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Oktober 29, 2026

Test: Audeze LCD-S20 – Der Mehrklangkompetente

Mit dem LCD-S20 schickt Audeze ein vergleichsweise günstigen geschlossenen ­Magnetostaten ins Rennen, der mit allerneuster Technik Musiker und Toningenieure ­überzeugen will.

Text und Fotos von Harald Wittig

Audeze, us-amerikanischer Spezialist für orthodynamische Kopfhörer, die wir auch als Magnetostaten kennen und hochschätzen, baut seine Produktpalette kontinuierlich aus: Nach dem sündhaft teueren und hochgelobten Flaggschiff CRBN2, als solcher allerdings ein Elektrostat für HiFi-Enthusiasten (siehe Test in Ausgabe 05/2025), haben die kopfhörerbesessenen Kalifornier mit dem LCD-S20 einen neuen Studiokopfhörer im Angebot. Der ist schon für rund 550 Euro zu haben und  damit nach dem MM-100 des Herstellers günstigster Profi-Kopfhörer. Nur die Gaming-Hörer der Maxwell-Reihe sind für noch weniger Geld zu haben. Mit dem MM-100 teilt sich der LCD S-20 einige technische Spezifikationen, bietet allerdings auch allerneuste Audeze-Technologie. Außerdem ist der Neue ein geschlossener Kopfhörer, mithin nicht alleine fürs Monitoring, und Mixing und gegebenenfalls Mastering einsetzbar, sondern auch fürs Aufnehmen. Denn dank seiner versprochenen hohen Schallisolation soll Übersprechen bei Mikrofonaufnahmen kein Thema sein. Nun, damit soll es der Banalitäten genug sein. Schärfen wir Augen und Ohren für die eingehende Begutachtung des LCD-S20.

Bewährtes und Brandneues

Wie bereits angeklungen, teilt der LCD-S20 einige technische Details mit den beiden schon bekannten und bewährten MM-Hörern MM-100 und MM-500. Da ist unbedingt zuerst der in Kalifornien von Hand gefertigte planar-magnetische Treiber zu nennen. Anders als die hochpreisigeren LCD-Modelle mit ihren 106 Millimeter durchmessenden Membranen beträgt der Membrandurchmesser beim Neuen und allen MM-Modellen 90 Millimeter. Wie es sich gehört, fehlen die patentierten Audeze-Spezialitäten nicht: Das fängt an bei der ultradünnen Uniforce-Membran, übers Fluxor-Magnetsystem mit N50-Neodym-Magenten bis zum Fazor-Wellenleiter zur Phasenkontrolle. Allesamt Technologien, die sich der Hersteller patentieren ließ und die nach Audeze-Aussage einen erweiterten Frequenzbereich von zehn bis 40.000 Hertz bei einem Gesamtklirrfaktor von unter 0,1 Prozent bei 100 Dezibel garantieren.

Das ­Anschlusskabel ist wahlweise rechts oder links ­anschließbar. Die Ohrmuscheln sind mit speziellem Dämmstoff zur Schallisolierung bezogen. Mit dem grauen Metall-­Skelett des LCD-S20 harmoniert der Stoff bestens.

„Gut, was hat der LCD-S20 dann sonst noch Tolles zu bieten? Hm?“, werfen Aufmerksame jetzt ein und wir wollen die Antwort nicht schuldig bleiben: Die Audeze-Entwickler haben in den LCD-S20 die sogenannte SLAM-Technologie – das Akronym steht für den sperrigen Begriff „Symmetric Linear Acoustic Modulator“, unelegant als „symmetrischer linearer akustischer Modulator“ ins Deutsche übertragen – integriert. Diese neue, zum Patent angemeldete Technologie nutzt präzise kalibrierte akustische Kanäle zur Optimierung des Luftstroms um die Planar-Membran. Daraus resultiere ein lineare und kontrolliertere Wiedergabe der Bassfrequenzen. Die gefürchteten, oft auch bei teueren HighEnd-Kopfhörern in geschlossener Bauweise zu hörenden unpräzisen und aufgrund von unerwünschten Resonanzen angedickten Bässe kenne der LCD-S20 dank SLAM nicht. Stattdessen glänze seine Basswiedergabe durch Natürlichkeit, Tiefe und Dynamik. Auch hohe Lautstärken sollen den Kopfhörer nicht aus der Tieftonruhe bringen. Damit noch nicht genug, profitiere auch die Raumdarstellung von SLAM. Tatsächlich gibt es schon erste Anwender-Zeugnisse, die dem LCD-S20 eine Räumlichkeit zusprechen, die sonst nur von offenen Systemen bekannt ist. Nun, das klingt alles sehr verheißungsvoll und wir sollten nicht vergessen, dass der CRBN2, der mit SLAM debütierte, ein herausragender Elektrostat mit überragender Basswiedergabe ist.

