
Richtrohrmikrofone sind spezialisierte Schallwandler, die vor allem am Filmset oder bei Live-Übertragungen zum Standardgepäck der Tonmenschen gehören. Ein penibel abgeglichenes Stereopaar wie das sE6160 matched pair gehört indes nicht zum Standard.
von Harald Wittig (Text und Fotos)
Der chinesische Mikrofonspezialist sE Electronics ist doch immer wieder für Überraschungen gut. Was der umtriebige Hersteller in den vergangenen Jahren der Pro Audio-Welt bescherte, kann sich sehen und hören lassen. Wir sind schon länger überzeugt von der Qualität der Schallwandler aus dem Reich der Mitte. Das USB-Mikrofon Neom beispielsweise ist unser erklärter Liebling für Videokonferenzen, Interviews, den Online-Musikunterricht oder die Erstellung kurzer Videoclips. Jedenfalls haben uns – und viele zufriedene Anwender – die Mikrofone von sE Electronics noch nie enttäuscht. Das Unternehmen ist zu Recht stolz auf seine Expertise im Mikrofonbau und die eigene innovative Kraft. Die zeigt sich auch bei unseren heutigen Testkandidaten dem Stereopaar sE6160, das aus zwei aufeinander abgestimmten – „gematchten“ – Richtrohrmikrofone des Namens sE6160 nebst Zubehör besteht. Preislich schlägt das Stereo-Set mit knapp 1100 Euro zu Buche. Wer kein Pärchen braucht, kann auch ein einzelnes sE6160 erstehen. Dafür sind etwa 550 Euro fällig. Die Mikrofone rangieren also bereits im preislichen Mittelfeld, wo sich einige, vor allem auch namhafte Mitbewerber tummeln. Aber sE Electronics tritt sehr selbstsicher auf und verspricht allen potentiellen Anwendern eine „außergewöhnliche Klangqualität“. Das wollen Ihr und wir aber schon genau wissen und haben kurzerhand ein sE6160-Stereoset zum Test geladen.
Auf Kundenwünsche reagiert
Bevor wir uns mit den technischen Details befassen, fragen wir beim „Global Product Line Manger“ Thomas Stubics nach, welches Konzept der sE6160-Entwicklung zu Grunde liegt:
„Viele unserer Kunden sind professionelle Toningenieure, die als Monitoring-Engineers arbeiten. Der überwiegende Anteil der Künstler setzt auf In-Ear-Monitoring für den perfekten Klang auf der Bühne. Für ihre In-Ear-Hörer geben sie viel Geld aus, entsprechend hochwertig ist der Sound. Hinzu kommt eine exzellente Klangisolation – die allerdings auch ein Trennung von ihrem Publikum bewirkt. Um dem zu begegnen, wird üblicherweise dem Monitoring-Sound noch zugemischt, was Ambience-Mikrofone einfangen. Da diese Mikrofone in der Nähe der PA, ins Publikum gerichtet stehen, kommen übliche Nierenmikrofone kaum in Frage. Richtrohre sind grundsätzlich eine gute Wahl, allerdings waren unsere Kunden mit dem Marktangebot nicht vollständig zufrieden. Deswegen haben wir das sE6160 entwickelt: Es soll nicht färben, den Schalldruck in PA-Nähe mühelos verarbeiten können, sehr robust, also ‚straßentauglich‘ sein und sich auf den In-Ears der Künstler ‚natürlich anfühlen‘.“

Weiter sollten alle sE6160 wenig feuchtigkeitsempfindlich sein und innerhalb der Serie – also nicht nur bei ausdrücklich gematchten sE6160-Set – eine möglichst geringe Streuung aufweisen. Dem Kunden-Wunsch entsprechend sollte das sE 6160 wenigstens so gut wie das allgemein anerkannte, fest etablierte Sennheiser MKH416 sein. Das ist eine Ansage – wir werden sehen, was das sE6160-Paar drauf hat. Wir dürfen auch nicht vergessen zu betonen, dass sE Electronics die Ersten waren, die ein gematchtes Richtrohrmikrofon-Paar angeboten haben.
