
Bei der Produktion einer CD mit zeitgenössischer Musik sind Interpreten und Tonschaffende auf besondere Weise gefordert. Die Realisierung des Albums „Skies“ mit Werken von Walter Zimmermann stellte eine Herausforderung dar, die alle Beteiligten hervorragend meisterten.
von Von Andrew Levine(Fotos Andrew Levinund Walter Zimmermann)
Zeitgenössische Musik optimal einzuspielen und aufzunehmen ist eine besondere Herausforderung für die Musiker und den Tonmeister. Ich als Tonschaffender nehme sie gerne an. Gerade auch, wenn es darum geht, ein komplettes Album mit Werken eines lebenden Tonsetzers zu produzieren. Wie die Produktion von „Skies“, die sich dem Werk für Viola alleine des Komponisten Walter Zimmermann widmet. Die Geschichte dieser Album-Produktion möchte ich heute mit Euch teilen und beginne mit meinen ersten Erlebnissen mit dem Werk des Komponisten:
Meine erste Begegnung mit dem Oeuvre des Komponisten Walter Zimmermann, geboren 1949 in Schwabach, Franken, war 2022, als ich den Auftrag bekam, eine Produktion der „Fränkischen Tänze“ von 1977 mit dem Sonar Quartett zu realisieren. Es war ein spannendes Werk, das auf ungewöhnlich gestimmten Streichinstrumenten und Flageoletts basiert. Gar nicht so einfach, anstelle von der üblichen Partitur eine Scordatura zu lesen:
„Es steht ein Gesamtrepertoire von 64 natürlichen Flageoletts zur Verfügung, die durch eine geänderte Skordatur ermöglicht werden, um Originalmelodien zu reproduzieren.“
Die Ton- und Videoaufnahmen fanden im Rahmen der Ausstellung „Rohe Milch“ von André Butzer in den Räumen der Galerie Max Hetzler in Berlin-Schöneberg statt, deren Betreiber durch meine langjährige Kooperation mit dem Schlagzeuger Sven-Åke Johansson auf mich aufmerksam geworden war.

2024 wurde ich wieder von der Galerie engagiert. Dieses Mal ging es um zwei Konzerte mit dem dreiköpfigen Ensemble Adapter und der Schlagzeugerin Robyn Schulkowsky im Rahmen der Ausstellung „Beginner’s Mind“ zum 75. Geburtstag von Walter Zimmermann. Die Location waren die Räumlichkeiten von Max Hetzler in Berlin-Charlottenburg. Wie kam es zu der Verflechtung des Komponisten mit dieser Galerie?
«Parallel zur Kölner Zeit der Galerie ab 1983 lebte auch Walter Zimmermann in derselben Stadt. Hier wirkte er nicht allein als Komponist, sondern zugleich durch sein »Beginner Studio«, in dem er zwischen 1977 und 1984 zahlreiche Konzerte und Performances, unter anderem mit Rüdiger Carl, Sven-Åke Johansson, Morton Feldman und Pauline Oliveros organisierte.»
Bei dieser Aufnahme von kammermusikalischen Werken aus den frühen 1980er Jahren hatte ich es mit allerhand, teils sehr ungewöhnlichem Schlagwerk, Harfe und Toy Piano zu tun. Außerdem sangen die Musiker gelegentlich. Dieser absichtlich unprofessionelle Gesang ist ein Element, das in den Kompositionen von Walter Zimmermann, der seit den 1970erJahren konkretes Material wie Sprache, Volksmusik, Literatur und Kunst zu komplexen Klanglandschaften verwebt, immer wieder vorkommt.
Walter hatte mich und meine Arbeit bei diesen beiden Aufnahmeprojekten sowie der anschließend Nachbearbeitung kennengelernt und wohl Gefallen an meiner Vorgehensweise gefunden. Jedenfalls fragte er mich, ob ich Lust und Zeit hätte, ein CD/Album-Projekt mit seinen Werken für Bratsche solo aufzunehmen. Als Solistin hatte er die Berliner Bratscherin und Viola-Professorin Julia Rebecca Brembecker Adler, der alle Stücke auf dieser Kompilation gewidmet sind, gewinnen können. Optimale Voraussetzungen also. Wie hätte ich da „Nein“ sagen können?