Bässer und räumlicher

Aha, die kritischen Leser melden sich wieder zu Wort: „Na ja, das klingt nach einem Bassreflex-System. An und für sich nichts Besonderes, oder?“. Grundsätzlich richtig, allerdings geht SLAM weit über eine schlichte Öffnung, etwas vornehmer ausgedrückt: einen konventionellen Bassreflex-Port hinaus. Herzstück der Audeze-Entwicklung sind die empirisch auf Basis von Messungen und Hörtests kalibrierten akustischen Kanäle, die den Druck auf die gesamte Uniforce-Membran regulieren. Das verbessere Linearität und Basskontrolle, ohne dass Verzerrungen verursacht würden. Es kommt damit im Tiefton-Bereich bis 10 Hertz zu einer Anhebung um sechs Dezibel, was selbstverständlich nicht bedeutet, dass bei den Hörern mit SLAM-Technologien der dargestellte Bassbereich einfach im Pegel angehoben ist. Audezes etwas langatmige und teilweise verwirrende Beschreibung sorgt kaum für Klarheit. Dennoch: Wer mehr erfahren möchte, kann gerne auf der Audeze-Website unter der Rubrik „Technologie“ nachlesen.

Der Kopfhörer ist nur über drei feste Rastungen verstellbar. Die Kanäle sind, wenig auffällig, markiert.

Der LCD-S20 ist also der zweite Audeze mit integrierter SLAM-Technologie. Bereits angekündigt und vielleicht noch im Sommer dieses Jahres lieferbar ist der jedoch rund drei Mal so teuere MM-520 als Dritter SLAM-Hörer im Portfolio. Wie sein älterer Vetter MM-500 ist auch der angekündigte Hörer in offener Bauweise ausgeführt. Insoweit bleibt der LCD-S20 vorerst konkurrenzlos.

Grundsätzlich ist der LCD-S20 hochwertig verarbeitet, die wesentlichen Bauteile sind aus Aluminium, Magnesium und Stahl, woraus Robustheit und eine gewisse Gewichtsreduktion resultieren. Ein Leichtgewicht ist der konstruktionsbedingt auch nicht eben kleine Hörer allerdings nicht: Mit seinem Lebendgewicht von 550 Gramm liegt er sogar im oberen Drittel bei den Magnetostaten. Wer noch über keinerlei Erfahrung mit diesem Kopfhörertyp hat, wird den Audeze sicherlich als ungewöhnlich schwer auf dem Kopf empfinden. Die mit Gel gefüllten Ohrpolster aus Kunstleder sorgen für ein recht angenehmes Tragegefühl. Sie haben außerdem eine bemerkenswert gute Wärmeableitung, weswegen wir zumindest längere Hör- und Aufnahmesitzungen in den sommerlichen Hochhitzetagen ohne fiese Schweißausbrüche überstanden haben. Richtig lässig: Die Ohrpolster werden mittels Magneten an den Ohrschalen sicher gehalten, sind damit aber blitzschnell austauschbar.

Kein Leichtgewicht

Der Anpressdruck des Hörers ist recht gut, allerdings mag er keine ruckartigen Bewegungen. Musiker, die gerne mit reichlich Körpereinsatz einspielen, können den LCD-S20 schon mal aus der sicheren Sitzposition bringen. Sagen wir‘s so: An den LCD-S20 müssen sich Musiker und Toningenieure, die beispielsweise mit Klassiker wie dem Beyerdynamic DT 770 oder dem AKG K271 gearbeitet haben, erst gewöhnen. Interessant auch, dass das Kopfband über dem Echtleder-Kopfpolster sitzt und mit dem Trägerschädel kaum in Kontakt kommt. Zumal der LCD-S20, wie auch das Modelle MM-100 nur eine einfache Verstellung mit drei Rastungen bietet. Der kommende MM-520 bietet dagegen die weitaus flexiblere, den Tragkomfort nach unserer Erfahrung klar erhöhenden Mechanismus der teueren Audezes.