Sehr spezieller Mikrofontyp
Selbstverständlich lässt sich das sE 6160 auch für die gängigen Anwendungen wie die Dialog-Aufzeichnung am Filmset oder für Reportagen verwenden. Denn die Mikrofone sind konstruktiv typische Vertreter der Schallwandlerkategorie „Richtrohrmikrofon“. Wie so oft ist die Bezeichnung leicht irreführend. Denn wir haben es bei diesem Typus mit einem Druckgradientenempfänger mit Supernieren- oder Hypernierencharakteristik zu tun, wobei die bereits hohe Richtwirkung der Kapsel durch ein vorne offenes und seitlich mit Schlitzen versehenes Rohr erhöht wird. Dieses Rohr ist das eigentliche Richtrohr und direkt vor der Gradientenempfängerkapsel angebracht und mit Gaze ausgekleidet. Aufgrund seiner Machart gelangen Schallanteile, die aus 0°-Einsprechrichtung auf das Richtrohrmikrofon einfallen, ungehindert zur Kapsel und werden ohne Bedämpfung aufgenommen. Seitlich eintreffender Schall erfährt indes im Richtrohr eine Änderung der Ausbreitungsrichtung. Das führt zu Überlagerungen von Schallwellenzonen mit unterschiedlicher Phase und teilweiser oder vollständiger Auslöschung. Da diese Auslöschung auf dem Interferenzprinzip beruht, findet sich für diesen Mikrofontyp auch die Bezeichnung Interferenzempfänger.
Das Richtrohr eines Interferenzempfängers mit gleichmäßig hoher Bedämpfung seitlich einfallenden Schalls müsste sehr lang, um die 20 Meter sein. Ein solches Mikrofon könnte der Tonmensch am Filmset kaum handhaben und derartig lange Tüten würden kaum vor der Live-Bühne aufbaubar sein – ein bisschen Platz zum sich Auszuleben braucht die Fanschar dann doch. Aber da gibt es einen altbewährten Konstruktionskniff: Die Richtwirkung wird frequenzabhängig gestaltet und ist besonders hoch bei Frequenzen oberhalb einem Kilohertz. Das erreichen die Hersteller mit Richtrohren von 20 bis 40 Zentimeter Länge. Unsere beiden Prüflinge sind beispielsweise insgesamt 25 Zentimeter lang, davon entfallen circa 20 auf das Richtrohr. So gebaut erzeugt ein sE6160 wie seine Mitbewerber zu den mittleren und hohen Frequenzen eine Keulencharakteristik – ideal um Schall aus weiter Entfernung einzufangen. Unterhalb 1000 Hertz nähert sich die Richtcharakteristik immer stärker der der Kapsel an, im Falle des sE 6160 eine Supernierenkapsel. Ihr erkennt also: Die Abstimmung von Kapsel und Länge sowie Machart des Richtrohrs entscheiden über die Wirkungsweise des Mikrofons. Am Ende ist die Kunst der sE Electronic-Ingenieure gefragt, um ein Richtrohrmikrofon zu schaffen, das den eigenen, vorhin beschriebenen Entwicklungszielen gerecht wird.

Neu entwickelte Kapsel
sE Electronics haben folgerichtig eine hochwertige Echtkondensatorkapsel für ihr sE6160 neu entwickelt. Ursprünglich, so Thomas Stupics, hätten die Entwickler geplant, insoweit wieder den Kundenwünschen folgend, auf Basis des bewährten Kleinmembran-Kondensatormikrofons sE 8 ihr Richtrohmikrofon, vielleicht sogar mit Wechselkapsel, zu konstruieren. Doch schon bald wurde klar, dass der Durchmesser und die Länge zu groß würden. Dadurch bedingt wäre ein solches Mikrofon auch viel zu schwer geworden:
„Wir nahmen die Herausforderung an, eine komplett neue Kapsel zu entwickeln.“ Dabei flossen die Erfahrungen in Entwicklung und Fertigung der erfolgreichen Modelle sE8 und RN17 mit ein. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass sE Electronics nicht nur seine eigenen Kapseln fertigt, sondern eben auch, wie im Falle des sE6160, ganz neue entwickelt. Die sE6160-Kaspel wird ganz konsequent von Hand gefertigt und verfügt unter anderem über eine goldbedampfte Membran. Die beiden Kapseln eines Stereo-Paares wie die unserer Test-Zwillinge sind selbstverständlich nochmals selektiert und penibel aufeinander abgeglichen.
