.165,- Euro |
Technische Daten
| Ein- und Ausgänge | je 1 x symmetrisch XLR |
| Globale Regler | |
| Bedienelemente FET | |
| Bedienelemente Opto | |
| Betriebsarten | |
| Anzeige | LED-Ketten und Status-LEDs |
| True Bypass | ja |
| Lieferumfang | Netzteil |
| Besonderheiten | Zwei verschiedene Kompressorstufen eigener Entwicklung mit optionaler GRIT-Funktion (FET) und BOOM-Funktion (Opto) zur Signalanreicherung mit harmonsischen Oberwellen, Custom Made Übertrager, „Made and Assembled in the USA“ |
Bewertung
| Kategorie | Spitzenklasse |
| Ausstattung | sehr gut – überragend |
| Bedienung | sehr gut |
| Verarbeitung | sehr gut |
| Klang | sehr gut |
| Gesamtnote | sehr gut |