Die richtige Zeit, der richtige Ort
Es verging nach meiner Zusage einige Zeit mit der Suche nach einem passenden Raum, bis wir uns dann im September 2025 für die Andreaskirche in Berlin-Wannsee entschieden. Dieser stadtauswärts gelegene Raum verfügt über eine nicht allzu hallige, keine Details verschleiernde Akustik, was ihn für Tonaufnahmen prädestiniert.
Ich hatte dort sogar schon einmal gearbeitet: Am 25. Oktober 2013 mit einem russischsprachigen Knabenchor aus der Ukraine. Damals produzierte ich mit einem Blumlein-Setup, zentralem Großmembran-Mikrofon in 8-er Charakteristik sowie zwei DPA 6060er Lavaliers als Grenzflächen-Raummikrofonen sowohl eine Stereo- als auch eine 5.1 Surround-Aufnahme.
Doch zurück zur Produktion von „Skies“. Das Repertoire für das Album entstand über einen Zeitraum von 23 Jahren, von „Die Sorge geht über den Fluss I“ aus dem Jahr 1993 über „Quattro Coronati“ (1999), „Die Sorge geht über den Fluss II (2000), „Taula“ (2003) und „Sha ma yim“ aus dem Jahr 2016. Alle Werke haben aber die spezielle Klangsprache von Walter gemeinsam, mit einer dynamischen Bandbreite von fast unhörbar – und wie Julia gelegentlich monierte – fast, oder zumindest nur sehr schwierig spielbar bis zum Mezzoforte, mit Flageoletts, Mehrklängen und sogenannten „Extended Techniques“.
Mikrofonierung für komplexes Klanggeschehen

Ich hatte wie üblich ausführlich über die Mikrofonierung nachgedacht und mich letztendlich für diese Kombination entschieden:
Als Hauptmikrofon für die Session kam ein AEA R88 mk2 Stereo-Bändchen in Mitte-Seite-Konfiguration zum Einsatz. Julia Rebekka Adler saß zentral im Mittelschiff und das Hauptmikrofon war oberhalb der Notenständer so nach unten geneigt platziert, dass das „Mitte-Mikrofon“ auf den Korpus der Bratsche und die Null-Achse beider koinzidenten Elemente in Richtung der reflektierenden Notenblätter zeigte. Julia benötigte drei Notenständer, um alle leporelloartig gefalteten Noten, auch die der umfangreicheren Stücke vor sich platzieren und ohne Umblättern vom Anfang bis zum Ende spielen zu können. Selbstverständlich wurde manches Werk in Etappen eingespielt, aber es braucht bei diesem Repertoire immer auch zumindest einen integralen Durchlauf für ein organisches Timing.

Bei circa einem Meter Abstand zum Instrument sorgte der ausgeprägte Nahbesprechungseffekt der bidirektionalen Elemente für die gewünschte klangliche Fülle, während gleichzeitig die extrem geringe Massenträgheit der nur 1,8 μm dünnen, fast sechs Zentimeter langen korrugierten Aluminiumbändchen die Transienten vorzüglich einfing. Es klang so, wie ich es mir vorgestellt hatte und nicht nur Julia war beim Gegenhören nach einem ersten Probe-Take zufrieden. Auch Walter selbst war zugegen und mit dem eingefangenen Klang sehr einverstanden. Das machte diese Produktion noch einmal einfacher und entspannter. Grundsätzlich bin ich immer froh, wenn bei der Einspielung zeitgenössischer Musik der Komponist anwesend ist. Denn der Input des Tonsetzers soweit es um seine Klangvorstellungen und die Erfassung seiner Klangsprache geht, ist nicht nur für den/die Interpreten, sondern auch für meine Arbeit wichtig.
