
Seit fünf Jahren macht die Wiener Mikrofon-Manufaktur Austrian Audio auch in Kopfhörern. Grund genug, den Hi-X65, der sich als professionelle Kontrollinstanz anbietet, einer ausführlichen Begutachtung zu unterziehen.
Text und Fotos von Harald Wittig
Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Austrian Audio gewissermaßen der legitime Nachfolger des großen österreichischen Audio-Herstellers AKG ist – immerhin wurde das Unternehmen 2017 von einem Kernteam ehemaliger AKG-Mitarbeiter gegründet. Die Mikrofone von Austrian Audio sind klasse, das zuletzt von uns in Ausgabe 1/2026 ausführlich besprochene Großmembranmikrofon OC-S10 ist sogar absolute Spitze. Seit fünf Jahren bietet Austrian Audio auch Kopfhörer an und inzwischen ist das Portfolio auf acht Modelle angewachsen. Darunter auch zwei hochpreisige Modelle für HiFi-Enthusiasten mit verheißungsvollen Namen wie „The Composer“ und „The Arranger“. Beide Hörer haben wir bereits für eine Besprechung in kommenden Ausgaben vorgemerkt. Heute wollen wir uns allerdings um einen Kopfhörer kümmern, der zu den frühen Kreationen der Wiener gehört: Der Hi-X65 ist als Profi-Kopfhörer konzipiert und soll Tonschaffenden als verlässliche Kontrollinstanz für Mischung und Mastering dienen. Der in Wien von Hand gebaute Kopfhörer ist für knapp 350 Euro zu haben und hat fürs Geld, wie wir sogleich sehen werden, jede Menge zu bieten.
Hi-Xcursion-Technologie macht den Unterschied
Der Hi-X65 ist ein dynamischer Kopfhörer in offener Bauweise, wobei sein schallwandelndes Herzstück, der 44-Millimeter-Treiber besondere Beachtung verdient. Denn der ist eine komplette Eigenentwicklung von Austrian Audio, die unter der Ägide von Bernhard Pinter zur Vollendung gebracht wurde. Wir wollen nicht vergessen, dass Herr Pinter bei AKG die Kopfhörer K701, K 702 und K 872 entwickelte. Der K 702 Studio gehört immerhin seit Jahren zu unseren Referenzkopfhörern unter den offenen Dynamikern. Doch wir wollen uns mit dem Hi-X65 und seiner Technik befassen . „Hi-X“ steht für „High Excursion“ und eine besonders präzise, schnelle und kontrollierte Wiedergabe über das gesamte Frequenzspektrum. Das erreicht der Hersteller mit einer besonders steifen – Austrian Audio spricht von einer „ultrasteifen“ – Membran, einer kupferummantelten, sehr leichten Aluminiumspule sowie einem hochentwickelten Ringmagnetsystem. Zusammen ergibt sich ein außergewöhnlich geringes Gewicht der bewegten Massen. Das resultiere in schnellen Bewegungen und präzisen Richtungswechseln zugunsten einer, so der Hersteller, verbesserten Wiedergabe von Transienten und Pegelspitzen. Bemerkenswert ist auch, dass die Magnetfeldstärke des Hi-X-Treibers um 20 Prozent höher ist als die gewöhnlicher dynamischer Systeme. Im Ergebnis geht Austrian Audio einen ähnlichen Weg wie Beyerdynamic mit seinen Tesla-Treibern. Beides mal soll damit eine erhöhte Empfindlichkeit sowie ein lineares Verhalten bei großem Hub gewährleistet sein. Insgesamt verspricht das ein hervorragendes Impulsverhalten, wovon unter anderem die Bass- und, wie bereits erwähnt, die Transienten-Wiedergabe profitieren sollen. Im Falle des Hi-X65 wurde der Treiber im Vergleich zu den geschlossenen Geschwistern Hi-X55 und Hi-X60 nur geringfügig modifiziert. Das spricht für die grundsätzliche Leistungsfähigkeit der Hi-Xcursion-Technologie.