Die Ohrpolster sind aus Kunstleder und mit Geld gefüllt. Sie leiden die Wärme sehr gut ab. Dank Magnetbefestigung sind die Polster geschwind ausgetauscht.

Rein äußerlich bedingt die geschlossene Bauweise ein anderes Erscheinungsbild. Das stilisierte „A“ der offenen Audezes musste zwangsläufig wegfallen. Stattdessen sind die Ohrschalen mit einem speziellen Dämmstoff bezogen, der so wenig Geräusche wie möglich eindringen und austreten lassen soll. Es sieht jedenfalls gut aus und bildet mit den grauen Skelettteilen des Hörers ein harmonisches Ganzes.

Das geflochtene Anschlusskabel ist von etwas einfacherer Machart als das der hochpreisigeren Hörer. So gibt es zum Anschluss an die Ohrmuscheln anstatt der beiden Mini XLR-Steckern, einfachere 3,5 Millimeter-Klinkenstecker. Dafür lässt sich das Kabel wahlweise an der rechten oder der linken Ohrmuschel anschließen. Das ist nicht nur unserer Meinung nach die beste Lösung für einen Studiokopfhörer, der auch zum Einsingen oder Einspielen zum Einsatz kommen soll. Audeze weiß also genau, was Musiker wünschen.

Für den Anschluss an einen Kopfhörerverstärker, ein Mischpult oder das Audiointerface setzt Audeze sinnvollerweise auf den 6,3 Millimeter-Klinkenstecker. Die Miniklinke gibt es via etwas wuchtigem Adapter. Zugegeben, uns gefallen die Schraubadapter à la AKG und Austrian Audio besser, freuen uns gleichwohl, dass wir uns nicht mit einem schlichten Steckadapter, wie ihn Fostex seinen Hörern beigibt, begnügen müsse. Die können schon mal beim Abziehen im HPA hängen bleiben. Nicht immer so toll.

Das Kopfband – unterhalb des ­Kopfbügels – ist aus Echtleder.

Dass Audeze für den LCD-S20 nicht mal einen Transportbeutel mitliefert, gefällt uns weniger, zumal sich der Kopfhörer im immerhin vollständig schaumstoffgepolsterten Karton nur mit abgezogenem Kabel zur Ruhe betten lässt. Da sollte doch für den Anschaffungspreis – schließlich auch nicht so niedrig – mehr drin sein.

Ungewohntes Hörerlebnis

Mit 18 Ohm ist der Kopfhörer bemerkenswert niederohmig und sollte damit auch bei weniger leistungsstarken Kopfhörerverstärkern und mobilen Endgeräten betreibbar sein. Nein, so einfach ist es mal wieder nicht. Tatsächlich benötigt der LCD-S20 einen potenten Kopfhörerverstärker wie unsere Referenz-HPAs Violectric V200 und V281, die sich dank „Pre-Gain“ an den höchstens „mittellauten“ Audeze bestens anpassen lassen. Gleichwohl lässt sich mit dem Kopfhörer angeschlossen an den Kopfhörerausgang eines Mischpults oder Audio-Interfaces arbeiten. Wir kommen ganz gut klar mit den Ausgängen des Universal Audio Apollo 8 und des SSL 2+, wenngleich sich der Audeze daran angeschlossen unter Wert verkauft. Womit wir doch direkt in die Klangbeschreibung einsteigen wollen:

Jede Wette, wer über Erfahrungen mit Magnetostaten verfügt und den LCD-S20 ganz unvoreingenommen zum ersten Mal aufsetzt, wird überrascht sein. Denn tatsächlich ist die Basswiedergabe des neuen Audeze anders. Die Bässe sind ungewöhnlich prominent und deutlich, dabei aber sehr klar und fokussiert. Kein geschlossener Dynamiker liefert solche Bässe. Punkt. Aber auch wir haben zunächst den Eindruck des „Zuviel des Bässeren“ und greifen anfangs häufiger zu offenen oder halboffenen Magnetosta-ten wie unserem Fostex T50 RPmk4. Doch dann, nach längerem Einhören sind wir vom LCD-S20 überzeugt. Diese Basswiedergabe hat Klasse und spielt definitiv auf Oberklasse-Niveau. Deswegen vertrauen wir beim Einspielen der Synthesizer-Parts unserer Komposition „Requiem“ nach zwei Probeläufen mit dem ansonsten stets eingesetzten Beyerdynamic DT 770 PRO ganz auf den Audeze. Warum? Es klingt einfacher opulenter und – Warum auch nicht? – schlicht schöner. Die Synthiesounds sind bereits fertig und komplett in Stereo mit Hall aufgepeppt – und wir können die Räumlichkeit dieser Klänge in ihrer ganzen Pracht genießen. Denn die Raumdarstellung des LCD-S20 ist, ganz wie verhießen, ausgezeichnet und macht sehr guten offenen Kopfhörern wie dem Austrian Audio Hi-X65 Konkurrenz. Deswegen gefällt der Audeze auch beim Einsingen oder Einspielen von Gesangs- beziehungsweise Instrumentalspuren zum Playback. Denn was der Solist über den Magnetostaten hört, hat einfach einen höheren Mehrklangwert. Wie versprochen und auch von uns erwartet, ist der Hörer sehr gut schallisoliert, sodass auch die Aufnahme eines Akustikgitarrensolos mit entsprechend weit offenem Mikrofon von Übersprechern unbelastet bleibt.

Der 3,5 mm-Stereoklinkenadapter ist recht wuchtig, verbindet sich aber sehr gut mit dem geflochtenen ­Anschlusskabel.

Fragt sich, ob der LCD-S20 auch tauglich fürs Mischen ist. Er tönt sicherlich eher warm, wenngleich er für unsere Ohren nicht dunkel abgestimmt ist. Wer vor allem eine Betonung der Höhen knapp oberhalb des Präsenzbereichs erwartet, wird den Kopfhörer zu „bedeckt“ empfinden. Wir meinen hingegen, dass sich sehr wohl mit ihm mischen lässt – nicht weniger gut, wegen der grandiosen Basswiedergabe sogar besser als mit dem ebenfalls eher warm tönenden Fostex T50RPmk4. Denn das bauartbedingt herausragende Impulsverhalten macht da, Stichwort Transienten, vieles wett. Am Ende gefällt uns der LCD-S20 sogar so gut, dass wir ihn auch zur Erstellung des Dolby Atmos-Mixes vom „Requiem“ verwenden. Seine Mehrklangkompetenz hat den Ausschlag gegeben.

Fazit

Der geschlossene Audeze LCD-S20 überzeugt: Seine Basswiedergabe und Raumdarstellung sind herausragend, sein warmer, aber detailreicher Klang bei exzellentem Impulsverhalten macht ihn zum Magnetostaten mit hohem Mehrklangwert, ist er doch für Aufnahme, Monitoring und Mixing geeignet.

HerstellerAudeze
Vertriebwww.megaaudio.de
TypMagnetostatischer Kopfhörer
Preis [UVP]549 Euro
FarbeGrau/Anthrazit
Gewicht 550 Gramm
Wandlerprinzipmagnetostatisch/orthodynamisch
Bauweisegeschlossen
Frequenzbereich10 Hz – 40 kHz
MagneteNeodymium
Impedanz18 Ohm
Empfindlichkeit93 dB/1mW
Anschlusskabel 1 x 6,3 mm Klinke, einseitig geführt
Zubehör Adapter 3,5 mm Klinke
BesonderheitenZweiter Audeze-Kopfhörer überhaupt und erster ­Studio-Kopfhörer mit SLAM-Technologie, Ohrpolster mit Magneten befestig
KategorieOberklasse
Ausstattunggut bis sehr gut
Tragekomfortgut bis sehr gut
Verarbeitungsehr gut
Klangsehr gut
Gesamtnotesehr gut