Reaktion aufs Abstrahlverhalten
Zur Vorbereitung hatte ich wie immer bei kammermusikalischen Aufnahme-Projekten das Standardwerk „Akustik und musikalische Aufführungspraxis“ von Jürgen Meyer konsultiert. Da die Abstrahlcharakteristik der Bratsche frequenzabhängig nicht nur nach vorne, oben und unten, sondern auch zu den Seiten hin wirkt, stellte ich links und rechts im Abstand von jeweils etwa zwei Metern zwei LOM basicUcho Mikrofone mit omnidirektionaler Charakteristik auf. Mit dem Mikrofonpaar konnte ich die Akustik des Instruments im Altarraum zufriedenstellend abbilden – unabhängig von der im Verlauf jeden Stücks sich ändernden Position von Julias Oberkörper und damit auch der Ausrichtung der Bratsche.
Wie bereits erwähnt, waren die längeren, allesamt sehr komplexen Stücke auf mehreren großformatigen Blättern ausgedruckt und auf drei Notenständern aufgestellt, vor denen Julia saß. Beim Lesen von links nach rechts bewegen sich der Kopf und Körper unweigerlich, die nahe M/S-Mikrofonierung bildet selbst kleine Änderungen der räumlichen Konstellation deutlich hörbar ab. Diese Dynamik ist von mir allerdings gewollt, gleichwohl liegt es mir selbstverständlich fern, von der Musik ablenken zu wollen. In der Mischung besteht die Möglichkeit, das Klangbild durch Ergänzung des Signale der links und rechts platzierten Mikrofone bei Bedarf zu stabilisieren.
Um die Gesamtheit des Kirchenschiffes abzubilden, kamen noch zwei LOM Kugelmikrofone links und rechts oben auf der Orgelempore, jeweils ungefähr einen Meter von der Kirchenwand entfernt, zum Einsatz. Die Akustik der Andreaskirche ist auch im leeren Zustand eher trocken, da hilft es, ganz ohne die Notwendigkeit zur Nutzung von künstlichem Nachhall dem Raumklang etwas mehr Gewicht zu geben.
Die sechs Signale liefen in zwei Mikrofonverstärker und Analog-Digital-Wandler von Metric Halo, einer ULN-2 für die beiden Gain-hungrigen Bändchen und einer 2882 für die vier leistungsstarken Omnis und wurden mit der Reaper DAW mit 24 Bit und einer Abtastrate von 96 kHz aufgezeichnet.
Perfekte Planung und Aufnahmesitzung
Für die Aufnahme-Session hatte Walter mich ursprünglich für einen, dann zwei und letztendlich zweieinhalb Tage, Donnerstag, Freitag ab Nachmittag und Samstag, gebucht. Als wir dann am Donnerstag morgen starteten herrschte dementsprechend eine sehr entspannte Stimmung mit dem Bewusstsein, dass ausreichend Zeit für eine gründliche, stressarme Arbeit zur Verfügung stand.
Julia kannte das Repertoire natürlich seit Jahren, hatte sich aber auch für ein kurz zuvor gegebenes Hauskonzert noch einmal intensiv eingearbeitet. So hatten wir bis zum frühen Abend alles Material schon zur allgemeinen Zufriedenheit eingespielt. Wir gingen indisch essen und hatten eigentlich geplant, die Session am nächsten Nachmittag fortzusetzen. Aber nach der Rückkehr in die Kirche fühlte sich Julia so fit, dass sie und Walter gerne weiterarbeiten wollten. Dagegen kann ein Tonmeister rein gar nichts einwenden – immerhin haben die Künstler, in diesem Fall die Solistin, den Löwenanteil der Arbeit zu stemmen. So setzten wir die Session bis in die frühen Morgenstunden fort. Inklusive einer kurzen Video-Aufzeichnung, einem Gespräch zwischen Julia und Walter sowie einem Durchlauf durch „Die Sorge geht über den Fluss I“. Beides ist nachzuerleben unter:
Dann überraschte mich Walter sehr: Denn seiner Meinung nach hätten wir jetzt tatsächlich alles im Kasten. Großartig. Ich schlug vor, am Freitag Nachmittag in seiner Wohnung am Görlitzer Park vorbeizuschauen, damit wir das Material prüfen und mit einer Vormischung beginnen könnten. So hätten wir, falls aus irgendwelchen Gründen ein Re-Take erforderlich gewesen sein würde, einen optionalen Ausweich-Tag gehabt. Gewissermaßen ein Sicherheitsnetz, um allen Eventualitäten begegnen zu können.