Die Mikrofongehäuse sind aus Metalldruckguss, erweisen sich auch unter den Makroobjektiven als sehr sauber gefertigt und hinterlassen einen soliden Eindruck. Obschon mit einer Gesamtlänge von 25 Zentimetern das gängige Richtrohr-Gardemaß einhaltend, ist der Durchmesser des sE6160 mit unter 20 Millimetern vergleichsweise gering. Das gilt vor allem aber auch fürs Eigengewicht der Zwillinge. Mit gerade mal 110 Gramm sind die Mikrofone ausgesprochen leichte Vertreter ihrer Kategorie. Das macht ihre Handhabung, gerade auch im Vorort-/Live-Einsatz, selbstverständlich besonders angenehm.
Üppige Ausstattung
Ungewöhnlich üppig ist die elektronische Ausstattung des Mikrofons: So gibt es ein zweistufiges Hochpassfilter mit den Eckfrequenzen 80 und 160 Hertz und einer Steilheit von 6dB/Oktave. Eine solche Opulenz findet sich üblicherweise bei den Mitbewerben nicht. Bemerkenswert ist dabei, dass die zweite Stufe mit 160 Hertz recht hoch ansetzt. Laut Hersteller diene das Hochpassfilter auch nicht allein der Herausfilterung von Störgeräuschen wie Tritt- und Körperschall, sondern auch zur Dämpfung des Nahheitseffekts – wir haben es immerhin mit Druckgradientenempfängern zu tun – bei Nahmikrofonierung. Wie? Nahmikrofonierung? Mit einem – wie sie auch genannt werden – „Shotgun“-Mikrofon? Wo wir doch vor allem schlecht zugängliche Schallquellen aufs Korn nehmen wollen? Genau – und warum nicht. Zumal das sE6160-Paar, sollte es so ausgewogen und unverfälscht klingen wie herstellerseits verhießen, bei der Nahmikrofonierung von Instrumenten gut aufgestellt sein könnte. Wir werden hören. Zu gegebener Zeit.

Ein ebenfalls zweistufige Vordämpfung rundet die Elektronikausstattung ab. Die Vorabschwächung kann wahlweise 10 oder 20 dB betragen – sehr willkommen, sollen laute Signale oder Instrumente – beispielsweise die punktuelle Mikrofonierung einzelner Instrumente eines Orchesters oder beim Einsatz als Drum Overhead-Paar – aufgezeichnet werden und der Eingang des Preamps/Audiointerface nicht überfahren werden. Ohne Abschwächungsfilter kann das sE6160 Signale bis zu 136 dB verarbeiten – ein sehr guter Wert. Mit Abschwächer sind es hervorragende 146 beziehungsweise 157 dB. Das ist keineswegs alltäglich für Mikrofone dieses Typs, erhöht zweifelsohne die Einsatzmöglichkeiten und sorgt für einen gewissen Vorsprung vor der Konkurrenz.
Dabei übertrifft das sE6160 mit seiner sehr hohen Empfindlichkeit von 28mV/Pa die meisten Richtrohr-Platzhirsche. Mit denen in allerbester Gesellschaft ist es mit dem mit 12 dB(A) sehr guten – wir haben es nicht mit einem Großmembran-Mikrofon zu tun – Ersatzgeräuschpegel. Zusammen mit der hohen Empfindlichkeit ist das Mikrofon/das Mikrofon-Paar als ausgesprochen rauscharm zu bezeichnen. Saubere Aufnahmen leiser Signale in sehr beruhigter Umgebung sollten möglich sein.
Das Polardiagramm illustriert anschaulich die Frequenzabhängigkeit der Richtcharakteristik, während der Frequenzgang bis vier Kilohertz bemerkenswert linear verläuft. Ab vier Kilohertz kommt es zu einem steten Anstieg, der zwischen zehn und zwölf Kilohertz seinen Gipfelpunkt erreicht. Diese Höhenanhebung ist kein Zufall, sondern bewusst gewählt. Damit soll der Höhenverlust bei weitem Abstand zur Schallquelle kompensiert werden.

Bevor wir zur Aufnahmepraxis und der Klangbeschreibung kommen, sei noch das Gesamtpaket angemessen gewürdigt. Die sehr gut verarbeiteten Mikrofone werden im stabilen, mit Schaumstoff ausgekleideten Transportköfferchen geliefert. Darin finden sich das unverzichtbare Windschutzpaar – Richtrohrmikrofone sind bauartbedingt besonders windempfindlich – sowie zwei richtig gute Klemmen. In die werden die Mikrofone einfach eingeschoben und sicher gehalten. Dabei ist der Kunststoff bei aller Robustheit weich genug, um dem sicherlich auch abriebfesten Lack keine hässlichen Kratzer zuzufügen.