Doch nicht nur mit inneren Werten kann der Hi-X65 kräftig Punkte sammeln. Er ist nämlich hervorragend verarbeitet und macht einen robusten, also langzeitstabilen Eindruck: Der Kopfbügel, die Aufhängung der Ohrmuscheln sowie deren Abdeckung sind aus grau eloxiertem Metall. Die Ohrmuscheln lassen sich geschmeidig drehen, da knirscht und knarzt nichts, die leicht zugänglichen Schrauben begünstigen etwaige Reparaturen – es kann eben schon mal sein, was eigentlich nicht sein darf. Das Kopfband ist hinreichend flexibel, die Anpassung an den Hörer-Schädel wird zweifach erleichtert: Zum Einen ist der Bügel mit Hilfe von jeweils zehn Rastungen für die linke und rechte Seite präzise verstellbar. Zum Anderen sorgt der Memory Foam/Gedächtnisschaum, mit dem das Kopfband gepolstert ist, für angenehmen, druckfreien Sitz auf des Kopfhörenden Haupt.
Aufsetzen und wohlfühlen
Auch die Ohrpolster sind aus dem gleichen Gedächtnisschaum gemacht, was für ein ausgesprochen angenehmes Tragegefühl sorgt. Auch Brillenträger werden diese Ohrpolster lieben, denn das Material reagiert direkt auf die Bügel und passt sich darauf an. Gleichzeitig schließt der Memory Foam das System Ohrmuscheln/Ohr gut ab. Ergänzend sei erwähnt, dass laut Austrian Audio dieser Memory Foam auch wegen seiner „hervorragenden akustischen Eigenschaften“ ausgewählt wurde.

Wie es sich für einen Profi-Kopfhörer gehört, werden die beiden mitgelieferten Anschlusskabel einseitig geführt. Sie werden an der linken Ohrmuschel angesteckt und mit einem Dreh verriegel. Der beiliegende Adapter, wie die Stecker – selbstverständlich für diese Preis- und Anspruchsklasse – vergoldet, wird geschraubt. Die Gewinde sind mit denen von AKG kompatibel, sodass wir auch den Adapter unserer K 702-Hörer verwenden konnten. Die linke und rechte Seite offenbart der Hi-X65 dank der weißen Innenbedruckung bereitwillig – und wir finden das einmal mehr richtig gut. Denn nicht nur bei ungünstigen Lichtverhältnissen sind mikroskopisch kleine, zudem kaum zum Untergrund kontrastierende Bedruckungen ein Ärgernis. Austrian Audio macht es, wie auch Sennheiser beim dem in dieser Ausgabe getesteten HD 480 Pro, genau richtig. Danke sehr.
Weniger gut gefällt uns der schlichte Tragebeutel, in den sich der Hi-X65 dank seiner um 90 Grad drehbaren Ohrmuscheln immerhin gut verstauen lässt. Ein so fein gearbeiteter Kopfhörer hätte schon ein Köfferchen verdient. Okay, da ist der Wiener in bester Gesellschaft mit einigen namhaften Mitbewerbern und es geht zuvörderst um den Kopfhörer als solchen.

Der auch bei den technischen Daten überzeugen kann: Der darstellbare Frequenzumfang reicht von sehr tiefen fünf Hertz bis hinauf zu immerhin 28 Kilohertz, was ein detailreiches Hörbild verheißt. Neben der hohen Empfindlichkeit von 110 dB SPL/V und einer Nennbelastbarkeit von 150mW vermerken wir vor allem die niedrigen Verzerrungswerte von <0,1 %. Außerdem ist der Hi-X65 mit einer Impedanz von lediglich 25 Ohm eine sehr niederohmiger Kopfhörer. Damit lässt er sich ohne Not an jedem „bus powered“ Audio-Interface oder, wenn‘s denn unbedingt sein muss, schwachbrüstigen Taschenkommunikator betreiben.
Vollendeter Feindarsteller
Das liegt uns allerdings ferner als Alpha Centauri. Stattdessen muss der Hi-X65 an unserer Referenz-Combo, bestehend aus Mutec MC3 + USB, Mytek 8×192 ADDA und zu bester Letzt Violectric HPA V281 zeigen, was er drauf hat. Dafür muss er uns verschiedenes Material zu Gehör bringen – von ausgewählten Lieblings-/Referenztiteln bis hin zu unseren eigenen Projekten.

Bevor wir ins Klangdetail gehen, ist vorab die bemerkenswert gute Abschirmung gegen Umgebungsgeräusche besonders zu erwähnen. Immerhin haben wir es mit einem offenen Kopfhörer zu tun. Doch der Wiener kann locker mit halboffenen Systemen mithalten, sodass ein konzentriertes Eintauchen in das zu überprüfende Material gewährleistet ist. Dass sich der Kopfhörer gleichwohl nur bedingt für Aufnahmen eignet, sei rein vorsorglich hinzugefügt.
Wir beschreiten unseren Hörparcours einmal mehr mit „Thriller“ vom gleichnamigen Michael Jackson-Album in 24Bit/176kHz-Auflösung – und werden Ohrenzeugen eines Hörfilms der Sonderklasse. Denn die detailverliebte Präzision, mit welcher der Kopfhörer aufspielt, ist fraglos auf ganz hohem Niveau. Das fängt an bei den optimal wiedergegebenen Perkussionseffekten, über die greifbar präsente Single Note-Rhythmusgitarre, die markante Basslinie und die supergenauen Bläserriffs bis hin zu den exakt im virtuellen Raum ortbaren Schritten, Instrumenten und sonstigen Effekten. Michael Jacksons eigentümlicher Gesang steht bombenfest inmitten des Geschehens und markiert das glorreiche Zentrum des genialen Arrangements. Vincent Price‘ gruselige Rede bildet den Rausschmeisser des Titels und der Austrian Audio-Kopfhörer serviert die sonore Stimme der Horrorfilm-Ikone genauso, wie wir es von richtig guten Wiedergabegeräten erwarten: Groß, rund und ohne nervige Präsenzschübe oder verfälschende Andickungen.