Kreative Kollaboration
In der Kirche hatten wir den Klangeindruck, vor allem zu Anfang sporadisch mit Kopfhörern geprüft, aber ich hatte auch ein Pärchen Genelec 8010er als mobile Abhöre im Gepäck. Bei lediglich 1,5 Kilogramm pro Lautsprecher zuzüglich Kabel ist das schon mal machbar. Selbst bei meinem wie immer umweltfreundlichen Reisemodus mit Bahn und ÖPNV. So konnte ich mit meinem Laptop, einer ULN-2 und den kleinen Monitoren bei Walter vorbeischauen und eruieren, was für eine Balance er präferierte. Da ist natürlich immer ein erheblicher subjektiver Faktor im Spiel und wir probierten verschiedene Optionen durch, die sich in Nuancen unterschieden. Hätte ich alleine gearbeitet, wäre ich vermutlich schneller zufrieden gewesen. Dennoch war diese gemeinsame Arbeit sehr kreativ und damit fraglos eine erhebende Erfahrung. Jedenfalls waren wir beide nach ein paar Stunden sowohl mit dem Rohmaterial wie mit der Vorab-Mischung zufrieden. So hatte ich den Rest dieses und den Folgetag frei um Berlin zu genießen. Alle weitere Arbeit fand in meinem Mix- und Mastering-Studio in Hamburg statt.

Klangkunstwerk sui generis
Schon bei der Session hatten wir bemerkt, daß die Andreaskirche alles andere als schallisoliert ist. Zwar liegt sie in einem insgesamt sehr ruhigen Wohngebiet, aber es gibt immer mal wieder Geräusche von außen: Vereinzelt vorbeifahrende Autos oder Motorräder, rasenmähende Nachbarn, Menschen, die an der Kirchentür rütteln, ganz selten auch ein Flugzeug… Bei der Aufzeichnung weitgehend leisen Materials ist der Gain selbstverständlich verhältnismäßig hoch eingestellt, weswegen zwangsläufig einiges an Umgebungsgeräuschen mit eingefangen wird.

Nach meiner Montage, also dem Zusammenschnitt der einzelnen Takes, wurde bei der Mischung der Originalklang des Raums, bis auf eine geringe Anzahl minimal-invasiver chirurgischer Korrekturen von Störgeräuschen mit iZotope RX, nicht bereinigt. Es fand also kein globales De-Noising statt. Demzufolge ist bei den Tracks das Hintergrundrauschen mehr oder weniger präsent und ich blende zwischen den Stücken sanft von einer Atmosphäre in die andere.
Nach der Planung und erfolgreichen Realisierung der Aufzeichnung sowie der Montage der optimal ausgewählten Segmente konzentrierte sich der Großteil meiner Arbeit in dieser Phase auf die Mischung der drei Klangperspektiven. Ich hatte, wie bereits erwähnt, zusammen mit Walter in Berlin hierfür den Grundstock bereits gelegt.
Beim vergleichsweise minimalistischen Mastering ging es mir am Ende darum, die Bandbreite der Dynamik weitestgehend zu erhalten und lediglich den Sound ein wenig zu „polieren“. Für Sampleratenkonvertierung und Dithering kamen die transparenten Algorithmen von iZotope zum Einsatz.
Selbstverständlich können und sollen die Hörer selbst entscheiden, ob ihnen diese Produktion zusagt. Ich hoffe aber, dass alle Zuhörer die Direktheit der vielschichtigen Interpretation von Julia genießen werden. Denn ihre kongeniale Darbietung, wie der Komponist selbst und ich finden, die komplexe Musik Walter Zimmermanns auf einfach anmutende, aber einzigartige Weise zu Ohren.