Um den Klang des sE6160-Paares in reinstmöglicher Form zu erleben, entscheiden wir uns zunächst für ein Aufnahmeszenario, das nicht direkt mit Richtrohrmikrofonen verbunden wird. Wir nehmen im Studio eine Akustikgitarre, genauer gesagt eine Ovation Custom Legend, Baujahr 1994, auf. Da wir es mit einem Stereo-Set zu tun haben, mikrofonieren wir die Gitarre im Klein AB-Verfahren. Die Aufnahme erfolgt mit unseren bewährten Referenzgeräten Lake People Mic-Amp F355, Mytek Digital 8×192 ADDA und Mutec MC3+USB unter Logic Pro in 32Bit/96kHz-Auflösung. Schon beim Abhören des Soundcheck-Takes müssen wir breit von Ohr zu Ohr grinsen, denn: Entgegen aller Erwartungen liefern diese beiden Mikrofone einen vorbildlich ausgewogenen, klaren Klang, der das Farbenspektrum des Instruments bestens einfängt. Gute Mikrofone inspirieren bekanntlich alle Beteiligten und tatsächlich ist das eigentlich Stück in einem einzigen Take im Kasten. Dabei sind wir beeindruckt vom hohen Auflösungsvermögen, dem sehr guten Impulsverhalten und der hohen Störgeräuschfreiheit beider Testmikrofone. Die Hochtonanhebung sorgt für eine Nuance mehr Glanz. Wir nehmen deswegen noch mehr Gitarre, diesmal auch im Overdubverfahren auf und haben einen Riesenspaß.
Aber das sE6160-Paar soll auch auf seinem angestammten Terrain zum Einsatz kommen. Wir wählen drei analoge Spiegelreflexkameras aus der Golden Ära, zwei Canon F-1 – alt und NEW F-1 – sowie eine Pentax Spotmatic F als Signalquelle aus. Die Kameras positionieren wir nacheinander in einem belebten Loft aufs Stativ – wir simulieren gewissermaßen einen Empfang -, richten die Mikrofone zu den Kameras aus und nehmen nacheinander die Auslösegeräusche der Fotoapparate inmitten des gedämpften Stimmengewirrs auf einen Tascam FR-AV2 mit 32Bit/96kHz auf. Beim Abhören ist klar: Diese beiden Mikrofone sind echte Scharfschützen, wenn es ums Einfangen von O-Tönen geht. Die Kamerageräusche sind wunderbar präsent und klar auf den Aufnahmen und lösen sich sehr schön aus den Umgebungsgeräuschen. So muss das sein, so macht das einmal mehr richtig Spaß, sodass wir hochzufrieden feststellen können: sE Electronics hat mit dem sE6160 fraglos ein professionelles Richtrohrmikrofon geschaffen, das alleine oder im perfekt gepaarten Stereo-Set voll überzeugt.

Fazit
Das sE electronics sE6160 ist ein sehr gut klingendes, perfekt gematchtes Richtrohrmikrofon-Stereopaar, dass fraglos professionellen Ansprüchen gerecht wird.
sE6160
| Hersteller | sE Electronics |
| Vertrieb | www.megaaudio.de |
| Typ | Richtrohrmikrofone (matched Pair) |
| Gewicht | 110 g (je Mikrofon) |
| Farbe | schwarz |
| Abmessungen | 250 x 19 mm (L x B) |
| Preis [UVP] | 1.099 Euro |
Technische Daten
| Kapseltyp | |
| Richtcharakteristik | Superniere/Keule |
| PAD | -10 dB, -20 dB, umschaltbar |
| Hochpassfilter | 80 Hz (6dB/Oktave), 160 Hz (6dB/Oktave) |
| Frequenzbereich | 20 Hz – 20 kHz |
| Grenzschalldruck- pegel (max. SPL in dB) | 136/146/156 |
| Empfindlichkeit | 28 mV/Pa |
| Eigenrauschen | 12 dB-A |
| Speisespannung | P48 |
| Anschluss | XLR |
| Lieferumfang | Transportkoffer, Mikrofonklemmen, Windschütze |
| Besonderheiten | speziell entwickelte, handgefertige Kapsel, umfangreich ausgestattet, ungewöhnlich leicht, robuste Machart, gematchtes Stereopaar |
Bewertung
| Kategorie | Oberklasse |
| Ausstattung | sehr gut – überragend |
| Bedienung | sehr gut |
| Verarbeitung | sehr gut |
| Klang | sehr gut |
| Gesamtnote | sehr gut |