Da überrascht es uns rein gar nicht, dass der Hi-X65 auch der wunderbaren ECM-Produktion „Standards Vol. 1“ des Keith Jarrett Trios vollauf gerecht wird, aber auch den Steve Wilson Remix des Yes-Klassikers “Yours Is No Disgrace“ mit seinem impulsgeladenen Intro auf die Transienten folgt. Verfärbungen können wir auch bei schlechtestem Willen – den wir angehörts der Kompetenz des Österreichers kaum aufzubringen vermögen – nicht ausmachen.
Wir wechseln zu einem eigenen Projekt. Dabei handelt es sich um ein im Overdubverfahren mit Flamencogitarre eingespielten Duos namens „Rosen und Träume“. Das Besondere: Als Mikrofon verwendeten wir das Austrian Audio OC-S10, das sagenhafte Referenz-Mikrofon der Wiener. Davon abgesehen, dass wir den Edelklang des Mikrofons über den Kopfhörer wiedererleben, fällt uns besonders positiv auf, dass der Hi-X65 auch den bewusst sehr dezent beigefügten Hall und seine Interaktion mit den Gitarrensignalen akribisch wiedergibt. Dank des sehr guten Impulsverhaltens folgt der Kopfhörer den perkussiven Picados der Melodiegitarre, während die runden Bässe der ersten Gitarre stets Kontur behalten.
Auch die elektrische Fassung von „Rosen und Träume“, eingespielt mit Solidbody Nylonstring und Ovation Custom Legend bringt der Hi-X65 bestens zu unserem Gehör. Weniger kompetente Kopfhörer können den Klang der Piezo-Systeme der beiden Instrumente unangenehm „brizzeln“ lassen – und beim Abmischen/Bearbeiten ist der Griff zum Klangsteller programmiert. Genau das passiert mit einem wahrheitsliebenden Kopfhörer wie dem Hi-X65 eben nicht. Dass er damit auch Misslungenes gnadenlos entlarvt, mag ernüchternd sein. Aber: Genau das erwarten wir von einem Arbeitsgerät. Als solches und mithin als verlässliche Kontrollinstanz erweist sich der Austrian Audio-Hörer. Gleichzeitig werden ihn auch Musikliebhaber ins Herz schließen, denn sofern das Material optimal produziert ist, lässt sich selbiges inniglich erfahren und genießen.

Fazit
Mit dem Hi-X65 ist bewiesen, dass sich Austrian Audio auch auf Kopfhörer bestens versteht. Denn der dynamische Kopfhörer in offener Bauweise erweist sich als echtes Arbeitsgerät, der dank seiner neutralen Abstimmung, feiner Auflösung und hervorragendem Impulsverhalten Mix und Mastering erleichtert.
Hi-X65
| Hersteller | Austrian Audio |
| Vertrieb | https://de.austrian.audio |
| Typ | Dynamischer Kopfhörer |
| Preis [UVP] | 349,95 Euro |
| Farbe | Grau-Schwarz |
| Gewicht | 310 Gramm |
Technische Daten
| Wandlerprinzip | dynamisch | |
| Bauweise | offen, ohrumschließend | |
| Frequenzbereich | 5 Hz – 28 kHz | |
| Impedanz | 25 Ohm | |
| Empfindlichkeit | 110 dB SPL/V | |
| Nennbelastbarkeit | 150 mW | |
| Klirrfaktor | <0,1 % | |
| Anschlusskabel | 2 x 3,5 mm Klinke 1,2 und 3 m m, einseitig geführt | |
| Zubehör | ||
| Besonderheiten | Hi-Xcursion-Technologie-Wandler mit besonders hohem Magnetfeld, sehr gute Abschirmung, hoher Tragekomfort, Made in Austria. |
Bewertung
| Kategorie | Oberklasse |
| Ausstattung | sehr gut |
| Bedienung | sehr gut |
| Verarbeitung | sehr gut – überragend |
| Klang | sehr gut – überragend |
| Gesamtnote | sehr gut – überragend |

